Heinrich Köller

Auszug aus  "Ein Volk an der Donau" von Nenad Stefanovic´. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.)  München 1996. S.147-151

Im Mai L945 kamen auch diese Brestowatzer Deutschen, die sich auf dem Prüfstand der Solidarität nicht als Brüder erwiesen hatten, in die gleiche Lage wie wir. Das Vermögen wurde ihnen abgenommen, und sie wurden hinter Stacheldraht gesetzt. Am 1. November 1945 mußten wir uns alle auf den Weg machen, der nur von wenigen durchgehalten werden konnte. Der Bestimmungsort war das Konzenrationslager Knicanin ( Rudolfsgnad ), ein Lager das zur systematischen Vernichtung von Kindern und alten Leuten bestimmt war, jener Deutschen, die noch nicht erwachsen oder arbeitsunfähig waren.

Nach meinen Untersuchungen betragen die Verluste der deutschen Bevölkerung Pantschowas während des Zweiten Weltkrieges und später durch die kommunistische Rache, d.h. in der Periode l94I - 1948, 2.045 Personen.

Allein im Lager Rudolfsgnad verstarben 865 Leute aus Pantschowa, davon waren 215 Kinder, 433 Frauen und 157 Männer. Zu diesen Zahlen kam ich aufgrund der Aufzeichnungen, die ich über die Umgekommenen in Rudolfsgnad führte, außerdem benützte ich die Liste der Verstorbenen und Umgekommenen von Theresia Beutelseck aus Pantschowa wie auch die Liste der  Umgekommenen und Verschollenen aus der Ortskartei Pantschowa, die in Stuttgart bei der Heimatortskartei aufliegt. Ich verwendete auch die Angaben des Nachrichtendienstes für Verschollene beim Deutschen Roten Kreuz in Hamburg. Ich bin mir vollkommen bewußt, daß das keine vollständige und keine präzise Erfassung ist, vor allem deshalb, weil von jugoslawischer Seite keine Evidenz der Verschollenen, Gefangenen und Umgekommenen Menschen in den Konzentrationslagern, die nach 1945 entstanden waren, geführt wurde.

Als wir im Winter in Rudolsgnad ankamen, waren dort keine Nahrunsmittel mehr vorhanden. Wir fanden nur vollständig leere Häuser vor, in denen auf mit Stroh bedeckten Fußböden tausende Menschen, Kinder und Alte, zusammengepfercht schliefen. Fenster- und Türstöcke, ja alles aus Holz war bereits verheizt worden. Haustiere waren aus dem Dorf verschwunden, sie waren an verdiente  Partisanen als Belohnung verteilt worden. Wir überlebten, indem wir uns von herumlaufenden Hunden und Katzen ernährten, die sich vermehrt hatten, und deren Besitzer schon vor über einem Jahr das Dorf verlassen hatten. Wir fingen sie mit den nackten Händen. Im Dorfe gab es gar nichts, weder Latten noch Stangen. Unsere Arme waren bis zu den Schultern zerkrazt Voller Schrammen, weil wir die Armel hochkrempelten, um nicht die einzige Kleidung, die wir hatten, zu zerreissen, Die Wunden eiterten und die Menschen starben vor Hunger. Mit den Katzen ist es unglaublich schwierig. Sie sind zäh wie die Teufel, es ist fast unmöglich sie zu töten. Sie lebten auf den Dachböden in Rudeln. Wir schleichen uns an, erwischen eine und denken dabei, daß wir sie vom Dachboden hinunterbringen, womit sie erledigt ist. Das ist eine irrtümliche Annahme. Die Katze windet sich heraus und ist plötzlich wieder auf den Beinen. Wenn du sie zum Mittagessen haben willst, darfst du sie nicht aus den Händen lassen. Die ersten Hungertoten waren zu beklagen, als wir alle Katzen eingefangen hatten. Ratten haben wir nicht gegessen, zumindest ist es mir nicht bekannt, aber sie fraßen unsere Leichen.

Bettelgänge in den benachbarten Dörfern, Perlas, Centa und Titel, waren eine weitere Art, um zu überleben. Doch mußte man unbemerkt aus dem Lager hinauskommen, sich hinausschleichen und wieder unbemerkt zurückkommen. Wir schlichen uns gewöhnlich in der Nacht aus Rudolfsgnad. Als das große Sterben begann, brachte uns der Hunger dazu, den Toten die Hemden abzunehmen oder andere Stücke der Bekleidung, und diese Sachen bei den Serben der umliegenden Dörfer gegen Lebensmittel umzutauschen. 

