Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.219-222


Franz Janzer, * 1887 in Rudolfsgnad BA, Ost-Dok. 2


Bis 1948 Totengräber im Lager Rudolfsgnad
 
Vorbemerkung des Bearbeiters Lorenz Baron: Als Insasse des Todeslagers Rudolfsgnad und als stellv. Vorsitzender der Heimatortsgemeinschaft erhielt ich einige Berichte meiner Landsleute aus dem Bundesarchiv Koblenz. Den Bericht unseres Totengräbers Franz Janzer, von ihm in ungeübter gotischer Schrift und grammatikalisch fehlerhaft verfasst, habe ich als Wissensträger der damaligen Zeit entschlüsselt und möglichst wörtlich umgeschrieben. Ergänzungen sind bei nicht vollständigen Sätzen in Klammern angefügt. Franz Janzer, 1887 geboren, hatte vier Klassen Volksschulbildung, von der er in seinem Leben keinen Gebrauch machen konnte, denn in Rudolfsgnad wurde Bildung an Besitz in Joch Feld gemessen.

Vor und während der Vernichtungszeit war Janzer Erster Totengräber in Rudolfsgnad, er versah seinen Dienst bis zum 61. Lebensjahr. Mit etwa 70 Jahren schrieb er nachstehenden Bericht:
Ich war Totengräber in Rudolfsgnad 24 Jahre. Wie die Serben gekommen sind, wollte ich nicht mehr bleiben. Sie hielten mir die Pistole hin und sagten: "Du musst jetzt Totengräber und Schinder bleiben." Dann an einem Tag rufen sie mich in die Gemeinde. An dem Eingang saß ein Zigeuner, der bei uns Halter (Schweinehirte Mito, LB) war, um sich herum lauter Patronen und ein Gewehr in der Hand. Ich war erschrocken und er rief: "Nur keine Angst!" Ich ging zum Kommandanten, der sagte mir: "Draußen hängen vier Mann, du machst ein Grab. Der Wagen bringt sie hinaus." Vor Angst bin ich an den Gehängten vorbeigegangen, ohne sie anzusehen. Vier Mann haben sie zuerst totgeschlagen, dann haben sie noch geschossen und auf der Gasse aufgehängt bei der Nacht (Schreckensnacht 15./16. Oktober 1944, LB), und zwei Männer mussten dem Ganzen zuschauen. Der eine hat sich vor Angst am nächsten Tag erhängt. In einer Stunde brachten sie einen alten Mann, den sie im Hause totgeschlagen hatten, und noch einen, der in der Gemeinde war; auch er hat sich in derselben Nacht vor Angst erhängt.


Dann ist eine Partisanin gekommen, die suchte ihren Bruder, den die Rudolfsgnader Mannschaft erschossen hat. Sie sind zu mir gekommen und haben gesagt, ich muss wissen, wo ihr Bruder (aus Tomaschovac) liegt. Ja, ich wusste es, nur war dort schon lauter Wiese, daher wusste ich nicht den bestimmten Platz. Ich musste in der Erde suchen, dann sagte sie (als wir die Gebeine gefunden hatten, LB), da in das Loch müsse ich jetzt hinein. Aber es war nicht wahr, aber Angst habe ich doch gehabt.


Am 15. April 1945 in der Nacht um 10 Uhr holten die Partisanen uns aus dem Bett, in fünf Minuten hinaus und auf drei Tage (Robot, LB). Dann hat es drei Jahre gedauert. Den ersten Tag mussten wir alle durch die "Bremse", gute Kleider, Fußzeug und Geld haben sie uns weggenommen. Wir waren die ersten, dann haben sie aus ganz Banat die Menschen hergebracht. Früher hat unser Ort bis 3000 Seelen gehabt, bis alles voll war, waren es 22000 (Donauschwaben, LB). Sie haben jeden Stall angefüllt.


Das erste war: Es hat getrommelt, alle Männer unter 60 Jahren hätten sich zu melden. Die sind dann in Kellern eingesperrt worden und am nächsten Tag in drei Transporten nach Betschkerek getrieben worden. Dort haben schon die Zigeuner auf sie gewartet, die Totschläger. Von den drei Transporten sind wenig übrig geblieben. Sie haben nicht mal in der Nacht Ruhe gehabt vor Schlägen. Die haben ihnen das Fleisch von den Knochen losgeschlagen, so dass die Menschen in zwei oder drei Tagen sterben mussten.

Dann kam das Zwiebelstecken im Februar, 60 Personen. Nach einer halben Stunde dann heißt es: Aufhören und laufen bis an einen Graben. Dort war bei 130 Zentimeter hoch Wasser drin, dort mussten sie alle über das Wasser. Ein Mann wollte nicht, dann hat der Partisan ihn hinein geschmissen. Dann heißt es laufen bis an die Arbeit. Sie mussten dann weiterarbeiten, bis sie eisig waren. Dann geht es ins Rohrschneiden. Ein jedes ein Bündel. Wenn sie im Lager angekommen sind, haben sie es dem Bäck (Lagerbäckerei, LB) abgeben müssen. Dann sagte der Führer, jetzt können sie wieder ein Bündel holen gehen für sich, aber das waren sechs Kilometer. Ihre Glieder waren ganz eisig. Dazu sind so viele gestorben, dass wir sie nicht inzeiten begraben konnten.

