Eine tapfere Mutter...

Auszug aus dem Leidensweg von Katharina Massong * 1922 in Lazarfeld

Im Jahr 1945 sind meine Söhne Ludwig (5), Hans (3), Nikolaus (1) und ich in das
Vernichtungslager Rudolfsgnad an der Theiß verschleppt worden. Wir wussten nicht, was man mit uns vorhatte. Wir hatten Angst und wieder Angst, dass die Partisanen uns umbringen würden. Wir mussten hungern, wurden geschlagen und mussten große Schmerzen erleiden, weil wir Deutsche waren. Wir sollten alle ausgerottet werden. Meine Eltern mussten zum Arbeiten in unserem Heimatdorf Lazarfeld bleiben, durften aber nicht in unserem Haus wohnen, sondern wurden woanders untergebracht.

Im Jahr 1946 waren wir schon ein Jahr im Vernichtungslager Rudolf. Die Kinder hatten immer Hunger und ich wusste nicht mehr, was ich dagegen tun konnte. Ich war auch schon durch Hunger und Krankheit sehr schwach geworden.

Eines Tages kam mein Sohn Ludwig mit einem Buben aus Lazarfeld. Sie brachten eine Katze, die noch irgendetwas zu fressen gesucht hatte. Die zwei Buben sagten, die werden wir aber gleich abziehen und kochen. Was sollte ich da sagen? Die Kinder hatten schon ein Jahr kein Brot und kein Fleisch mehr gegessen. Tag für Tag gab es nur Maisschrot. Gesagt, getan, die Buben haben vom Gartenzaun einige Latten abgerissen und Feuer gemacht. Sie haben Wasser in einen alten Kessel gefüllt und die enthäutete Katze reingegeben.
Das Wasser hat noch gar nicht lange gekocht, da haben sie schon die Schenkel
abgerissen und gegessen. Es sind noch einige andere Kinder dazugekommen, die auch ein wenig abbekommen haben. Es war sehr traurig, zu sehen, wie gierig die Kinder gegessen hatten.

Einige Zeit später habe ich erfahren, dass es am Ende des Dorfes einen Tierfriedhof gab, wo die Partisanen die Pferde, die durch  Krankheit und Hunger verendet waren, hingebracht haben. So haben wir Frauen, die davon wussten, uns verabredet und haben uns hingeschlichen immer nur durch die Gärten, damit die Partisanen uns nicht sahen. Jede von uns hat sich ein Stück Pferdefleisch abgerissen und jede wollte das größte Stück mitnehmen.
Ich hatte eine abgebrochene Sichel gefunden, aber die war nicht sehr hilfreich.
Wir haben das Fleisch im Kessel gekocht und den Kindern zu essen gegeben.
Aber kurz danach hat mein jüngster Sohn Nikolaus am ganzen Körper einen Ausschlag bekommen. Es war eine Vergiftung, hervorgerufen durch das Fleisch. Aber einen Arzt gab es nicht. Ich fühlte mich so schuldig.

Ich hatte immer nur Angst, dass meine Kinder verhungern müssten und überlegte, wie ich zu Nahrung kommen könnte. Ich nähte einen Brotsack und habe Bänder daran befestigt, mit denen ich ihn unter meinem Rock befestigen konnte. Damit bin ich durch die Gärten von Haus zu Haus  auf die Speicher geschlichen und habe mit der abgebrochenen Sichel, die zu meinem Werkzeug geworden war, nach einigen Weizenkörnern gesucht. Und tatsächlich haben sich in den Ritzen noch welche befunden. Ich hab sie in mein Brotsackel gegeben und bin zurück ins Lager, wo ich sie in einem Trog so lange mit einem Stein gerieben habe, bis sie wie Mehl ausgesehen haben. Dann bin ich durch die Gärten und habe Gras gesucht, um es mit dem Mehl zu "Spinat" zu kochen. Das ging einige Zeit so, bis ich nicht einmal mehr Kraft zum Reiben im Trog hatte. Eine Frau aus dem Nachbarhaus erzählte mir, dass es dort eine Salzmühle gäbe, mit der es besser ginge. Aber jedes mal, wenn ich die Mühle holte, musste ich die Hälfte von meinem Ertrag abgeben. Dann hatte ich nicht einmal mehr die Kraft, die Mühle zu betätigen.

In dieser Zeit sind viel Menschen durch Krankheit und Hunger gestorben. Meine Schwiegermutter Massong, Gott hab sie selig, ist in meinen Armen gestorben und es gab keinen Sarg weder für sie, noch für einen anderen Deutschen. Nicht einmal eine Bretterkiste. So haben wir ihren Umhang, der ziemlich groß war, auf dem Boden ausgebreitet. Sie hatte noch ein großes Taschentuch von Zuhause. Damit haben wir sie gewaschen und in den Umhang eingenäht und in den Hof gelegt. Bis am nächsten Tag der Pferdewagen kam, und die Verstorbenen des Vortages aufgeladen und fortgefahren wurden. Anfangs wussten wir nicht einmal wohin. Alle drei Kinder meiner Schwägerin Barbara sind in dieser Zeit gestorben.