Im Lager war ich als Kutscher beschäftigt. Ich fuhr mit einem Wagen, der von zwei Pferden gezogen wurde. Im Hinterteil des Wagens wurden die Toten  aufgeschichtet. Zwanzig täglich, manchmal im Winter bis zu fünfzig. Im Sommer starben weniger Leute.

Bei den Lagerausgängen übernahm ich den Kurierdienst für getrennte Familien. Ich vermittelte Botschaften zwischen Müttern und Kindern in die Lager Franzfeld (Kraljeviöevo) oder Pantschowa. Rudolfsgnad war ein Kinderlager. Wenn die Verbindung hergestellt war, versuchte ich die Kinder herauszubekommen und sie zu ihren Müttern zu bringen. Ich war damals 14 Jahre alt. Manchmal erwischten sie uns beim Verlassen des Lagers. Eine Strafe war das Abwatschen (Ohrfeigen). Aber die Wächter machten sich nicht die Hände schmutzig. Sie pflegten uns in zwei Reihen aufzustellen und befahlen, uns gegenseitg Schläge zu versetzen. Nach der Strafe, mancher hätte wegen unserer roten Wangen gesagt, wir seien gesunde Kinder, wurden wir in das Gefängnis geworfen. Auf dem Ortsplan war das Haus Nr. 106. Im Keller dieses Hauses war immer Wasser. Grundwasser, sowohl im Sommer wie im Winter. Und in diesem Wasser stehend wurden wir eingeschlossen.

Erschießungen, ständig verfolgten mich die Erschießungen. Ich betrachtete manchmal aus der Nähe die Gesichter der Leute, das Blut, das am Hemd hervortrat, dann aber kam es dazu, daß auch ich vor den Gewehrläufen aufgestellt wurde. Im Sommer 1947 gingen wir elf Kinder zur Theiß hinaus, um zu baden. Das Baden in der Theiß war an diesem Tage gestattet, eigentlich nur das Waschen, weil es im Dorf überhaupt kein Wasser gab, von Seife keine Rede. Ein Wächter erblickte uns vor der Brücke und schoß ins Wasser. Wir schwammen sofort zurück. Als wir ans Ufer gingen, liefen uns die Partisanen bereits aus dem Wald, der sich wie ein Gürtel zwischen Rudolfsgnad und der Theiß hinzog, entgegen.

Vor uns standen drei Partisanen. Sie entschlossen sich gleich, uns zu erschießen. Nach ihren Richtlinien war die Flucht über die Theiß mit Erschießen zu bestrafen. Sie überlegten gar nicht, hörten uns nicht an und stellten uns in zwei Reihen auf. Ein Feuerstoß. Der Knabe vor mir brach unter dem Feuerstoß zusammen, riß auch mich mit und bespritze mich mit seinem Blut und seinem Hirn.  Bluttüberströmt lag ich im Sande und bewegte mich nicht. Der Partisane sagte: "Los, werfen wir sie in die Theiß!" Während die ersten zur Theiß gezogen wurden, nützte ich die Gelegenheit zur Flucht über den Damm ins Lager zurück. Ich hatte noch nicht einmal bemerkt, daß ich selbst verwundet war und versteckte mich. Ein Verwundeter unter 20.000 ist wie eine Nadel im Heuhaufen. Aber sie hatten beim Nachzählen festgestellt, daß einer von den Erschossenen fehlte und machten sich auf die Suche. Es gelang mir, bis zum Abend aus dem Lager zu verschwinden, und ich begab mich nach Sefkerin. In Sefkerin half mir eine Serbe, Offizier der königlichen  Armee, Lakovic´, der mich bei sich versteckte. Er heilte mich aus und versteckte mich drei Monate lang.


Mit der Zeit zeigten sich die Folgen der Lagerzeit. Die psychischen und physischen Extrembelastungen aus der Kindheit im KZ-Lager haben mich eingeholt, und nach einer gründlichen Untersuchung wurde festgestellt, daß 62 % meiner Knochen krank waren. Die Ärzte wunderten sich. Ich erklärte ihnen, in was für einem Lager ich als Kind gelebt hatte. Mangel an Kalzium in der Wachstumsperiode. Hochgradige Mangelernähung über 4 Jahre im Wachstumsalter wirkten sich auf die Knochenmassen aus.

Die Ärzte haben mir empfolen, möglichst viel über die Lager zu schreiben, über alles Schreckliche, um dadurch diese Bilder zu überwinden und um sie ruhigzustellen.

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