Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.455-457

Johann Nuspl, * 1900 in Stanischitsch, Pfarrer in Tscheb  BA, Ost-Dok.2

Als Zwangsarbeiter in dern Lagern Neusatz, Kikinda, Milidorf und Rudolfsgnad - Gelegentliche Seelsorge in den "Sterbehäusern" für die Alten und in den sogenannten Spitälern

Nach etwa 13 Monaten von meiner Einlieferung an gerechnet wurden wir Priester in das Lager Rudolfsgnad im Banat überführt und hier von den übrigen Lagerinsassen getrennt untergebracht. Nach zwei Monaten wurde die Gruppe der Priester auf mehrere Lager verteilt. Ich selbst kam mit einem Priesterkollegen und einem reformierten Pastor in das Lager Groß-Kikinda. Am 31. Dezember 1946 wurde dieses Lager in das KZ Molidorf, rund 30 Kilometer von Kikinda, übersiedelt. Die Übersiedlung geschah selbstverständlich zu Fuß. Wir kamen äußerst erschöpft und als loser Haufen aufgelöst in Molidorf an. Unterwegs erlag eine Frau einem Herzschlag. Am Dreifaltigkeitssonntag des Jahres 1947 wurden die Insassen dieses Lagers in die Lager nach Gakowa und Kruschiwl übersiedelt, welche bekannt waren, daß man von dort leicht über die Grenze flüchten konnte.

Uns Priester, in Milidorf waren wieder mehrere beisammen, schaffte man aber, unserer bitteren Enttäuschung, abermals nach Rudolfsgnad. Man kann zweierlei Lage unterscheiden: die kleineren zahlreichen Arbeitslager in verschiedenen Gemeinden, auch in den einstigen Wohnorten der Insassen, und die großen Massenlager, in denen meist Frauen, Greise und Kinder zu vielen zusammengepfercht waren.

Sobald die Arbeitslager überflüssig wurden, etwa durch Ansiedlung der serbischen "Kolonisten", wurden diese aufgelöst und die Insassen in die großen Massenlager gebracht. Auch solche wurden in die Massenlager gebracht, die infolge Unterernährung oder anderer Ursachen wegen arbeitsunfähig wurden. Es kann ruhig behauptet werden, daß die Verpflegung in den Lagern nirgend reichend war, um einen Menschen auf die Dauer am Leben zu erhalten. Die Tendenz zur Ausrottung durch Hunger war klar und unverkennbar. Wie konnten sich doch Tausende vor dem Hungertod retten? Eine Erklärung scheint durch folgende Hinweise gegeben. Viele Lagerinsassen arbeiteten außerhalb des Lagerbereiches und gelangten dadurch zu Lebensmitteln. Auch zu Zeiten, als Lebensmittelzufuhr strengstens verboten war, gelang es doch mitunter, einiges hineinzuschmuggeln. Zur Zeit der Arbeiten auf den Maisfeldern wurde während der Arbeit der Mais roh gegessen. Die noch verbliebenen Männer und Burschen wurd meistens als Kutscher eingesetzt und hatten Gelegenheit, Lebensmittel zu besorgen und auch Briefe zu befördern.

Ich erinnere mich noch an zwei Mütter von vier bis fünf Kindern im Lager von Rudolfsgnad, wie sie versuchten, sich Lebensmittel zu besorgen, indem sie sich aus dem Lager hinausgeschlichen hatten. Als sie versuchten wieder hineinzukommen, wurden sie von der Wache erschossen.

Als Lebensmittelsendungen erlaubt wurden, bekamen wir Priester ziemlich regelmäßig Pakete von Bekannten und Wohltätern. Hierbei sei auf die sogenannten "Altersheime" in den großen Massenlagern hingewiesen, die ich sowohl in Molidorf als auch in Rudolfsgnad kennenlernte. Diese Altersheime waren in einzelnen Häusern der Lagergemeinde untergebracht. Es waren meistens recht bescheidene Wohnhäuser mit zwei bis drei Zimmern. Hierher wurden jene Insassen gebracht, deren Gesundheitszustand infolge von Hunger und Entbehrungen hoffnungslos geworden war. Es waren richtige Sterbehäuser.

Ich konnte sowohl in Molidorf wie auch in Rudolfsgnad diese Altersheime regelmäßig wöchentlich zweimal suchen und den Sterbenden je nach Umständen priesterlichen Beistand leisten. Zur Erklärung sei hier noch bemerkt, daß die Priester ebenso zur körperlichen Arbeit herangezogen wurden wie die anderen Lagerinsassen.

