Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.210-213

Karoline Novak, geb. Zollinger, Ploschitz

Auszug aus Heimatbuch Ploschitz 405-407; 289 ff.; II, 195 ff.; IV, 317 ff. 2378 / 1136, 1400

Plünderung, Spott, Demütigung und Haß wie in Ploschitz so in Rudolfsgnad
Es war Ende 1944. Wir dachten, jetzt geht der Krieg zu Ende. Bei uns kehrten schon Männer heim. Sie glaubten, zu Hause sind sie erlöst, und wir dachten, endlich wieder Helfer zu haben. Der Winter stand bevor und die Maisernte mußte eingebracht werden. Doch es kam anders. Mein Vater, der in der Gemeinde arbeitete, brauchte nicht mehr zu kommen. Ein Verwandter wollte uns bei der Ernte helfen. Wir wollten gerade aufs Feld fahren, da kamen zwei Partisanen und forderten ihn auf mitzukommen. Er wurde kreidebleich und fragte: "Was wollen die denn von mir?" Dann mußte er mitgehen.

Das war ein Abschied für immer, er kam nie mehr wieder. Von nun an hatten wir Tag und Nacht keine Ruhe mehr. Ein Serbe, der auf der anderen Straßenseite wohnte, brachte uns immer Nachrichten, was mit uns Deutschen geschehen solle. Dies wurde uns fast zum Verhängnis. Die Fremden aus Serbien wollten sich an uns rächen.

Wir hatten Geld und Wertsachen vergraben, damit sie nichts finden sollten. Bald erfuhren wir von den serbischen Nachbarn: "Heute kommen die Fremden Geld holen!" Und schon waren sie da. Sie forderten einen bestimmten Geldbetrag. Ich hatte mein Geld bei mir. Nun mußten wir uns alle in einer Reihe aufstellen, wir sollten erschossen werden. Zwei Männer gingen ins Nebenzimmer, die suchten Wäsche. In diesem Zimmer war auch meine ganze Aussteuer. Zwei andere Männer bedrohten uns mit Waffen: den Vater, die Mutter, meine Nichte (eine Kriegswaise), meine jüngere Schwester und mich, mit meinem Kind am Arm. Wir fingen an zu weinen.

Während die Männer mit meinem Vater verhandelten, packte meine Schwester mein Kind, und ich versuchte durch ein offenes Fenster zu fliehen. Schon folgte mir ein Partisan nach, erwischte mich und zerrte mich wieder zurück zu den anderen. Dann mußte meine Mutter unter strenger Bewachung das Geld ausgraben und abgeben. Wir waren noch geschockt, konnten nicht reden, da wurde unsere Mutter mit einer Nachbarin abgeführt und in der deutschen Schule im Keller eingesperrt. Zwei Posten bewachten die zwei wehrlosen Frauen. Am folgenden frühen Morgen konnte mein Vater die beiden Frauen herausholen und nach Hause bringen. Meine Mutter erzählte: "Ich habe die ganze Nacht gezittert und gebetet. Mir haben sie nichts getan, aber die Nachbarin wurde grün und blau geschlagen. Sie konnte vor lauter Angst nicht beten, da habe ich sie beruhigt. Wir hatten die ganze Nacht kein Auge zugemacht."

Einen Tag später erfuhren wir, daß ein Gesetz herausgekommen sei, wonach die Eroberer mit den Deutschen tun dürften, was sie wollten. Das taten sie ja sowieso schon. Vorwiegend nachts kamen sie, klopften ans Fenster oder an die Tür und verlangten, was sie wollten. Bald war alles fort, und eine Weile war Ruhe.

Im Frühjahr 1945 fingen wir an zu säen und pflanzen. Anfang April, wir waren gerade im Bett, da klopften sie an die Tür und forderten uns auf, die Wohnung zu öffnen. Sie traten ein und befahlen uns, uns anzuziehen. Sie schauten uns dabei zu. Wir wollten aus dem Nebenzimmer uns noch etwas holen, aber wir durften nichts mehr anrühren, noch etwas mitnehmen. Dann mußten wir aus dem Haus gehen.

