Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S. 256-257

Dr. Jeno Heger , Tschesterek

Die Verhältnisse im Arbeitslager Zerne im Herbst 1945 und in den Sammellagern für Arbeitsunfähige Rudolfsgnad und Molidorf im Winter 1945/46

Ich war vom 5.9.1945 bis 23.11.1945 in Zerne (Srpska Crnja), vom 23.11. bis 31.12.1945 in Rudolfsgnad (Knicanin) und vom 1.1.1946 bis zu meiner Flucht am 22.2.1946 in Mohn Lagerarzt.

Zerne war allgemeines Arbeitslager, die beiden anderen waren Sammellager für Kranke, Alte über 60 Jahre und Kinder unter 12 Jahren, d. h. Arbeitsunfähige. In den Lagern waren vorwiegend Deutsche, aber auch welche anderer Nationen, die als Deutsche betrachtet wurden. Sie besaßen außer ihrer notdürftigsten Bekleidung kaum etwas. Die Verpflegung bekamen sie vom Lager. Von außerhalb durften sie keine Lebensmittel erhalten. Dies war aber vom Oktober bis 15. Januar doch erlaubt. Sonst bestand die Verpflegung aus dreimal täglich Suppe und Maisbrot, das aber in den Sammellagern kaum ausgegeben wurde.

Die Arbeitsunfähigen litten großen Hunger und sind massenweise infolge Hungers gestorben. Sie bekamen die bekannten Hungerödeme, Anschwellung der Füße und Hände. Ich entsinne mich, daß in diesen Lagern manchmal drei bis vier Tage keine Lebensmittel verteilt wurden. Im Monat Dezember gab man in Rudolfsgnad (Knianin) pro Kopf ungefähr 2½ kg Maismehl, 1 Krautkopf und 4 dkg Salz insgesamt. - Die Lagerleute waren in den Häusern verteilt. Es kamen so viele in ein Zimmer, wie es nur möglich war. Sie lagen auf Stroh auf der Erde. - Möbel waren überhaupt keine vorhanden. Sie heizten mit dem, was sie eben fanden. In Zerne (Crnja) waren ungefähr 1200 Personen; die beiden anderen Ortschaften waren allgemein als Lagerorte benutzt, obwohl die kleine Zahl der dort wohnhaften Ungarn und Serben weiter in ihren Häusern wohnte. In Knicanin, das sonst 3500 Einwohner hatte, waren außer den sonst dort wohnenden freien Leuten 21000 Lagerleute; in Mohn, das sonst 1200 Einwohner hatte, 5000 Lagerleute gesammelt.

Der Gesundheitszustand war überall sehr schlecht. Die Leute bekamen keine Seife, und da auch keine Wäsche vorhanden war, waren sie ziemlich schmutzig, konnten sich nicht reinigen. Krätze war allgemein, auch sonstige Hautkrankheiten. In Crnja untersuchte ich in einem Fall generell das ganze Lager auf Krätze und fand von 1200 [Personen] 350 Krätzige. An sonstigen Infektionskrankheiten ist der Flecktyphus zu erwähnen, der sich ohne Widerstand verbreitete. Es wurde quarantänisiert, die Infektionskranken sollten von den noch nicht Erkrankten abgesondert werden, was aber wegen Mangels an entsprechenden Räumlichkeiten und Verständnislosigkeit der maßgebenden Kommandanten, die ausnahmslos primitive Personen waren, scheiterte.

Die Sterblichkeitsziffer war hoch. In Knicanin starben Ende November [1945] täglich durchschnittlich 15, Ende Dezember 40, und die Zahl soll Anfang Februar bei 80 gewesen sein. In Mohn starben täglich durchschnittlich 6-7 Personen. In Knicanin wurden sie pro zwanzig in Massengräbern beerdigt, nackt; geistliches Begräbnis war nicht geduldet.

Wegen Mißhandlung der Lagerleute wurden keine Repressalien von den höheren Behörden gegenüber den mißhandelnden Lagerleitern eingeleitet. Als ein Beispiel: In Knicanin wurde eine junge Krankenwärterin von drei Lagerführern zwecks Erpressung eines Geständnisses in einem fernliegenden Zimmer verprügelt. Von der Mitte des Rückens bis zum Knie konnte man Spuren der Hiebe feststellen, fast die ganze Partie war blau unterlaufen. Ihr seelischer Zustand war nahe zur Raserei, da es sich um eine völlig unschuldige und anständige Frau handelte, die noch nie geschlagen worden war. Sie war zwei Wochen bettlägerig. Der Lagerkommandant, Oberleutnant Gecman, sonst ein gerechter Mensch, zeigte die drei Täter an. Das Resultat war: einer wurde in ein anderes Lager als Lagerkomandant versetzt, der andere wurde an Stelle Gecmans Kommandant in Knicanin, und der abgesetzte Gecman wurde sein Stellvertreter. - Ein weiteres Beispiel: In Mohn wurden am 18. 2. 1946 dreißig Frauen wegen nichtssagenden Schulden strafweise in einen Wassergraben gelegt, wo sie in eiskaltem Wasser und Schlamm dreißig Minuten bleiben mußten. Das war morgens um 5 Uhr. Sie mussten  in den von Wasser triefenden Kleidern in die Arbeit ziehen, davon manche in das 7 km weit liegende Nachbardorf  Nova Crnja (Neu-Zerne). Nach der Arbeit, wobei sie nichts zu essen bekamen, wurden sie zurückgetrieben; sie gingen um halb sechs Uhr los. Drei von den Frauen konnten nicht mitkommen. Die eine fiel in der Mitte des Weges, die andere gelangte bis 500 Meter vor das Dorf,  ihre Hilfeschreie hat man noch lange gehört. Die dritte schleppte sich mit Mühe um 9 Uhr ins Dorf. Die beiden ersten sind bis in der Früh gestorben; die eine war 25,  die andere 27 Jahre alt. Sie ließen drei Kinder zurück. Von den übrigen Frauen wurden sieben sehr schwer krank. Der Kommandant Danilo Kezic wurde meines Wissens nicht bestraft. Die meisten Leute können sich trotz der unmenschlichen Quälereien nicht entschließen, eine Flucht zu unternehmen. (Der Bericht stammt aus dem Jahre 1946, Anm. d. Red.) Es handelt sich ja meistens um alte, einfache Bauersleute ohne Unternehmungsgeist. Trotzdem gingen viele durch. Ich hatte den Eindruck, daß die Flucht der Lagerleute von den Behörden - nur scheinweise allerdings schwach verfolgt und bestraft - ja geradezu erwünscht wurde. Die während der Flucht Gefangenen wurden meistens nur mit 1-2 Tagen Kellerarrest bestraft. Von einem Fall weiß ich, daß eine junge Frau zu Beginn ihrer Flucht erschossen wurde, ebenfalls vom Moliner Lagerkommandanten Kezic.

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