Die Kranken und  Sterbenden lagen auf einer auf den Boden gestreuten dünnen Strohschicht, wie es ja im ganzen Lager der Fall war, dicht gedrängt, mit lose gesetzten Ziegeln von einander getrennt. Zwischen den Kranken standen durcheinander verschmutzte Schalen und armselige Geschirre mit widerlichen Speiseresten, Töpfe, die als Spucknäpfe dienten, ungereinigte Nachttöpfe, vertrocknete Krumen von ungenießbarem Maisbrot, verschmutzte Fetzen u. ä. Inmitten all dieses Elends lagen Sterbende in verschmutzter Wäsche, in ungereinigten Kleidern, im eigenen Kot. Geruch und Ausdünstungen waren fast unerträglich.

Hier vollzog sich die letzte Tragödie unseres Volkes. Ich sah unser Volk nie so elend und geschlagen wie hier, sogleich auch nie so groß und heldenmütig. Trotz all dieses Elends sah ich selten innerlich zerbrochene Menschen. Kein Recht, auf welches sie sich hätten stützen können, kein Gesetz, das sie geschützt hätte, keinen Menschen, der ihnen half, oft noch den Gram im Herzen um Kinder oder Eltern, so schauten sie dem Elend tagelang, wochenlang entgegen, bis der Tod ihre Augen vor dem Grauen dieser Welt schloß. Und doch starben die meisten gefaßt und gottergeben. Ich denke in Ehrfurcht an diese Altersheime. Außerdem gab es im Lager Rudolsgnad noch einige "Spitäler", in denen die Zustände weniger trostlos waren. Es gab sogar Betten für die Kranken, die Verpflegung aber reichte nicht aus, um die Kranken vor dem Hungertod zu retten.

Viele Kinder waren auch einzelnen Frauen anvertraut, die über eine Gruppe von etwa sechs bis acht Kindern die Aufsicht zu führen hatten, für diese die Verpflegung faßten und ausfolgten. Die Kinder hatten in den Lagern selbstverständlich keinen Unterricht. Sie suchten sich selbst irgendeine Beschäftigung, die ihren Geist anregte, und formten häufig auffallend schöne Plastiken, besonders Tierfiguren. Es gab Leute, die es versuchten, den Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen.

Weihnachten wurde meist in stillen Gedanken gefeiert. Dies alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen daß das ganze Lagersystem ein Massenmord an unserem Volke war.

Manche Lagerleute wurden von slawischen Bekannten als Knechte oder Mägde
aus dem Lager herausgeholt. Dafür mußten sie an die Lagerverwaltung einen Betrag zahlen, und viele überstanden solcherart die ärgsten Zeiten. Erschütternd war es oft zu sehen, wie auch die Kinder schon ganz und gar vom Kampf gegen den Hunger, vom Kampf um das Leben beherrscht waren.

Man kann die Frage stellen, was eigentlich das Partisanenregime veranlaßte, mit offenkundig unschuldigen und harmlosen Menschen in solcher Weise zu verfahren. Ich fände hauptsächlich drei Gründe dafür. Man wollte erstens blutige Rache nehmen an denen, deren man habhaft werden konnte. Durch die Vertreibung der Donauschwaben wollte man zweitens Boden gewinnen, um die eigenen Leute zufrieden zu stellen. Man wollte schließlich diesen Gebieten durch Heranbringung slawischer Kolonisten, meistens Serben, eine eindeutige slawische Mehrheit geben. Weil die Siegermächte die Aussiedlung der Jugoslawiendeutschen nicht gestatteten, hatte das jugoslawische Partisanenregime dieses Problem nach eigener Mede gelöst.

In den Monaten Januar und Februar des Jahres 1948 begann man auch das Lager Rudolfsgnad, wohin auch die Reste des Lagers Gakowo und Kruschiwl überführt wurden, nach und nach aufzulösen. Wir Priester wurden nun abermals in Lager Neusatz gebracht und dort mit anderen Lagerinsassen zusammen bis zum Monat Mai des gleichen Jahres festgehalten. Nachdem auch dieses Lager aufgegeben werden sollte, schaffte man uns Priester abermals in das Banat, und zwar nach Karlsdorf in das sogenannte Altersheim für Volksdeutsche, welches in einer großen, einst vom deutschen Militär errichteten Baracke untergebracht war.

Am 4. Oktober des gleichen Jahres unternahm ich einen Fluchtversuch und gelangte schließlich nach Ungarn, wo ich zunächst einen sorglosen Monat in Ruhe verbringen konnte. Bei einem Versuch, über die österreichische Grenze zu kommen, geriet ich in ungarische, damals schon kommunistische Haft und wurde etwa vier Wochen in einem Polizeigefängnis festgehalten. Schließlich wurde ich zusammen mit 30 bis 40 anderen volksdeutschen Flüchtlingen und heimgekehrten Kriegsgefangenen von der ungarischen Grenzwache über die österreichische Genze abgeschoben und erreichte am 12. Dezember, Gott dem Herrn dankend, österreichischen Boden.

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