Meine Schwester war bei ihrer Schwiegermutter. Wir mußten sie holen, damit die Familie vollständig ist. Mein Vater gab nur widerwillig den Hausschlüssel ab, er war wehrlos. Dann mußten wir fortgehen. Ich hatte mein Kind auf dem Arm und in der anderen Hand etwas zum Zudecken. Zwei bewaffnete Partisanen führten uns in ein überfülltes Haus mit vielen Kleinkindern und älteren Leuten. Da war kein Platz zum Schlafen, nicht einmal zum Sitzen. Stehend mußten wir bis zum Morgen warten, bis uns etwas zugewiesen wurde. Die älteren Frauen mußten die Kinder versorgen, und wir gingen in die Weingärten arbeiten.
Schon bald sollten die Frauen mit Kindern in ein anderes Lager kommen. Wir
wurden ständig verspottet, wenn wir klagten: "Euer Herrgott oder euer Hitler
soll euch doch jetzt helfen", sagten sie. Oder sie wollten uns ärgern und meinten: "In euren Federn kann man aber gut schlafen!"

Wieder wurden wir für den Abtransport eingeteilt. Ich durfte meine neunjährige Nichte mitnehmen, die alleine war. Sie sollte auf mein Kind aufpassen, wenn ich zur Arbeit muß. Mit Fuhrwerken wurden wir nach Mramorak gebracht. Alle Ploschitzer Frauen mit Kindern kamen in ein großes Haus und die Alten in ein kleineres. Die Häuser hatten eine Küche, und gekocht wurde in Kesseln für alle. Wir konnten zufrieden sein! Auch die Kinder hatten immer satt zu essen, wenn die Mütter auf Arbeit waren. Einige Monate ging es so gut.

Anfang November, ein Datum kannten wir nicht, hieß es, ihr kommt jetzt mit euren Kindern auf Erholung. Wieder mußten wir unsere Habseligkeiten zusammenpacken. Wir wurden in offenen Viehwagen abtransportiert. Wir hatten wenig Kleider zum Anziehen, der Wind blies während der Fahrt und die Kinder froren. Am Ziel mußten wir schnell aussteigen. Wohin jetzt? Keiner wußte Bescheid. Wo oder bei wem sollen wir uns melden? "Ihr müßt euch schon selber etwas suchen", meinte eine Frau, "hier gibt es nichts!" Die alten Leute trugen ihre Sachen weiter, uns Frauen mit den Kindern ging es schlecht. Die Kinder hatten Hunger, aber wir konnten ihnen nichts geben. Es war schrecklich.
Endlich fanden wir einen großen Stall; hier mußten wir uns niederlassen, denn es wurde schon dunkel. Am nächsten Morgen, als es hell wurde, sahen wir, wo wir waren. Alle Häuser waren abgerissen, es gab keinen Zaun mehr, keine Bäume. Der Wind pfiff durch die Wände, und der Stall stank nach Pferdemist. Wir versuchten, mit einem Reisigbesen eine Fläche zu reinigen. Dann suchten wir Stroh für eine Lagerstätte. Es war nur wenig, was wir fanden. Wir waren hungrig und sehr müde. Auf dem harten Lager fielen uns die Augen trotzdem zu.

Am nächsten Tag suchten wir etwas zu essen. Nur einige Maisreste fanden wir in den Gärten. So sammelten wir Brombeerblätter und kochten Tee. Der machte aber auch nicht satt. Einige tauschten Wertsachen gegen Brot, andere gingen betteln. Ich hatte nichts zu bieten, und betteln konnte ich nicht. Eine Verwandte meinte, ich soll die Hilde mit meinem schönen Schal fortschicken, vielleicht könne sie dafür etwas bekommen. Als sie zurückkam, sagte sie "Tante, ich gehe nie wieder, die Leute sind so grob. Eine Frau gab mir trotzdem ein Stückchen Brot, und ich durfte den Schal behalten." Wir gaben das Betteln auf. Mein Kind bekam einen Erstickungshusten.

Endlich wurde eine Küche eingerichtet, aber zu essen gab es noch nichts. Unzählige Erwachsene und Kinder starben an einer Krankheit oder verhungerten. Frauen, die noch halbwegs bei Kräften waren, mußten täglich die Toten wegschaffen. Erst gegen Weihnachten gab es ab und zu einen Becher Maismehl.

Davon bekamen wir aber auch nicht viel Kraft, ständig die Toten wegzutragen. Und es wurden täglich immer mehr. Kinder liefen bei Wind und Wetter durch die Straßen und baten um Essen. Viele von ihnen waren allein. Die Großeltern waren gestorben, und sie hatten nun niemand mehr.

