Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.176


Theresia Schwall, geb. Schneider, Kubin

Eine Katze als Tauschobjekt für Lebensmittel

Originalbericht 1992

Es war im Winter 1945/46. Das Datum ist mir entfallen. Zeitungen hatten wir
nicht, einen Kalender noch weniger. Zudemhatten wir andere Sorgen, die Sorgen um das Überleben im Todeslager Rudolfsgnad.

Wir Frauen waren dazu eingeteilt, die angesammelten Baumklötze in den Schleppkahn hineinzutragen. Der "Schlepp", wie wir zu sagen pflegten, lag dort, wo die Theiß in die Donau fließt. Auf den großen Schleppkähnen war meist ein Wohnraum für die Familie des Schleppführers oder für anderes Personal. Die Frau des Schleppfhrers war eine Ungarin. Wir drei Kubiner Frauen hatten einen Partisanen als Aufpasser. Wir fragten ihn, ob wir auf den Schlepp gehen könnten, um Wasser zu trinken. Wir hatten ja keinen Durst, wohl aber Hunger. Unsere Kinder haben im Lager geweint vor Hunger. Es wurde uns erlaubt, Wasser trinken zu gehen.

Wir brachten der Ungarin gleich unser Anliegen vor und tauschten für eine Handvoll Salz und ein "Stanitzl" (Tüte) Mehl die eine ein Leintuch, die andere Ohrringe und eine sogar ihren Ehering. Die ungarische Frau fragte uns, ob wir ihr eine Katze bringen könnten. Ich bejahte es, doch sagte ich ihr auch, daß ich vorerst mit den anderen Personen, die in dem einen Raum unseres Hauses im Lager lebten - wir waren unser zwanzig, darunter vier Großmütter und eine Reihe Kinder - , abklären müsse, ob wir die Katze für Lebensmittel einhandeln wollten.

Es erwies sich, daß unsere Großmütter dagegen waren. Die Schneider Oma konnte nachts nicht schlafen und behauptete gehört zu haben, wie die Katze, die in unserem Hause daheim war, in einer Nacht 24 Mäuse fing. Die Katze war für uns auf jeden Fall sehr nützlich, doch wir dachten an die Kinder und an den Hunger, der im Lager herrschte. Wir fingen also die Katze, steckten sie in einen Sack und zogen gleich in derselben Nacht los. Es waren an die elf Kilometer zu laufen. Die Katze trugen wir abwechselnd. Der Mond leuchtete hell, und die Strecke schien sich für uns ins Endlose zu dehnen. Wir hatten Angst, erwischt zu werden. Beim Hähnekrähen kamen wir bei dem Schlepp an. Die Ungarin heizte sogleich ein und fing an, Brotteig zu kneten. Als es soweit war, bekamen wir frisch in Schmalz gebackene Brotkolatschen. Alle drei Frauen, die wir mit von dieser Partie waren, wurden mit Lebensmitteln versorgt, und wir bekamen mehr, als die Katze wert war. Wir gelangten mit den guten Sachen glücklich durch die Postenkette des Lagers, und so konnten wir unsere Kinder wieder eine Weile über Wasser halten. In der größten Not hatten wir Hilfe bei dieser guten Frau gefunden. Unsere drei Frauen, die diesen geglückten Tausch abwickelten, waren alle Kubinerinnen: Karolina Schwall, Theresia Schwall und Barbara Fromm.

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