Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.530 - 531

Elisabeth Kuhn, * 1942 in Jabuka/Apfeldorf

Eine Kindheit im jugoslawischen Vernichtungslager Rudolfsgnad (Knicanin)

Die Kindheitserinnerungen von Elisabeth Kuhn wurden erstmalig im Juli 1992 der renommierten britischen Tageszeitung "The Guardian" publiziert. Mit diesen Zeilen wurde die Öffentlichkeit des Vereinigten Königreiches zum ersten Mal mit dem Holocaust konfrontiert, den das Tito-Regime 1944/48 an der deutschen Minderheit Jugoslawiens verübte.

Teilabdruck aus diesen Kindheitserinnerungen, der in deutscher Übersetzung von Frau Gudrun Strauß-Gleich in "Der Donauschwabe", Jg. 42, Nr. 44, erschien.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen setzt beim Tod meiner Schwester ein: ein pferdegezogener Karren stoppte vor dem Haus, das wir mit so vielen anderen Bewohnern teilten. Der Kutscher stieg herab, ging in das Haus und kam schnell wieder heraus mit dem Körper meiner neunjährigen Schwester, elend verhungert und halb nackt. Ihm folgten meine wimmernde Großmutter, die weinende Mutter und die schluchzende Tante. Sie wollten Schwester bis zu dem Karren begleiten, aber es war ihnen verboten, sich ihm zu nähern. In der Zwischenzeit waren andere Leute aus den Häusern gekommen und hatten den Körpern die letzten Habseligkeiten ausgezogen. Nur wenige Tage zuvor hatte meine Mutter für mich auf dieselbe Art ein Paar übergroße Schuhe beschafft; der Winter stand vor Tür und ich konnte nicht weiter barfuß gehen. Es störte mich nicht, Kleider von Toten zu tragen, aber es störte mich sehr, daß die nächste auf den Karren geworfene Leiche meiner Schwester Schaden zufügen könnte. Da niemand auf mich achtete - ich war damals gerade fünf Jahre alt -, folgte ich dem Karren nach. Ich war furchtbar neugierig darauf, wohin wohl meine Schwester gebracht werden würde. Ich sah zu, wie der Karren mit Leichen vollbeladen wurde, doch wollte mir niemand diesen Vorgang erklären. Der Karren erreichte das Dorfende und bog nach ein paar Metern ab an eine Stelle, wo Männer schweigend ein großes Loch in den Boden gruben; der Karren wurde entladen und seine tote Fracht auf bereits in der Erde liegende Leichen gestapelt, eine auf die andere. Ich war besorgt, ob dies meiner Schwester nicht wehtun würde. Es kamen weitere Karren, und alles was geschah, war so normal, daß ich dachte, der Tod sei unser ständiger Alltagsbegleiter. Dies ereignete sich irgendwann im Jahre 1947, und ich war ein fünfjähriges donauschwäbisches Mädchen in einem jugoslawischen Vernichtungslager für Donauschwaben, die damals entrechtete Minderheit in Jugoslawien. Wir teilten einen Raum mit vielen anderen, unsere Betten bestanden aus einer Handvoll Stroh und ein paar Brettern. Ich erinnere mich, daß ich eines Morgens aufwachte und sah, wie Ratten die Brust einer toten Frau anfraßen. Ich weckte meine Mutter, und sie sah schnell nach dem letzten Besitzstück der Verstorbenen, ihrem Ehering, den sie meinem halbwüchsigen Bruder übergab, der sich aus dem Lagerr schlich, um ihn draußen, im Nachbardorf, gegen etwas Eßbares umzutauschen. Wenn die Wachen ihn erwischten, würden sie ihn totschlagen.


Das Lager wurde von Seuchen und Krankheiten heimgesucht. Auch meine Mutter erkrankte schwer und wurde fortgebracht. Jeden Morgen ging ich zu dem Haus um nachzusehen, ob sie auch mit dem Karren fortgebracht werden würde. Eines Tages kamen seltsam aussehende Frauen aus dem Haus gekrochen, an ihren Kleider erkannte ich, daß es sich um Frauen handelte. Eine von ihnen schimpfte mit mir, weil ich meine täglichen Rationen Maismehl nicht gegessen hatte, und da plötzlich gewahrte ich, daß diese blasse, ausgezehrte Frau meine Mutter war. Ich fragte sie: "Was hast Du mit Deinem Haar gemacht?" und fand es furchtbar komisch. Sie lächelte. Sie hatte den Typhus überlebt, und ich war erst fünf Jahre alt und wußte nichts anderes, als daß, wenn Mütter sterben, die Kinder irgendwohin gebracht würden, in meiner Vorstellung: in die Welt auf der anderen Seite des Flusses. Und ich erinnere mich an den Mann mit dem hölzernen Bein, der in dem Zimmer wohnte, durch das wir täglich mußten, um in unser Zimmer zu gelangen. Als ich eines Tages in unser Zimmer gehen wollte, sah ich wie der Mann mit dem hölzernen Bein im Zimmer herumhüpfte, mit einem Messer in der Hand einer Frau nachlief, die ein kleines, schreiendes Kind in ihren Armen hielt. Der Mann wollte das Kind töten. Irgendwie beruhigten ihn die Frauen, und man flüsterte noch lange bis tief in die dunkle Nacht hinein. Ich hatte eine schreckliche Angst, durch das Zimmer zu gehen, doch eines Morgens, als ich das Heraustragen der Toten beobachtete, trug man den Mann mit dem hölzernen Bein heraus und legte ihn auf den toten Körper einer Frau, die immer mühsam herumgeschlichen war, weil ihre Füße voll Wasser waren und die sich am Tag vorher noch einmal langsam umgedreht hatte um mir zuzulächeln. "So", dachte ich, "jetzt kann er dem Kindenichts mehr antun." In diesem Moment hörte ich, wie die Frauen erzählten, daß der Mann mit dem hölzernen Bein wußte, daß er sterben würde und vermeiden wollte, daß sein Kind dann in ein Kinderheim gebracht würde.

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