Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S. 177-183

Hieronimus Pfendt, * 1891 in Lazarfeld BA, Ost-Dok. 2, Nr. 395

Die Drangsale der Gemeinde Lazarfeld nach Eintreffen der Russen und Partisanen und die Leiden eines Holzarbeiters und Totengräbers in Rudolfsgnad Am 30. September 1944 tauchten die ersten Partisanen in Lazarfeld auf. Es handelte sich um einen Vorposten von etwa 15 Mann. Diese gingen lediglich im Ort herum, schauten sich alles an und übernachteten am Dorfrand. Lazarfeld war von Betschkerek, dem Sitz der Zivil- und Militärverwaltung des Banats, nur zwölf Kilometer entfernt.

Die Russen drangen am 1. Oktober ins Dorf ein. Sie holten sofort von allen Bauern die Pferde und Wagen. Die in Betschkerek zusammengezogenen deutschen Truppen in Stärke von einer Kompanie nahmen mit einigen Geschützen und zwei Panzern den Kampf gegen die Russen auf. In der Nacht vom 1. auf 2. Oktober 1944 drang diese Kompanie in den Ort ein und trieb die Russen zurück, deren Zahl etliche tausend Mann betrug und die mit Artillerie und Granatwerfern ausgerüstet waren. Die deutsche Artillerie schoß von Betschkerek aus. In diesem Kampf sind neben deutschen Soldaten auch einige Zivilisten gefallen. Bei ihrer Flucht nahmen die Russen alle Pferde und Wagen mit, die sie erbeutet hatten, und zogen sich nach Osten zurück. Viele Pferde wurden auf der Flucht erschossen. Bei Tagesanbruch verließen aber auch die deutschen Truppen den Ort, um den Russen ihre geringe Zahl nicht zu verraten. In ihrem Schutze flüchteten noch einige Familien aus Lazarfeld.

Am Montag, dem 2. Oktober 1944, kamen die Russen wieder und mit ihnen die Partisanen. Das erste Opfer der Russen war ein heimkehrender Polizist, der im Hofe des Hieronymus Mayer herumgejagt und von rückwärts erschossen wurde. Er hieß Ludwig Schmidt und war von Beruf landwirtschaftlicher Arbeiter (damals etwa 44 Jahre alt). Dann fingen die Russen noch einige Wehrmachtsangehörige, die sich gerade im Urlaub befanden. Auch diese wurden erschossen. Unter ihnen waren Nikolaus Pfend (Maurer, damals etwa 20 Jahre alt) und Hans Merkler (Landwirt, damals etwa 32 Jahre alt). Der Landwirt Nikolaus Schneider, geboren 1887, wurde in seinem Hof erschossen, weil man in seinem Haus das Bild seines Stiefsohnes als SS-Oberscharführer fand. Ebenso wurden drei Jungen von 16 oder 17 Jahren (Heimatschützen, eine Organisation, die dem reichsdeutschen Volkssturm entsprach, Anm. d. Red.) - die Namen kenne ich nicht, da sie aus anderen Dörfern stammten - am Stall des Gemeindehirten von Russen erschossen. Auf dem Grundstück einer gewissen Apollonia Brehm wurden drei Jungen, ebenfalls Heimatschützen, erschossen aufgefunden. Auf der Straße gegen Groß-Betschkerek sind die Leichen dreier Männer aus der Nachbargemeinde Stefansfeld gefunden worden, die anscheinend auf dem Heimweg waren. Ebenso sind auf der Landstraße gegen Sigmundfeld die Leichen zweier Deutscher aus Ernsthausen gefunden worden.

Mit den Russen kamen die Partisanen in unseren Ort und übernahmen die Verwaltung. Alle Männer unseres Ortes mußten antreten, und es wurde angeordnet, daß sie alle gefallenen Russen auf den Feldern und Ackern zusammentragen sollten. Die gefallenen Deutschen wurden im Schindanger eingegraben.

