Über das Leben und Sterben im Lager Rudolfsgnad

berichtet der ehemalige Lagerinsasse Franz Schneider (aus Rudolfsgnad) unter anderem:

"Von den vielen Deutschen, die aus anderen Orten und Lagern nach Rudolfsgnad gebracht wurden, waren besonders die ältern schon sehr schwach - und auch schon verlaust. Leute, die den Armen und Schwachen halfen, so auch die Kutscher, welche die Schwachen fahren mussten, wurden nun ebenfalls voller Läuse. "Und keine Möglichkeit, sich zu reinigen, zu waschen und die Wäsche zu wechseln; von einer Badegelegenheit gar keine Rede..."

"Die Krankheiten griffen um sich und nun begann auch in Rudolfsgnad das Lagersterben." "Särge gab es keine mehr. Die Toten wurden in Decken, Säcke oder Lumpen gehüllt und so im Friedhof, - anfangs noch in Einzelgräbern, kurze Zeit später schon aber in Massengräbern verscharrt. Ohne Priester, ohne Gesang und ohne Glockengeläute. Angehörige trugen oder zogen die auf einer Leiter liegenden Toten hinaus."

"Als das Massensterben begann wurde einen Totengräbergruppe zusammengestellt. Im Winter 1945/46 starben täglich 80 - 90 Personen. Nur einmal starben an einem Tag mehr als 100 Personen. Morgens fuhren Wägen durch das Lager und sammelten die Toten ein. Sie wurde wie Holzscheite auf die Wagen geschichtet."

"Etwa bis Ende Januar 1946 wurden alle verstorbenen im Ostfriedhof beerdigt. Die Rudolfsgnader meist in Einzelgräber zu ihren verstorbenen Angehörigen, die Ortsfremden in Massengräber, die  wegen hohem Grundwasser ab Februar auf der Teletschka, einer Anhöhe etwa 2 km südlich des Ortsrandes, angelegt wurden. Im Massengrab auf dem Friedhof liegen rund 1000 Personen, auf der Teletschka fast 9000."
"In den drei Jahren bis zur Auflösung des Lagers starben laut Statistik der Lagerverwaltung nicht ganz 10 000 Deutsche den Hungertod. Dies sagte mir eine Frau, die bei der Lagerliquidierung im Büro mitarbeitete."

"Ob auch die Erschossenen dabei sind, die beim Verlassen oder beim Hereinkommen ins Lager ums Leben kamen, wenn sie von Posten angetroffen wurde, bleibe dahingestellt."

"Wie viele Mütter, Großmütter und Großväter setzten ihr Leben ein, um für ihre Kinder in den serbischen Nachbargemeinden heimlich ein paar Lebensmittel zu erbetteln! Viele haben bei diesen Versuchen den Tod gefunden."
"So wie es nicht genug Nahrung für die Menschen gab, war auch das Heizmaterial rar. Dort, wo nicht ständig Posten patrouillierten, stand in den Gärten und Gassen kaum mehr ein Baum. Zäune, Schuppen und Maisspeicher wurden von den hungernden und frierenden Lagerleuten verheizt."

"Wer erwischt wurde, hatte harte Strafe zu gewärtigen. Der Keller im Franzi-Lehrer seinem Haus war zumeist voll mit solchen Sträflingen. Einmal wurden zwei Männer, die in einem Garten im nördlichen Ortsteil einen Baum fällten, kurzerhand niedergeschossen. Frauen wurden häufig - auch wegen sonstigen Kleinigkeiten - geschlagen, getreten und in den Keller geworfen."

"So manche starben an den Folgen der Misshandlungen oder zogen sich lebenslanges Siechtum zu, weil sie tagelang im Keller mit den Füßen im Wasser stehen mussten."

"Für Feldarbeiter war im "Kerchegarte" eine große Gemeinschaftsküche eingerichtete worden. In gewöhnlichen Waschkesseln wurde Maisschrotsuppe oder Maisschrot steif gekocht, manchmal auch Gerstel, hie und da Bohnen (nur 1945), Rüben, Kürbis, immer nur als Suppe, niemals mit Fleisch, aber ohne Fett und oft ohne Salz."

"Wir hatten im Lager auch einige Priester. Zwei gingen eine kurze Zeit mit den Arbeitern auf die Felder. Dann wurde es ihnen aber schon untersagt. Sie durften mit dem Volk nicht mehr in Berührung kommen. Sie waren auch gesondert in einem Haus unter strenger Bewachung. Später wurden sie angeblich nach Neusatz verbracht."
"Auf einmal tauchte im Lager Pater Wendelin Gruber auf. Im Verborgenen besuchte er alte Kranke und tröstete sie. Abends und an Sonntagen hielt er auch hl. Messen, natürlich nur im Verborgenen, bis man ihn eines Tages gefangen nahm und vor Gericht stellte. Er wurde zu vielen Jahren Kerker verurteilt."

