2004-11-24 Gedenkveranstaltung im Abgeordnetenhaus von Berlin

 

Es gilt das gesprochene Wort

Rede von
Frau Erika Steinbach MdB, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen
60 Jahre AVNOJ-Beschlüsse und ihre Folgen
Gedenkveranstaltung im Abgeordnetenhaus von Berlin
am 24. November 2004

Vergessene Schicksale im ehemaligen Jugoslawien
 
In Deutschland gibt es nicht viele Menschen, die mit dem Begriff AVNOJ etwas verbinden können.Woher auch sollen sie wissen, dass sich hinter diesem Kürzel der "Antifaschistische Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens" unter der Führung des Partisanenkommandanten Josip Broz, genannt Tito, verbirgt.

Wenn wir heute über die Vertreibung der Deutschen lesen und hören, könnte man glauben, diese Menschrechtsfrage bezöge sich nur auf Polen oder die tschechische Republik. Es ist weitgehend aus dem Blickfeld geraten, dass es diese Schicksale für Deutsche in nahezu allen mittel-ost-europäischen Ländern gegeben hat. Art und Umfang der Vertreibungen waren höchst unterschiedlich. Auch das gegen deutsche Zivilisten wirksame Gewaltpotenzial war nicht einheitlich. Es reichte von spontanen Racheakten über Gewalt aus Habgier bis hin zu vorsätzlich geplanten Vernichtungsaktionen.

Der Untergang der deutschen Volksgruppen in Jugoslawien gehört mit Sicherheit zu dem Grausamsten was es in der Mitte des 20. Jahrhunderts gegeben hat. Die Dramatik dieses Geschehens speiste sich nicht allein aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern aus der Zerrissenheit dieser Balkanstaaten und einem doppelten Konfliktpotential, dem nationalen und dem religiösen. Das Spannungsverhältnis zwischen Katholiken, Orthodoxen und Muslimen einerseits hatte zusätzliche Brisanz durch die Vielzahl der Volksgruppen von Slowenen über Serben, Kroaten, Bosnier, Mazedonier und Albaner. Dazwischen die deutsche und ungarische Minderheit. Deren Bedeutung lag nicht in ihrer zahlenmäßigen Stärke, sondern vor allem in ihrem wirtschaftlichen Erfolg.
Der Untergang der deutschen Minderheit begann mit Beginn der Partisanentätigkeit einerseits der sogenannten Tschetniks des großserbischen Monarchisten Draza Mihailovic und andererseits des Generalsekretärs der KPJ Josip Broz, uns unter dem Namen Tito bekannt, und seiner "Proletarischen Brigaden".

Die besonders grausame Gewalt der Partisanen richtete sich nicht nur gegen die deutsche und italienische Besatzungsmacht oder deutsche Zivilisten. Im kroatischen Bereich fielen die griechisch-orthodoxen Serben den Massakern der Ustascha-Milizen zum Opfern. Die Serben begannen in ihrem Bereich mit der Ausrottung der dort lebenden Muslime. Die Grausamkeit der Partisanen übersteigt bis heute unser Fassungsvermögen.

Nicht alleine das Töten, sondern Folter und entsetzliche Verstümmelung waren ab 1941 an der Tagesordnung.  Die Reaktionen der italienischen und deutschen Wehrmacht waren drastisch und trotzdem hilflos. Für jeden von Partisanen erschossenen Soldaten sollten laut Keitel-Befehl 50 bis 100 Geiseln erschossen werden. Beeindruckt hat es die Partisanen nicht.

In dieser furchterregenden Gemengelage lebten die Volksdeutschen. Die wehrfähigen Männer wurden ohne die Chance eines Ausweichens unterschiedslos nicht zur Wehrmacht eingezogen, sondern zur Waffen-SS. Freiwilligkeit war reine Theorie. Heinz Navratil hat sehr richtig beschrieben, dass die Rekrutierung oft mit physischem und psychischem Zwang verbunden war, wobei auch Todesfälle und Hinrichtungen vorkamen.

Für Tito war all das willkommener Anlass, sich der deutschen Minderheit in Jugoslawien ein für alle mal zu entledigen, sie auszurotten. Dieses Schicksal ereilte auch 40.000 Albaner, die Anfang 1945 im Kosovo ermordet wurden. Beim Rückzug der deutschen Truppen aus Jugoslawien lebten gegen Ende 1944 nur noch knapp die Hälfte der deutschen Volksgruppen in ihrer Heimat. Zu diesem Zeitpunkt hatte Titos AVNOJ in Jugoslawien die Oberhoheit gegenüber den anderen Partisanenorganisationen gewonnen. Das bedeutete nicht nur für die deutsche Minderheit eine Schreckensherrschaft, sonder auch für die antikommunistischen Kräfte in Jugoslawien.

