Das Erwachen der Toten im Frühling

Auszug aus  "Ein Volk an der Donau" von Nenad Stefanovic´. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.)  München 1996. S.131-136

Im Morgengrauen sahen wir auf dem Bahnhofsschild die Bezeichnung "Knicanin" und darunter die alten Buchstaben "Rudolfsgnad". Es war der 1. November 1945. Wir befanden uns vor dem zukünftigen "Sammellager Knicanin". Auf dem Transport waren fünf Personen gestorben. Eine davon war die Klemens- Neni, mit der wir in Brestowatz zusammen gewohnt hatten.

In diesem ehemals schwäbischen Dorf Rudolfsgnad haben einst 3.500 Menschen gelebt, die meisten von ihnen waren im Herbst 1944 über die Theiß geflüchtet. Jetzt wurden hier 25.000 Lagerhäftlinge untergebracht. Wir besaßen nichts. Für die Leute des Lagers Banatski Brestovac wurden zwei Bereiche zugeteilt., die östliche halbe Straße bis zur Mühle und das letzte Viertel im Westen an der Theißbrücke. Mein Großvater, Großmutter, Tante Maria, mein Cousin Stefan und ich hatten das "Glück", daß wir für uns ein Haus bekamen. Woanders wurden bis zu 30 Personen in ein Zimmer zusammengepfercht. Unser Haus hatte ein kaputtes Dach, es war durch die Sprengung der Brücke beim  Rückzug der Deutschen beschädigt worden. Es war das vierte Haus neben der Brücke. In den Räumen gab es keine Zimmerdecken und auch keine Fenster. Eine Tür gab es nur zur Küche. Zwei weitere Türen und die Fenster waren kaputt, ebenso das kleine Küchenfenster. In dieses Küchenfenster steckten wir einen mit Laub gefüllten Sack. Laub gab es auch auf dem nackten Boden neben dem Sparherd, der stets ohne Feuer blieb. Das war unsere ganze Habe. Wie alle "Logoraschen" (Serbische Bezeichnung für Lagerleute.) schliefen wir wegen der Kälte und der Ratten in Kleidern auf dem Fußboden. Die Ratten griffen die Leute, wenn sie schliefen, an. Ich weiß nicht wer hungriger war, wir oder sie.

Am 3. November erhielten wir zwei Kessel für unseren Bereich, in dem sich um die 500 Personen befanden, die meisten waren aus dem Pantschowaer Vorort Topola. Man nannte uns die "neunte Küche". Meine Tante und noch eine andere Frau waren als Köchinnen beschäftigt. Sie kochten an einem Tag zwei Kilogramm Maismehl ( gemahlen samt den Kolben), und am nächsten Tag zwei kleine Krautköpfe. Manchmal erhielten wir Erbsen und Bohnen. Die Suppe wurde einmal taglich ausgeteilt. Etwa ein halber Liter warme Brühe, die so dünn und durchsichtig war, daß einmal eine Frau ihren Teller mit Suppe der Nachbarin auswusch, weil sie dachte, es sei Waschwasser. Wer konnte und rührig war, schlich in der Nacht aus dem Dorf, um auf den Feldern nach Kartoffeln zu suchen und sie gefroren aus der Erde zu buddeln, oder nach einen Kolben Mais. Einige gingen auch in Nachbardörfer und tauschten ihre letzten Hemden oder Kleider für etwas Essen. Eine jede solche Nahrungssuche war außergewöhnlich gefährlich, weil verboten. Wer von den Wächtern erwischt wurde, erhielt Prügel und wurde in den Keller oder Bunker geworfen, wo er acht Tage im Wasser stehen mußte. Einige Wächter schossen auf die Suchenden, sodaß wir im Frühling tote oder erfrorene Lagerinsassen in den Maisfelder fanden. Sie warteten, daß die Wächter vorbeigingen und waren eingeschlafen.