Jetzt etwas über die Melker-Frauen: Wenn eine nur einen halben Liter Milch versteckt hatte und sie haben sie gefunden, da hat es Schläge gegeben und in den Bunker. Dort war ein Loch voll mit Wasser, dort mussten sie sich reinsetzen, zwei Stunden.

Dann über die Ernte: Da musste jeder Erwachsene zwei Garben und die Kinder eine Garbe zur Triste tragen. Da war soviel Weizen auf der Erde, den man sich hätte zusammenkehren können. War nicht erlaubt, da hat‘s gleich Bunker gegeben.

Jetzt kommt die Menage (Verpflegung): Am Anfang etwas Pürree, Suppe oder zwei gequellte Kartoffel. Das war nicht zum Leben und nicht zum Sterben, aber dann kam das Maisschrot. Ohne Salz und ohne Schmalz, sogar die Kolben mit gemahlen. Von dann an sind die vielen Menschen gestorben. Sind jeden Tag 50 bis 60, auch 70 täglich gestorben. Sie sind mit Wagen und Schlitten hinausgebracht worden. Am Anfang haben wir sie nicht alle begraben können. Lauter alte Männer von 60 bis 70 Jahren waren meine Beerdigungshelfer und matt. Dann habe ich zu den Kommandanten gesagt, mit so alten und matten Männern kann ich nicht arbeiten. Sie sollen jedem Mann ein halbes Kilo Brot geben, sie sind so matt, dass sie fallen. Darauf haben wir eine separate Küche bekommen mit doppelter Fassung (doppelte Verpflegung, LB). Dann ist es gegangen mit der Beerdigung. Wir haben Erschossene und Erstochene begraben müssen, diese waren betteln in den Nachbardörfern. Die Männer hat man erschossen, die Frauen hat man gewaltsam erstochen, weil sie ihnen das Geschlecht nicht hingegeben haben. Sie haben 4 bis 5 Stiche gehabt.

Jetzt kommt das Hausabreißen, weil sie Holz und Ziegel gebraucht haben, um Ställe zu bauen für Schweine, Kühe und Pferde. Im Winter stehen die Pferde und Ochsen im Stall —  die Menschen müssen im Winter im Schnee sechs Kilometer Ziegel tragen ohne Fußzeug, nur mit alten Fetzen und Manila (Schnur für Selbstbindemähmaschine, LB) um den Fuß: die Erwachsenen zwei Ziegel, die Kinder einen. Und so haben sie einen Stall für 200 Rindviecher und einen Hambar (Maisspeicher, LB) für zwei Waggon Mais und den Schweinestall gebaut. So haben sie die Menschen umgebracht.


Jetzt muss ich auf die Melkweiber zurückkommen: Sie mussten den Wagen schieben für Futterholen oder Eingraben, und im Februar mussten sie den Kanal tiefer machen; der war voll Wasser und Eis. So haben sie die Menschen zum Sterben gebracht. Wenn die Menschen krank waren, so sind sie ins Krankenhaus oder ins Altersheim geschafft worden. Dort haben die Läuse, Flöhe und Wanzen auf sie gewartet. Dort war soviel Ungeziefer, ich glaube, die Partisanen haben das Ungeziefer dort hingebracht, um die Menschen zu vernichten.


Noch etwas, wie sie die Kinder von den Eltern oder Großeltern wegschleppten: Da haben sie gesagt, die Kinder kommen auf Erholung auf 14 Tage oder drei Wochen, aber das war für immer. Zuerst haben sie ein Teil Häuser mit Draht eingezäunt und sie dort rein gegeben. Da hat niemand in die Nähe dürfen, um zu sehen, was die Kinder machen. Die Kinder haben geheult, aber Partisanen sind auf und ab mit Gewehr und den dritten Tag haben sie sie nach Serbien geführt. Wenn jemand in die Nähe gekommen ist, haben sie ihn zusammengeschossen, denn anders haben sie nicht mit dem Volk umgehen können, nur mit Gewehr und Revolver.


Jetzt kommt das Gehen auf die Arbeit: Das Hinausgehen auf die Arbeit in Reih und Glied war gut, aber Nach-Hause-Gehen war nicht gut, weil ein jeder gestohlen hat. Er musste das, wenn er nicht vor Hunger sterben wollte. Beim Eingang war eine Wachstube, dort sind alle durchsucht worden. Wenn sie nur etwas gefunden haben, da haben sie gleich mit dem Gewehr auf den Kopf geschlagen. Das Blut ist gleich geronnen. Das dauerte jeden Abend bis zu zwei Stunden. Wenn die hinten gesehen haben, dass die Vorderen durchsucht werden, so haben die Hinteren die Taschen leer gemacht. Das war alles eins, ob da Regen oder Schnee war.


Zuletzt noch etwas zu den Totengräbern: Mit denen sollte jeden Tag ein Partisan hinausgehen, aber es wollte keiner. Darum musste ein jeder Totengräber einen Ausweis bekommen auf ein halbes Jahr, und ich musste gutstehen (garantieren, LB), dass keiner von draußen durchgeht (flieht). Es war uns recht, dass keiner der Wachmänner von uns was wissen wollte. Wir haben auch gestohlen und sind auch durchsucht worden, aber wir haben Erlaubnis gehabt, Brennzeug (Heizmaterial, LB) mit nach Hause zu nehmen. Dort war das, was wir haben mitgehen lassen, gut verpackt, und an uns hat man auch nicht soviel gesucht, weil wir Totengräber bei ihnen ein Abscheu waren.


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