Ein großes Übel in unserem Ort waren die Madjaren, die zur Kriegszeit in unseren Ort gekommen waren. Sie waren durch ein frei vereinbartes Vertragsverhältnis als landwirtschaftliche Arbeiter während des Krieges eingestellt worden, sie arbeiteten meist gegen ein Drittel des Ertrags. Diese Madjaren haben den Russen jene deutschen Frauen angezeigt, die besonders hübsch waren oder deren Männer Offiziere oder reich waren. Sie führten die Russen nachts in die Wohnungen dieser Frauen, um die Frauen vergewaltigen zu lassen. Diese Madjaren lebten in der Hoffnung, daß ihnen das Vermögen der Deutschen übertragen wird. Deshalb suchten sie das Vertrauen der Russen immer mehr zu gewinnen und zeigten die Deutschen an, wo sie nur konnten. Eine Erleichterung kam erst, als verantwortungsbewußte Serben aus dem Nachbarort Botosch zu uns nach Lazarfeld kamen, um die Zivilverwaltung zu übernehmen. Diese serbischen Bauern hatten mit uns Deutschen in gutnachbarlichem Verhältnis gelebt. Sie haben viele Anordnungen und Bestrebungen der Partisanen nicht in die Tat umsetzen lassen. Aus diesem Grunde sind in unserem Ort nicht so viel Männer in das Lager Groß-Betschkerek zum Erschießen überführt worden wie in anderen Gemeinden. Aus der Gemeinde Sigmundfeld, die um ein Drittel kleiner war als unser Dorf, wurden beispielsweise 101 Mann in das Lager nach Groß-Betschkerek gebracht, während in unserem Ort statt der verlangten 60 Männer nur 28 ausgeliefert wurden. Dies war am 28. Oktober 1944. Von diesen 28 nach Betschkerek überführten Leuten aus Lazarfeld wurden 13 erschossen. Dies weiß ich von Landsleuten, die mit im Lager waren und die gesehen haben, wie die Männer abgeführt wurden. Ich habe die Leute alle gekannt. (Der Verfasser führt die Erschossenen mit Namen und Alter auf, vgl. dazu Bd. IV, 239, und berichtet, wie ein ungarischer Polizist vier seiner deutschen Kollegen anzeigte, von denen drei ebenfalls in Betschkerek verschwanden.)

Am schlechtesten erging es dem Bürgermeister aus unserem Ort, Ludwig Massong, der von den Partisanen geprügelt und gefoltert wurde, so daß er mit einem Wägelchen nach Hause gefahren werden mußte. Nach einigen Tagen wurde er in die serbische Nachbargemeinde Botosch geführt, wo er ebenfalls verprügelt wurde. Von Botosch wurde er in die deutsche Gemeinde Sigmundfeld weitergeführt und von dort gleich weiter ins Betschkereker Lager. Stark verprügelt wurde auch der Landwirt Peter Brehm (45 Jahre), den sein Knecht, ein Madjare, bei den Partisanen anzeigte in der Hoffnung, er werde seinen Besitz bekommen. Nachdem er geprügelt war, mußte er auf seinen Hof zu seinem ehemaligen Knecht arbeiten gehen. Weiters berichtet der Verfasser, daß noch weitere vier Transporte mit insgesamt 57 Männern nach Betschkerek abgingen und daß am 1. Weihnachtstag und am Silvestertag 1944 aus Lazarfeld 140 Frauen und Mädchen sowie 14 Männer zur Zwangsarbeit nach Rußland deportiert wurden.

Bereits im November 1944 wurde der größte Teil der Deutschen aus Betschkerek, es waren einige tausend, in die deutschen Ortschaften Kathreinfeld, Lazarfeld und Ernsthausen gebracht. Meistens handelte es sich um Frauen und Kinder; die Betschkereker Männer waren, soweit sie nicht bei der Wehrmacht standen, bereits im Lager oder am 10. Oktober 1944 bei dem dortigen großen Massaker erschossen worden.

Am 18. April wurden alle Deutschen, die sich in Lazarfeld befanden, darunter auch ich, zusammengetrieben und in Schulen, Gasthäusern und einigen Privathäusern zusammengepfercht. Ein jeder wurde vorher durchsucht. Wer zwei Hosen anhatte, mußte eine ausziehen, wer Geld, ein Messer oder sonst irgendeinen Gegenstand bei sich hatte, mußte alles abgeben. Sogar Bilder von Familienangehörigen wurden uns abgenommen. Außerdem wurde jeder, bei dem man etwas fand, noch fürchterlich geschlagen. Den Frauen und Mädchen wurden die Haare abgeschnitten. Von nun an gab es noch mehr Schikanen und Prügel als vorher, da wir noch in den Häusern gewohnt hatten. Auch jetzt mußten wir in Gruppen zur Arbeit gehen. Die Männer wurden größtenteils als Kutscher verwendet.