Bei zwei Drittel meiner Bettelgänge hatte ich Glück. Jedoch einmal rief mich in Perlas ein Zigeuner in die Wohnung, üm Sachen zu tauschen, und nahm mir dann Großvaters Mantel und die Schuhe weg. Weggenommen wurde mir dabei auch die ganze Tasche mit Lebensmitteln, und dann jagte er mich auf die Straße. Halb nackt und barfuß eilte ich durch den Schnee die fünf Kilomieter nach Rudolfsgnad zurück. Wie ich schon erwähnte, war meine Mutter gestorben und so war es mir am schrecklichsten, wenn mir beim Betteln die Leute die Muttter verfluchten; "Idi u tri p....Svapske!" (Geh zurück - verschwinde in deiner Mutter Scheide).

Zu Weinachten 1945 verbot der Kommandant für fünf Tage die Essenausgabe. Im ganzen Monat Januar bekamen wir alle nur je 750 Gramm Maisschrot, sonst nichts. Die Leute starben wie Mücken im Herbst. Die Großmütter veheimlichten den Tod der Kinder, die Kinder meldeten nicht, daß ihr Großvater oder die Großmutter gestorben war, um deren karge Rationen zu erhalten. Am schwersten war es Ende Januar 1946, als Typhus ausbrach. Von Tag zu Tag starben immer mehr Leute. Aus unserem Lagerbereich Topola (9.Küche ) wurden täglich volle Wagen mit Verstorbenen abgeholt.

Tante Maria starb am 29. Januar. Meine Grußmutter band ihr ein Tuch um den Kopf um ihr einen Schutz im Massengrab zu geben. Mein Großvater und ich trugen sie in den Koridor hinaus. Am nächsten Morgen fand ich sie mit ganz abgenagtem Gesicht, ein Werk der Ratten. Ich wurde ihr Nachfolger in der Küche, machte Feuer unter dem Kessel und verteilte die Suppe. Von Tag zu Tag kamen weniger Leute. Sie waren krank oder gestorben. Sie lagen hilflos in den Häusern auf dem Fußboden und warteten, daß ihnen jemand etwas zu essen bringt. Die meisten waren so alt, daß sie nicht aufstehen konnten, sodaß in vielen Häusern alle an Hunger starben.

Noch heute habe ich einen Jungen vor Augen, der neun Jahre alt war; er sah dem Tode ähnlich. Nur Knochen, große Augen und einen dicken Bauch. In den Händen trug er ein Nachtgeschirr, das er wegen der Kälte und der Krankheit fast nicht halten konnte. Er bat mich, es ganz anzufüllen, weil seine Geschwister und die Großmutter schon seit mehreren Tagen nichts zu essen bekommen hatten. Als ich es anfüllte, fiel es ihm aus der Hand. Sofort warf er sich auf den Boden, um noch etwas mit dem Mund aufzufangen.

Mitte Februar wurde auch ich von der Krankheit erfaßt. Sie setzten mich auf den Wagen der Toten und fuhren mich zum Zentrum des Ortes. Dort war die Schule in ein Krankenhaus umgewandelt worden. Wir erhielten jeden Tag zu essen, zweimal Suppe. Aber hier im Krankenhaus starben mehr Leute als in den Häusern. Rechts und links von mir trug man Leichen weg und brachte dafür Lebende herein, die bald darauf ebenfalls starben. In acht Tagen zähle ich 100 Tote. Dann hörte ich auf zu zählen. Eines Tages kam mein Schulkamerad aus Heiduschitz, Awender Heinrich. Er kam ohne irgendetwas. Ich forderte ihn auf sich unter meine Decke zu legen, die ich von einem Toten genommen hatte, als ihn die "Helfer" in den Hof trugen. In der Nacht erwachte ich und fühlte, daß Heinrich kalt war. Bald darauf wurde ich entlassen, weil ich nicht gestorben bin. Es war am 5. März. Langsam, Schritt für Schritt schleppte ich mich die 900 Meter zu "unserem" Haus. Für diesen Weg benötigte ich fünf Stunden. Als ich ankam, sagte mir mein Großvater, daß Großmutter vorgestern, drei Tage vor ihrem Geburtstag, gestorben sei. Ihren Geburts- und Namenstag Maria hatte sie am 6. März. Großvater stand ebenfalls am Rande des Todes, bereits seit einigen Tagen haffe er nichts mehr gegessen. Sein Gesicht war blutig, die Partisanen hatten ihn geschlagen. Die Wache hatte bemerkt, daß er eine Latte vom Maisspeicher abgebrochen hatte, um für Großmutter ein zeichen auf dem Massengrab auf der Teletschka zu machen.