AVNOJ erklärte sich selbst bereits auf seiner Sitzung vom 21. bis 29. November 1943 in Jajce zum obersten Legislativ- und Exekutionsorgan Jugoslawiens. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden die Grundlagen für den Völkermord an den Deutschen in Jugoslawien gelegt.
Das betraf drei deutsche Volksgruppen:
- die Donauschwaben
- die Deutsch-Untersteirer
- die Gottscheer
Den formellen Beschluss zur entschädigungslosen Enteignung aller in Jugoslawien lebenden Bürger deutscher Abstammung fasste der AVNOJ am 21. November 1944 - also vor nunmehr 60 Jahren.

Er erklärte diese Bürger Jugoslawiens in einem außergerichtlichen Verfahren kollektiv zu Volksfeinden, die zwar nicht ihre Staatsbürgerschaft, wohl aber alle staatsbürgerlichen Rechte verloren. Für alle, die nicht rechtzeitig die Flucht ergriffen hatten, begann eine Zeit des Schreckens. Von den 200.000 in ihrer Heimat verbliebenen Zivilpersonen wurden 170.000 in Lagern interniert. Von ihnen gingen nahezu 60.000 durch Mord, Misshandlungen und Hunger sowie an Mangelkrankheiten zugrunde. Unter ihnen waren mehr als 6.000 Kinder unter 14 Jahren. Zuvor waren schon Tausende Zivilpersonen ermordet worden. Jeder Dritte der in der Heimat verbliebenen Deutschen verlor zwischen 1944 und 1948 das Leben. Es war, daran besteht für den jugoslawischen Bereich kein Zweifel, Völkermord. Damit fand die vielhundertjährige Siedlungsgeschichte der Deutschen auf dem Balkan ein grauenhaftes Ende. Alle Deutschstämmigen wurden in Lagern eingesperrt. Zehn dieser Orte waren nichts anderes als Todeslager.

Im Banat waren es Rudolfsgnad und Molidorf, in der Batschka Jarek, Gakowa und Kruschiwl, in Syrmien die Seidenfabrik in Syrmisch-Mitrowitz und in Slawonien Kerndia und Walpach.

Es übersteigt unser Vorstellungsvermögen, was sich in diesen Lagern abgespielt hat. Als ich das erste Mal Zeitzeugenberichte nachlas, hat es mir über Nächte hinweg den Schlaf geraubt. Über das Todeslager Rudolfsgnad berichtete ein Zeitzeuge:
"Wir gingen täglich, um aus dem Pumpbrunnen Wasser zu trinken. Hier saßen die Kinder bei Sonnenschein und fingen die Läuse ihres Nachbarn. Fast alle hatten die Krätze, vereiterte Mundwinkel, ja bei manchen waren schon Teile der Wangen weggefault und die Zähne waren wie bei einem Skelett zu sehen. Die meisten weinten verhalten und kraftlos, dennoch war das Stöhnen dieser armen Kinder auch außerhalb des Hauses zu hören“.

In dem Todeslager Gakowa kamen innerhalb weniger Monate 8.500 Donauschwaben zu Tode. Ab Mai 1947 betreute Kaplan Paul Pfuhl die Sterbenden. In einem späteren Bericht über diese Zeit schildert er vielfaches menschliches Leiden und die seelischen Folgen. Sein Bericht ist beredtes Zeugnis auch der seelischen Not der Gefangenen. Er berichtet u. a.:
"Diese Häuser waren Stätten des Grauens. Wie oft habe ich Beichte gehört und die letzte Ölung gespendet. Ein Fall steht mir noch ganz lebendig vor Augen. Da lag eine Frau im Hausgang, ich fragte sie, ob sie nicht beichten wolle. Schroff wies sie mich ab. Sie hätte nichts zu beichten. Als ich ihr zuredete, dass wir doch alle Sünden hätten und die Verzeihung Gottes brauchten, kam es hart über ihre Lippen: Mir hat Gott nichts zu verzeihen, höchstens habe ich ihm zu verzeihen“.
Die Verzweiflung überwog hier den Glauben an Gottes Güte. Nicht jedem ist es gegeben, Schicksalsschläge wie einst Hiob zu ertragen. Für die meisten der deutschen Vertreibungs-, Deportations- und Lageropfer aber war Gott die einzige Zuflucht, ja der Rettungsanker in ihrem fast unerträglichen Leben.
Und so sind wir heute besonders dankbar, dass wir mit Erzbischof Zollitsch, einen hochrangigen geistlichen Würdenträger als Zeitzeugen haben.

Für die Völker Europas ist es nötig, dass sich niemand in seinem persönlichen traumatischen Erleben vergräbt. Genau so nötig ist es aber auch, an den Schicksalen Anteil zu nehmen, der Opfer zu gedenken und ihnen ein ehrendes Andenken zu bewahren. Heute gibt es einen konstruktiven Dialog der überlebenden Deutschen aus Jugoslawien und den jeweiligen Regierungen der Nachfolgestaaten auf dem Balkan. Es gibt Gedenkstätten an den Orten der Massengräber in Gakowa, Rudolfsgnad und Kikinda – alle im Bereich des heutigen Serbien – und im kroatischen Kerndia und Walpach.
Das ist ein gutes Zeichen und lässt für die Zukunft hoffen.