Am 21. August 1945 wurde ich mit noch 14 Mann nach Betschkerek in das Lager geführt. Zwei Tage darauf, am 23. August, wurden wir dann, etwa 90 Mann, vom Betschkereker Lager nach Rudolfsgnad gebracht. Im Lager Rudolfsgnad wurden wir in Baracken untergebracht, bekamen Werkzeuge und mußten zum Flußufer als Holzfäller gehen. Diese Arbeit war furchtbar schwer. Erstens waren wir alle über 50 Jahre alt, zweitens hatten wir noch nie vorher etwas mit Holzfällen zu tun gehabt. Wir mußten bei schwacher Kost von früh morgens bis spät abends arbeiten. Allein der Weg betrug manchmal bis zu zehn Kilometer. Außerdem hatten wir kein Schuhzeug. Die Partisanen, die uns bewachten und die Arbeit beaufsichtigten, standen mit Stöcken oder Ochsenziemern hinter uns und trieben uns zur Arbeit an. Sie hatten ein materielles Interesse an unserer Arbeit, da der Kommandant unserer Arbeitsgruppe Prozente von der geleisteten Arbeit bekam. Wir mußten das gefällte Holz mit Karren auf einem Brett in Schiffe auf der Theiss verladen. Das Holzfahren war lebensgefährlich, da wir auf einem engen Brettergestell hin und zurück immer laufend das ganze Holz verladen mußten. Dabei sind auch Leute in die Theiss gestürzt, die aber meist von uns gerettet werden konnten. Dies machte den Partisanen viel Spaß. Sie lachten und sagten:  "Das macht nichts!"

Unsere Nahrung bestand früh und abends aus Suppe. Entweder Kartoffel- oder Erbsensuppe. Aber auch diese wurde immer schlechter und die Menge immer geringer. Vom November 1945 an wurde unsere Suppe ohne Salz gekocht. Das Brot bestand aus Maismehl. Manchmal gelang es uns, etwas Fleisch von verendeten Pferden zu beschaffen. Unser Gesundheitszustand litt sehr unter der Kälte und der mangelhaften Ernährung. Die meisten von uns hatten Durchfall, und fast jeder von uns mußte nachts fünf- bis sechsmal zur Latrine, die weit im Garten lag. Dadurch wurden unsere Kräfte weiter vermindert. Vor der Tür unseres Zimmers stand Tag und Nacht ein Posten. Dieser hatte darauf zu achten, daß wir mit den anderen Lagerinsassen, die seit Oktober 1945 nach Rudolfsgnad kamen, nicht reden konnten. Ich selbst durfte weder mit meiner Frau noch mit meinen Kindern reden. Als mir meine Frau einmal frühmorgens meine ausgebesserte Hose gab, bemerkte dies ein Partisan und verprügelte meine Frau und dann auch mich.

Bis Oktober 1945 war kein Arzt in Rudolfsgnad. Wer sich beklagte, daß er krank wäre, bekam zur Antwort: Es gibt nur Gesunde oder Tote. Ein gewisser Johann Harsch, ein Landsmann von mir, den beim Holzfällen ein Baum niedergeschlagen hatte, mußte einige Tage im Ort liegen, bis man ihn in das Krankenhaus nach Groß-Betschkerek überführte. Jeder von uns hat diesen Unglücklichen beneidet, daß er der Qual der täglichen Mißhandlungen und schwersten Arbeit zumindest für eine Zeitlang entronnen war.

Ganz wenige von den anfangs 90 Mann hielten die Holzarbeit bis zu Ende durch, die meisten wurden als Invaliden wieder abgeliefert. Als diese Männer uns bei der Arbeit fehlten, holte man Frauen aus dem Rudolfsgnader Lager, etwa 70 bis 80 an der Zahl. Diese armen Geschöpfe mußten im hohen Schnee das Holz an das Theiss-Ufer schleppen. Die Frauen bekamen fast gar nichts zu essen. Ihre tägliche Ration sollte 70 Gramm Maismehl sein, aber nicht einmal diese geringe Menge bekamen sie regelmäßig, während die Männer, die im Wald arbeiteten, manchmal auch zu Mittag eine Suppe bekamen.