Ich begab mich an das andere Ende des Dorfes, wo sich das Lager "Jabuka" befand. In ihm waren die Bewohner von Vojlovica untergebracht. Am Leben waren dort noch die Schwester meines Großvaters und ihre zwei Töchter. Mit denen gingen wir zu Großvater zurück. Zuviert haben wir ihn mit den Händen nach dem Lagerbereich "Jabuka" geschleppt. Er starb am 14. April. Nur so lange konnten wir sein Leben verlängern. Quer über die Straße von Großvaters Schwester lebten die Eltern meines Vaters. Beim Besuch fragte ich sie nach meinen Halbgeschwistern Johann und Karl und nach deren Schwester Resi Das waren meine Halbgeschwister väterlichersseits. Sie sagten mir, daß sie im Kinderheim untergebracht sind, und ich solle doch dorthin gehen. So erfuhr ich, daß auch ein Kinderheim bestand. Ich ging sofort hin und habe mich nach langer Zeit wieder sattgegessen, es gab "Kulja mit Kren" ( Maisbrei mit Meerrettich). Im Kinderheim wurden täglich drei Mahlzeiten ausgegeben. Aber auch hier starben viele Kinder an den Folgen des Hungers und der Krankheiten. Viele Kinder hatten so wie ich Skorbut, C-Vitaminmangel. Bei den kranken Kindern entstanden Löcher in den Wangen, sodaß man die Zähne sehen konnte, die zu faulen begannen und einer nach dem anderen ausfielen. Wegen des Skorbuts verlegten sie mich wieder in das gleiche Krankenhaus, wo ich bereits im Februar war. Jetzt Ende April kam eine Kommission im Lager an, bestehend aus militärischen und zivilen Ärzten. Es wurde mir Blut abgenommen, und ich am nächsten Tag in das Krankenhaus für ansteckende Krankheiten geschickt. Hier lag ich 14 Tage, und nachdem ich nicht starb, wurde ich in das "Erholungsheim" entlassen. In der ersten Nacht brach dort ein Feuer aus.

Eine Frau, die ihr Kind nicht mehr fand, wurde wahnsinnig und sprang in den Brunnen. Aber die Leute tranken weiterhin 14 Tage wasser aus diesem Brunnen.

Nun verlegte man mich in ein anderes Haus, ebenfalls für Rekonvaleszente. Dahinter war der Garten des Hauses für die Traktoristen und ihre Küche. Im Garten war eine Grube für Küchenabfälle angelegt: Kartoffelschalen, Zwiebelschalen und andere Abfälle. Damit wir Kinder nichts davon aßen, schütteten sie volle Nachttöpfe auf die Abfälle, um sie uns zu verekeln. Aber wir waren viel zu hungrig. Wir schlichen uns in der Nacht zu dieser Grube an der Wache vorbei. Einmal fand ich Hühnerfüßchen und einen Darm. Ein Reichtum! Ich besprach mich mit einer Frau, daß sie mir Streichhölzer und einen Topf ausborge, und daß wir uns dafür das Essen teilen. Sie stimmte zu und wir machten das Feuer an. Als ich wegging, um noch einige Äste zu suchen, hat sie den Topf genommen und das "Fleisch" schnell selbst gegessen. Einige Tage später hörte ich, daß auf der Weide neben der Mühle ein Pferd eingegangen sei. Als ich dort ankam, war schon nichts mehr vorhanden. Ich fand nur mehr ein Stück von der Lunge im Staub. Dafür habe ich eine Hose eingetauscht.

Ende des Frühjahrs war die Theiß angestiegen. Die über 3.500 Toten auf dem Friedhof im Dorf begannen sich durch das  Grundwasser zu heben. (Da im Friedhof kein Platz mehr war, wurde im Frühjahr 1946 mit der Anlage von Massengräbern auf der als Teletschka benannten Dorfflur begonnen, wo an die 9.000 Lagertote verschart wurden.) Wie Zweige ragten ihre Hände und Füße aus dem Boden. Uns Kinder drückte man Schaufeln und Hauen in die Hände, um die Erde einzuebnen. Das bedeutete, daß wir den Toten die Hände und Füße brechen sollten, daß diese nicht mehr aus der Erde herausragten und man nicht viel Erde benötigte, um sie zu bedecken. Es wurden nur wenige Fuhren von Erde herangebracht und der Friedhof wieder aufgeschüffet.