Meine Schwägerin Susi wurde zu Tode geprügelt, als sie für ihre drei Kinder Kartoffeln stehlen wollte. Nachdem man sie gefoltert hatte, warfen sie die Partisanen in einen Bunker ohne Licht. Dort ist sie ohnmächtig geworden und man schleppte sie hinaus und warf sie in den Schnee und ließ sie so lange liegen, bis sie erfroren war. Ihre Kinder waren dann Waisen. Man holte sie aus dem Lager, brachte sie weg und keiner wusste, wohin sie verschleppt worden waren. Es waren noch andere Kinder dabei, die auch keinen ihrer nächsten Angehörigen mehr hatten. Die Partisanen trennten die drei Geschwister und sie wussten nichts mehr voneinander, bis sie einander in München vom Roten Kreuz vorgestellt wurden. Dazwischen waren etwa 10 Jahre vergangen. Wenigstens ihre Namen hat man ihnen gelassen.

Eines Tages, als ich mit hohem Fieber und starken Magen -und Darmkoliken im Bett lag, kam mein Vater aus Lazarfeld zu uns. Er musste weinen, als er unseren Zustand und unsere armselige Unterkunft sah. Er war drei Tage zu Fuß unterwegs gewesen. Es lag draußen schon Schnee. Seine Schuhsohlen waren abgerissen. Am Tor zum Lager hatten ihn die Partisanen abgetastet und ihm das wenige, das er mit hatte, bis auf etwas Salz und 2 Tafeln Leim,  abgenommen. Mein Vater musste gleich wieder zurückgehen, denn meine Mutter war doch in Lazarfeld zurück geblieben. Beide mussten für die Partisanen arbeiten. Den Leim kochte ich mit Wasser auf und trank den Schleim. Und siehe, für mich war es ein Wundermittel. Mein Magen und der Darm bekamen dadurch eine Schutzschicht und bluteten nicht mehr. Von dem Salz lebten meine Kinder und ich einige Zeit und wir haben wieder Hoffnung geschöpft. Da mein Vater gesehen hatte, wie schlecht es uns ging, haben sich er und meine Mutter zusammen gepackt und sind bei Nacht aus ihrem Heimatdorf  weg. Sie haben sich auf den Weg zu uns gemacht. Tagsüber haben sie sich auf den Feldern zwischen den Maisreihen versteckt und gewartet, bis es wieder Nacht wurde. Sie meinten, wenn die Buben und ich sterben müssten, wollten auch sie nicht länger leben. Als sie am Vernichtungslager angekommen waren, gruben sie sich mit bloßen Händen und
Stöcken unter dem Zaun durch und kamen so zu uns. Fortan hatten auch sie zu leiden.

Mein Vater wurde mit den Männern und Buben, die noch ein wenig arbeiten konnten, jeden Tag aufs Feld gejagt. Als sie einmal an einem Maisfeld vorbei kamen, hat mein Vater schnell 3 Kolben Kukurutz  abgerissen und in Eile in einem Bündel Reiser versteckt. Ein Bub hatte sich in einen Weingarten geschlichen und Trauben gestohlen, damit seine Mutter und die Geschwister ein bisschen zu essen hatten. Auch er hatte die Trauben in einem Reisigbündel versteckt. Aber als sie zum Tor kamen und ins Lager wollten, sagten die Partisanen mit aufgepflanzten Gewehren STOJ  stehen bleiben. Da mussten sie die Reisigbündel hinwerfen und bei dem Buben sind die Weintrauben herausgekullert und mein Vater musste sein Bündel aufmachen und die drei Kukurutzkolben sind  herausgefallen. Der Bub und mein Vater wurden fast zu Tode geprügelt. Mein Vater litt an den Verletzungen, so lange er lebte.

Mein Mann war in englischer Kriegsgefangenschaft und arbeitete in einer Schokoladenfabrik . Über Freunde konnten wir in  brieflichen Kontakt mit ihm kommen.

Mein Mann hat versucht, uns ein Paket mit Schokoladestücken zu schicken. Wir bekamen das Paket lange nicht und als es da war, war  es von Ratten und Mäusen angeknabbert und voller Löcher.  Im Paket war nur noch etwas Kakao und Staubzucker, aber die Buben aßen ihn gierig.

Im Jahr 1948 wurden wir in offenen Viehwagons zur Zwangsarbeit ins Jabukoer Ried, früher Apfelsdorf genannt, gebracht. Hier hatten wir es etwas besser. Die Eltern hatten leichtere Arbeit und wir bekamen jeden Tag eine warme Suppe  manchmal schwammen auch ein paar Lammfleischstückchen darin  meistens Kraut und etwas Maisschrotbrot. So konnten wir uns langsam erholen und mussten an die 10.000 Menschen  denken, die im Vernichtungslager sterben mussten., aber auch an die, die ein Leben lang gezeichnet waren.

Dann endlich am 15. Juni 1951 konnten wir zu meinem Mann nach Deutschland ausreisen. Nach der jugoslawisch-österreichischen Grenze bekamen wir in Villach das erste Stück Weißbrot nach 6 Jahren! Wir waren so froh, dass wir endlich in Freiheit waren.