Häufig kamen auch strafweise Leute zu uns auf Arbeit. Diese wurden noch mehr getrieben als wir und bekamen gar nichts zu essen. So hatten wir zwei Tage Dr.  Hoffmann und seine Frau bei uns. Er war Rechtsanwalt aus Modosch und etwa 60 Jahre alt. Die beiden mußten fest arbeiten. Am dritten Tag kam Dr. Hoffmann zu mir und bat mich, ob ich ihm nichts von meiner Suppe geben könnte, denn seine Frau und er hätten bereits den dritten Tag überhaupt nichts zu essen bekommen. Sie wurden von der Arbeit dann jedesmal wieder zurück in den Bunker gebracht. Sie hatten diese Strafe erhalten, weil sie auf der Flucht erwischt worden waren.

An den Folgen von Mißhandlungen sind damals, soviel ich mich erinnern kann, fünf Männer gestorben. Davon waren zwei aus der Gemeinde Tschesterek, einer aus Heufeld, einer aus Ruskodorf und einer aus Deutschzerne. Am 10. Februar 1946 wurde unser Waldkommando aufgelöst, und wir wurden dem Lagerkommandanten von Rudolfsgnad übergeben.

In das Lager Rudolfsgnad waren seit Oktober 1945 außer den Einheimischen aus Rudolfsgnad, die nicht geflüchtet waren, etwa 23000 Deutsche aus der Umgebung zusammengepfercht worden. Es waren größtenteils arbeitsunfähige Leute und Kinder. Außerdem konnten Mütter, deren Kinder noch nicht zwei Jahre alt waren, bei den Kindern bleiben. Die Kinder von zwei bis zwölf Jahren kamen, soweit sie keine Großeltern oder andere Verwandte im Lager hatten, in Kinderheime. Dorthin kamen dann auch die Kinder, deren Mütter im Lager starben.

Es waren von uns 90 Mann Waldarbeitern noch 30 übriggeblieben. Die anderen waren wegen Unfällen, Krankheiten oder sonstiger allgemeiner Schwäche aus dem Waldlager entlassen worden oder gestorben. Wir 30 Mann wurden nun als Totengräber eingeteilt. Es war jetzt Winter, und die Gräberbereitung für die Toten war nicht leicht. Außerdem starben um diese Zeit im Lager Rudolfsgnad an Krankheiten und an Hunger bis zu 90 Menschen täglich. Bis zum 14. Februar 1946 wurden die Toten im Friedhof begraben. Dort sind die Toten bis in drei und vier Reihen aufeinander geschichtet worden. Sie wurden ausgezogen und in Säcke oder anderes eingenäht. Wer keine Angehörigen hinterließ, wurde einfach wie er war in die Grube geworfen. Hier auf dem Friedhof wurden insgesamt 3335 im Lager Verstorbene begraben. Dies weiß ich vom Kommandanten der deutschen Totengräber, einem gewissen Janser aus Rudolfsgnad.

Am 14. Februar 1946 kamen die ersten Toten auf die sogenannte "Teletschka", das ist eine Anhöhe südlich von Rudolfsgnad an der Landstraße gegen Tschenta, etwa zwei Kilometer vom Ort entfernt. Hier sind die Deutschen in zwölf Massengräbern begraben. Sie starben fast alle an Hunger, Entkräftung oder Überanstrengung durch schwere und ungewohnte Arbeit, oder sie wurden einfach erschossen, wie zum Beispiel die sechs Mütter, die sich aus dem Lager in die Nachbarorte begeben hatten, um sich für ihre Kinder Lebensmittel zu erbetteln.