"Senior Wilhelm Kundt aus Pantschowa, der sich besonders seiner evangelischen Landsleute aus Franzfeld und Mramorak annahm, den Kranken Trost spendete, wurde deswegen von den Partisanen schwer misshandelt und ist im Lager von Rudolfsgand elend ums Leben gekommen. Viele Priester starben in diesen Jahren den Märtyrertod."

"Die Zeit ging aber dahin, die Lagerinsassen wurden durch das Massensterben weniger, doch dann kam neuer Zuzug und es wurden wieder weniger...Ganze Häuser starben aus."

"Die Kinder waren meist bei den Großeltern. Starben diese, so kamen die Kinder in so genannte Kinderheime. Aber auch in diesen Kinderheimen starben sie massenweise dahin. Diese Armen waren nur mehr Skelette. Arme und Beine so dünn wie ein Daumen, Kopf und Bauch außerordentlich dick"

"Solange in den Magazinen noch Weizen lagerte, wurde dort gestohlen. Kinder konnten das leichter. Wenn sie auch verjagt wurden oder Strafe bekamen, so taten sie es doch. Dieser Weizen, aber auch Mais und sonstige Körner wurden in Beton Schweinetrögen mit einem flachen Stein fein verreiben und dann als Essen zubereitet."

"Kutscher und Handwerker kamen leichter durch. Sie fanden immer etwas Essbares. Kamen sie in benachbarte Orte, so wurde gebettelt. Ausgeliehene Handwerker wurden gut verpflegt und reichlich mit Lebensmitteln beschenkt. Wenn es keine guten Serben, Ungarn, Slowaken und Rumänen gegeben hätte, wären noch viel mehr verhungert."

"Anfang 1948" hörte man zum ersten Mal, dass die Internierungslager aufgelöst werden sollten. Zunächst kam eine Kommission ins Lager, von der alle Personen familienweise registriert  und nach Angehörigen gefragt wurden. Diejenigen, von denen Kriegsgefangene z.B. im Kupferbergwerk Bor in Ostserbien waren, kamen dorthin, andere zu ihren Angehörigen in landwirtschaftlichen Großbetrieben in Smederovo, im Pantschowaer Ried usw. Eine Art Familienzusammenführung hatte damit schon eingesetzt.

"Die Arbeitsunfähigen und die alten Leute kamen in ein Barackenlager nach Karlsdorf, das als Altersheim bezeichnet wurde. Von Rudolfsgnad wurden Arbeitskräfte fortgeholt und von anderen Lagern kamen solche nach Rudolfsgnad, so auch vom Gakowoer Lager in der Batschka."

"Am 1. März 1948 wurde uns mitgeteilt, dass wir frei seien. Ab heute bekämen wir Arbeitslohn und Lebensmittelkarten und mussten selbst für unsere Verpflegung sorgen. Sämtliche Lebensmittel, die auf Karten zustanden, bekamen wir zu Maximalpreisen ausgefolgt. Es wäre auch von allem ausreichend gewesen, wenn man nur alles hätte bekommen können. An Fleisch fehlte es jedoch immer. Aber wir waren schon zufrieden, dass es genügend Mehl zum Kochen und Backen gab und auch Zucker in ausreichender Menge. Die Löhne waren gestaffelt. Für März bekamen wir gleichen einen Vorschuss. Es war also ernst mit unserer Freiheit! Jetzt hieß es essen, damit man wieder zu Kräften kam."

"Jede Familie bekam auch ein Stückchen Garten für Gemüse und Kartoffeln, aber es wurde auch gleich Mais gebaut, damit man im Herbst ein Schwein mästen konnte und wieder zu Fleisch kam. Was noch besonders fehlte, war Milch. Obwohl die Rudolfsgnader Kolchosewirtschaft Milchkühe hatte, gab es hier keine Milch zu kaufen. Die meisten Leute schafften sich nach und nach eine Ziege an und wurden wieder "Selbstständig", - wenn auch nur auf unterster Ebene."

"Wie alle anderen, die in Bergwerke oder Kolchosen kamen, sich auf drei Jahre verpflichteten mussten, so wurden auch wir in Rudolfsgnad zwangsverpflichtet. Wir konnten den Arbeitsplatz nicht wechseln. Aber nur so bekamen wir Lebensmittelkarten."