Einmal, mitten im Somnrer, wurden wir bei höllischer Hitze auf die Weide geführt und in Reih und Glied aufgestellt. Sie sagten, wir müßten durchgezählt werden. Gezählt wurde bis zum Sonnenuntergang. Ohne Essen und Wasser. Viele Leute sind an diesem Tag bewußtlos geworden oder blieben tot auf dem Aufstellungsplatz liegen. Das wiederholte sich jedes Jahr ohne Nofwendigkeit als Tortur oder Strafe. Für die Partisanen war das eine Unterhaltung. Sie wollten ihren Spaß haben.

Einmal in der Nacht haben sie alle Statuen der Heiligen aus der Kirche auf die Straße getragen, daß es so aussah, als würden die Heiligen spazieren gehen. In der Melonenzeit standen sie an den Fenstern der Kaserne und aßen die Früchte. Dies, nur um den hungrigen Kindern "lange Zähne" zu machen. Sie warfen uns kleine Stückchen der Melonenschalen auf die Straße, um sich an unserer anschließenden Balgerei zu ergötzen. Um die Ecke kam plötzlich ein Partisane herzu, um einen der Knaben zu fangen. Er band ihm einen Strick um Brust und Rücken und gab ihm zwei Melonen zu halten. Dann ließ er den Buben in den offenen Brunnen hinunter, um die warmen Melonen unten ins Wasser zu lassen und gekühlte heraufzuholen. Einmal zerriß der Strick und der Knabe ertrank. Das erzählte mir ein Freund, der sah, wie ich vor der Kaserne wartete. Ich solle weglaufen, sagte er, sonst würde ich in den Brunnen hinuntergelassen.

Im Lager lebten die Partisanen wie Gott in Frankreich. Ich hörte, wie sich zwei unterhalten:"Wie geht es Dir?" und er erhielt die Antwort: "Besser als jemals, ich habe jeden Tag eine andere Frau und an Feiertagen drei". Im Juni 1946 lebten im Kinderheim über 2.000 Kinder, sie waren ohne Eltern oder nähere Verwandte. Eines Tages wurden sie über ganz Jugoslawien verteilt, wie seinerzeit die Janitscharen (Die Janitscharen waren Angehörige einer türkische Elitetruppe, die sich aus jungen Balkanchristen rekrutierten, die im Knabenalter ihren Eltern weggenommen, in streng islamischem Geist erzogen und zu fanatischen Soldaten ausgebildet wurden.)

Meine Schwester Theresa wurde nach Skoplje verlegt, Bruder Johann nach Bitolj (Skoplie und Bitolj sind Städte in Makedonien.) und Bruder Karl nach Ada in der Batschka, mein Cousin Stefan kam nach Slowenien. Ich wurde von der Verlegung durch die Krankheit bewahrt. Ich war wegen des Skorbuts, Diphterie und allgemeiner Schwäche fast ständig im "Kinderkrankenhaus". Ende 1947 kam Tante Sophie vom Lager Pantschowa in das Lager Rudolfsgnad. Sie nahm mich aus dem Kinderheim in " ihr Haus". Im Februar und März 1948 wurden die Lagerinsassen in serbische und bosnische Bergwerke oder auf land- wirtschaftliche Güter in der Wojwodina verlegt. (Im Frühjahr 1948 wurden alle Internierungslager aufgelöst und die Lagerinsassen auf drei Jahre zwangsweise in der Landwirtschaft und Industrie oder im Bergbau arbeitsverpflichtet.) Am 19. März 1948 fuhr der Transport mit 200 von uns über
Batsch-Palanka in den Ried von Vajska ab. Wir mußten einen Vertrag unterschreiben, daß wir 3 Jahre bleiben würden; dafiir wurde uns nach Ablauf dieser Frist, die Wiedererlangung der bürgerlichen Rechte zugesichert. Darum haben alle unterschrieben. Wer nicht unterschreiben wollte, sollte ins Lager zurück.

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