Die Toten wurden jeden Tag zu uns herausgefahren. Sie lagen auf den Wagen übereinander gestapelt. Zu Beginn der großen Sterbezeit hat es bis zu 90 Tote an einem Tag gegeben, während ich als Höchstzahl 73 erlebte. Bis ungefähr Mitte März 1946 starben 60 bis 70 Leute täglich. Soviel mir bekannt ist, starben von den 23000 Deutschen, die nach Rudolfsgnad kamen, etwa 9000 bis 10000 Menschen (von manchen wird die Zahl auch noch höher eingeschätzt). Wir lebten in der Uberzeugung, daß man uns alle durch Hunger ausrotten wollte. Wir waren zu dieser Meinung gekommen, da bis Weihnachten 1945 aus mehreren Ortschaften regelmäßig Lebensmittel nach Rudolfsgnad hereingeschafft wurden. Diese Transporte wurden aber dann von der Lagerkommandantur eingestellt, und so begann das große Hungern. Wenn bei irgend jemandem Lebensmittel gefunden wurden, so wurde er bestraft. Viele der Kinder neben sich die Mundhöhle und den Gaumen durch das harte Maisbrot auf und bekamen dadurch Mundfäule, die Zähne fielen ihnen aus, und sie starben daran nach etwa zwei bis drei Wochen. Die älteren Leute wiederum starben an Auszehrung oder an Wassersucht, da die Suppen ohne Fett und Beilagen waren (dicke Füße, aufgeblasenes Gesicht usw.).

Der Arzt im Lager war seit November 1945 Dr. Nikolaus Lefort aus Nakodorf. Ernstlich helfen konnte er den Leuten auch nicht, da er weder Medikamente noch Instrumente hatte und die Zahl der Patienten zwischen 80 und 100 schwankte. Es war infolgedessen weder eine gründliche Untersuchung möglich, noch hätte eine solche genützt. Es konnte lediglich Tierkohle gegen Durchfall und ein Teewasser gegen dicke Füße verschrieben werden. Wer Glück hatte und zufällig ein Platz leer war, kam dann in ein sogenanntes Krankenhaus. Man wurde darum sehr beneidet, denn in den Spitälern gab es etwas mehr zu essen.

In den Monaten Dezember 1945, Januar und Februar 1946 bestand unsere gesamte Verpflegung für eine Person aus sechs Kilogramm Maismehl. Wenn man erfuhr, daß ein Pferd irgendwo verendet war, so rannte man sofort hin, um sich ein Stück davon herauszuschneiden. Natürlich führte das unter den Lagerleuten öfter zu Streit. Im Frühjahr 1946 waren keine Hunde und Katzen mehr im Dorf.

Als die Frühjahrsarbeiten begannen, kamen die Leute durch die Arbeit auf den Feldern in Berührung mit serbischen Zivilpersonen und hatten eher die Möglichkeit, sich etwas Verpflegung zu verschaffen. So ließ die Sterblichkeit nach. Auch wuchs ja nun wieder Unkraut und Klee auf den Feldern. Das nahmen die Frauen mit ins Lager, und davon haben wir uns dann wieder etwas erholt. Hatten die Partisanen kein Brennmaterial, so mußte sich jede Familie selbst kochen. Gleichzeitig war aber verboten, ein Feuer auf irgendeinem Herd oder unter einem Kessel anzufachen. War Brennmaterial im Lager vorhanden, so mußten sich die Leute eines jeden Dorfes (die einzelnen Dörfer waren in Blocks zusammengefaßt) aus gemeinsamer Küche verpflegen. Da wegen mangelnder Organisation fast immer das Brennmaterial fehlte, die Rationen deshalb roh gefaßt wurden, gab es im ganzen Ort bald keinen Zaun und Baum mehr. Alles, was irgendwie brennbar war, wurde verfeuert.

Mir ist bekannt, daß im Frühjahr 1947 zwei Männer (Vater und Sohn) aus dem Ort Tschesterek von einem Partisanen erschossen wurden, weil sie einen Baum fällten. Mütter, die aus Verzweiflung, um ihre Kinder nicht verhungern zu lassen, irgendwelche Kleidungsstücke tauschen wollten, schlichen sich aus dem Lager, um unter Lebensgefahr dafür Lebensmittel einzutauschen. Der Gang aus dem Lager gelang ihnen fast immer. Doch bei der Rückkehr wurden sie meist erwischt, da sie die Bewegungen der Posten von draußen nicht so genau abschätzen konnten wie vom Lager aus. Die Lebensmittel wurden ihnen weggenommen, sie selbst verprügelt und eingesperrt. Es kamen dabei auch Erschießungen vor, wie ich schon erwähnte. Mir ist beispielsweise noch bekannt, daß Maria Lung und ihre Landsmännin namens Schubert aus Sigmundfeld einmal frühmorgens tot aufgefunden wurden. - Die Lagerleute mußten alle zu den Toten gehen, um sie zu identifizieren. Da meine Frau selbst aus Sigmundfeld stammte, habe ich mich dafür interessiert, wer diese beiden Frauen waren.