"Jede Familie, die in Rudolfsgnad zwangsverpflichtet war, durfte hier ein Haus bewohnen, das sich aber jeder selbst herrichten musste. Alle waren froh, aus den Massenunterkünften herauszukommen. Es begann nun ein Großreinemachen, Löcher wurden mit Lehm zugeschmiert, alles gründlich mit Kalk geweißelt.  Bettgestelle schlug man sich aus Brettern zusammen; ebenso Tische und  Bänke. Hie und da war auch noch ein alter Stuhl aufzutreiben. Aber wir waren zufrieden und gar nicht anspruchsvoll. Hauptsache: man war wieder Mensch."

"Sonntags durften wir nach Titel oder Perleß in die Kirche gehen, unsere Toten kamen wieder in Särge und wurden von Priestern, - die man aus einem solchen Anlass aus Titel oder Perleß holen durfte, beerdigt."

"In der dreijährigen Lagerzeit war der Friedhof sehr verwildert. So gingen wir an Sonntag-Nachmittagen mit Hacken, Sicheln und Äxten hinaus, rodeten alles Unkraut und Gestrüpp, stellten die umgeworfenen Grabsteine wieder auf und als er wiederum einem Friedhof glich, ließen wir an einem Sonntag-Nachmittag den alten Pfarrer Marion aus Titel kommen, der über 40 Einzelgräber und die Massengräber einsegnete. Am ersten Einzelgrab sangen wir unsere Totenlieder und zum Schluss am Massengrab auch."

"Auch um die Massengräber auf der Teletschka rodeten wir das Unkraut, ackerten jedes einzelne Massengrab rechtsherum und richteten sie mit Schippe und Schaufel so her, dass ein zwei Meter breiter Balken mit Erde aufgeworfen war und ein einen Meter breiter Weg etwas tiefer dazwischen lag. Angehörige, die ungefähr wussten, wie ihre Toten lagen, steckten an die Stellen Holzkreuze und schmückten die Gräber mit Blumen."

"Am 1. oder 2. Mai 1950 wollten wir die Massengräber auf der Teletschka feierlich von einem katholischen Priester einsegnen lassen, dies meldeten wir auch ordnungsgemäß bei der Behörde an. Nachdem schon alle Vorbereitungen getroffen und Pfarrer Quintus aus Lok schon unterwegs war, kam die Geheimpolizei (UDBA oder OZNA) und vereitelte unser Vorhaben."  Eingesegnet wurden die Gräber auf der Teletschka  aber trotzdem, - wenn auch geheim. Als Pfarrer Nikolaus Thurn aus Hetin einmal zu Besuch war, ging ich eines Abends mit ihm hinaus und er nahm die Einsegnung vor. Die lieben Toten habe ihre Ruhe, sie ruhen in Gott.

"In den ersten Jahren unserer Freiheit gingen wir an Sonntagen nach Titel in die Kirche. Anfangs las der Pfarrer das Evangelium in vier Sprachen, lateinisch, ungarisch, kroatisch und deutsch. Da dies den Kroaten und Ungarn zu lange dauerte, murrten sie. Der Pfarrer aber nahm uns in Schutz und so wurden jeden dritten Sonntag während des Hochamtes in deutscher Sprache gepredigt und auch die Kirchenlieder wurden deutsch gesungen"

"Ab Frühjahr 1952 kam Pfarrer Majer aus Opowa jeden vierten Sonntag nach Rudolfsgnad. Das erste Mal las er am Ostermontagnachmittag in unserem Hof an einem Notaltar - nach sieben Jahren Unterbrechung - die hl. Messe. Sehr viel Volk hatte daran teilgenommen, auch viele Evangelische. Am nächsten Tag war schon der Polizeichef von Perleß bei mir im Haus. Unzählige Verhöre musste ich über mich ergehen lassen im Laufe der Zeit, aber wir ließen nicht nach und setzten  uns durch, dass man uns die einfachste Religionsausübung gestatten musste."

"Dass man sich unter solchen Verhältnissen jedoch weder frei noch heimisch fühlt, braucht nicht besonders betont zu werden. Daher trachtete jede Familie danach, je eher aus diesem Partisanen-Paradies herauszukommen und Deutschland oder Österreich auszuwandern."

"Anfangs ging es nur sehr schleppend, aber nach 1953 waren doch die meisten Rudolfsgnader weg. Sehr vielen half Lehrer Blees, indem er ihnen die Gesuche schrieb, Formulare ausfüllte, Bestätigungen anfertigte und sagte, wohin man sich zu wenden habe. Auch die Frau von Rechtsanwalt Dr. Varadi aus Betschkerek half viel. Sie ging von Amt zu Amt und beschleunigte so die Löschung der Staatsbürgerschaft, die man uns 1948 mit der Zwangsverpflichtung aufgezwungen hatte."

So schließt der Bericht von Franz Schneider, der die schwere Lagerzeit glücklich überlebt hat.