Es hat lange gedauert, bis diese Waisenkinder in Kinderheimen untergebracht und versorgt wurden. Viele Kinder erlebten aber diese Zeit nicht mehr. Weih
nachten kam, und wir glaubten, daß es endlich doch etwas zu essen gibt. Wirklich, es gab etwas - Waschpulver -‚ jedoch nichts zu essen. Wir saßen beisammen und waren wieder einmal geschockt.

Endlich wußten wir, die wollen uns verhungern lassen. In der Küche hatten wir schon manches vorbereitet, und weil dort der Herd war, haben wir dort auch geschlafen. Alles war umsonst. Der Husten meines Kindes wurde immer schlimmer, es konnte nicht mehr stehen, und vom vielen Tee bekam es einen Wasserbauch. Ich wußte nicht mehr, was ich tun sollte. Es war Januar, und keiner konnte hinaus. Da meinte Resi-Bäsl: "Wir können die Kinder doch nicht verhungern lassen! Ich gehe stehlen und du paßt auf." Es gelang, und so konnten wir eine Schüssel Grießsuppe kochen. Der Kleine durfte zuerst essen, dann die Nichte und zuletzt ich, wenn noch etwas übrig blieb. So schlugen wir uns bis zum Frühjahr durch.

Allmählich wurden Lebensmittel verteilt, wenn auch wenig. Eine Küche fing
an, Essen zu kochen, aber vorher mußte Brennmaterial herbeigeschafft werden,
und das war Mangelware.

Eines Tages kam die "große Zählung". Alle mußten zur Versammlung. Man sagte, es seien rund 2000 Menschen, so sah es auch aus. (Laut Dr. med. K. F. betrug der Lagerbestand am 31.5.1946 18272 Personen, also nahezu das Zehnfache, Anm. d. Red.) Ein dicker Mann hielt in serbischer Sprache eine Rede. Unter anderem hieß es: "Hier müßt ihr bleiben. Hier müßt ihr krepieren!" Wir waren schon so abgestumpft, uns konnte nichts mehr erschüttern. Wir haben zwar hingehört, aber hörten nur von Schmach reden, es war für uns doch nichts Neues.

Hätte man uns gesagt, drei Jahre müßt ihr im Lager bleiben, so hätten wir gewußt, diese drei Jahre gehen vorbei. Aber so ohne Ziel leben zu müssen, dazu die unzähligen, unschuldigen toten Frauen und Kinder und alten Leute, die wie Hunde begraben wurden, das war unmenschlich. Alle liegen im Massengrab.
Für mich war 1946 das schlimmste Jahr, ein Jahr zwischen Leben und Tod. Wir hatten uns mit dem Schlimmsten abgefunden. Wir lebten nur noch im Zimmer. In der Mitte hatten wir einen Schweinetrog, der war unsere Mühle, und ein Eimer war die Toilette. Es gab nur Suppe, und keiner wagte es hinauszugehen, denn da waren die Posten. Tante Juli aus Bawanischte hat immer den Eimer weggebracht. Der war gleichzeitig unsere Uhr. Sie sagte: "Wenn der Eimer voll ist, ist es 6 Uhr."

Wir waren eine gute Clique. Später kamen noch meine Eltern und Schwester zu uns. Meine Mutter meinte, als sie uns sah: "Wie geht denn ihr daher?" Unsere Kleider waren verschlissen, ihre waren besser. Sogleich fingen wir an zu nähen. Diese Aufmunterung hatte uns gefehlt. An den Füßen hatten wir nur Holzlatsehen, die uns ein Mann gemacht hatte.
Nachdem der Aufseher Moscha tot war, durften wir uns freier bewegen. Aber
wir wurden schon wieder getrennt. Mein Mann hat uns abgeholt, und wir kamen
nach Serbien. Dort blieben wir wieder drei Jahre.
Das war nur ein Teil meiner Erinnerungen. Es sind jene, die ich nicht vergessen kann. Es sind aber auch Tatsachen, die ich nicht begreifen kann: daß man nämlich wehrlose Menschen wie Schwerverbrecher behandelt. Und doch soll man solchen Menschen verzeihen, die durch den Krieg vielleicht auch alles verloren haben. Gott möge es ihnen verzeihen.

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