Zur Arbeit mußten wir früh um 5 Uhr, im Sommer um 4 Uhr antreten. Frauen, die sich von der Arbeit drücken oder nicht gehen wollten, mußten in einem Rucksack den ganzen Tag Ziegel herumtragen und dabei arbeiten. Bei solchen Schikanen zeichnete sich ein Partisan besonders aus. Er hetzte die Frauen, ob sie alt oder jung waren, ständig herum, und wehe, wenn eine nicht schnell genug lief. Dann bekam sie unbarmherzig den Rucksack mit Ziegelsteinen auf den Rücken. Das Brennmaterial für die Bäckerei mußte aus über zehn Kilometer Entfernung herbeigeschafft werden. Dazu wurden vorwiegend Frauen, die nicht voll arbeitsfähig waren, und Kinder von zehn bis zwölf Jahren verwendet. Dieser Weg mußte in einheitlichem Gang, ohne Rücksicht auf den Gesundheitszustand des einzelnen, zurückgelegt werden. Wer nicht nachkam, erhielt eine Strafe. Eines Abends vor Pfingsten, als ich vor dem Schlafengehen noch auf die Straße ging, kamen Partisanen, schrien mich an und holten mich weg. Ebenso mußten zwei Frauen, die noch vor dem Schlafengehen nach rückwärts zur Latrine gegangen waren, mitkommen, und auch noch mein Nachbar Peter Altmayer. Wir wurden in eine Scheune geführt. Dort wurden wir einzeln verprügelt. Da wir bereits alle zum Schlafengehen ausgezogen waren, hatten wir nicht nur die Schmerzen zu ertragen, sondern erkälteten uns noch gründlich.

Das Lager Rudolfsgnad wurde am 1. März 1948 aufgelöst. Viele von uns wurden nunmehr in andere Gebiete Jugoslawiens verlegt. - Wir wurden von nun an für unsere Arbeit bezahlt. Aber wir hatten keine Wahl, wo wir arbeiten wollten, sondern es wurde uns angewiesen, welche Arbeitsplätze wir zu beziehen hatten. Ein Jahr darauf, 1949, mußten wir einen Arbeitsvertrag abschließen. Dieser Arbeitsvertrag wurde aber von den Partisanen nach Beendigung der Feldarbeiten im Herbst vielen gekündigt, so daß diese Personen nicht nur ohne Arbeit waren, sie bekamen auch keine Lebensmittelmarken. Da wir im Sommer nicht soviel verdient hatten, um uns für den Winter etwas zu ersparen, konnten diejenigen, die nun im Winter entlassen waren, jetzt auf dem Schwarzen Markt kaum Lebensmittel kaufen, und sie hatten es fast schwerer als im Lager. Denn es war nun auch nicht möglich, in einem anderen Ort vorübergehend im Winter eine Arbeit anzunehmen, da man sich im Frühjahr beim Beginn der Feldarbeit wiederum auf dem zugeteilten Arbeitsplatz zu melden hatte. Die Staatsbürgerschaft wurde uns Volksdeutschen in Jugoslawien durch verschiedene Drohungen und Erpressungen aufgedrängt. Die Partisanen drohten, daß uns die Kinder weggenommen und wieder irgendwo interniert würden, falls wir die Staatsbürgerschaft ablehnten. Außerdem entzog man uns die Lebensmittelmarken. Infolgedessen konnte man schwer Arbeit finden und war gezwungen, nach hartem Widerstand schließlich die Staatsbürgerschaft anzunehmen. Nur wenige verweigerten die Staatsbürgerschaft hartnäckig bis zum Ende, in der Hoffnung, bald nach Deutschland zu ihren Angehörigen herauskommen zu können. Diese Landsleute kamen tatsächlich früher aus Jugoslawien los, während es bei uns schon sehr schwer war. Am 20. April 1951 konnte ich endlich von Belgrad wegfahren und zu meinen Angehörigen nach Deutschland reisen.

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