Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.187-190

Klara Deutsch, geb. Harich, Mramorak Originalaufzeichnung: 15.12.1992

Die gewagten Bettelgänge einer Dreizehnjährigen in die Umgebung des Lagers Rudolfsgnad

Am 27. April 1945 kamen wir in das Lager Mramorak. Ich war damals 13 Jahre alt, hatte noch vier Schwestern und einen Bruder. Meine jüngste Schwester war erst zwei Jahre alt. Ein halbes Jahr darauf wurden wir alle gegen Typhus geimpft, darauffiin starb eine meiner Schwestern an dieser Krankheit. Kurz darauf kamen meine Mutter und wir fünf Kinder in das Hungerlager Rudolfsgnad.

Im Zimmer, in dem wir untergebracht wurden, befanden sich schon 20 weitere Personen. Wir hatten keine Betten, auch keine Decken. Wir mußten mit ein bißchen Stroh auf dem Fußboden liegen. An Kleidern hatten wir nur, was wir am Körper trugen. Diese trugen wir tags und nachts, zum Schluß waren es nur noch Lumpen. Wir hatten während der ganzen Lagerzeit keine Waschmittel und kein warmes Wasser. So gab es viel Ungeziefer. Wir mußten uns täglich entlausen.

Es gab fast nichts zu essen. Zum Glück war auf manchen Hausboden noch etwas Getreide, vor allem Mais. Wenn es dunkel wurde, gingen wir stehlen. Meine Mutter war immer sehr ängstlich und ging nicht mit. Dafür war meine Tante immer dabei, und ich mußte mit, weil ich klein und zierlich war und gut klettern konnte. Mich schoben sie durch das kleinste Loch. Ich schmiß die Maiskolben vom Dachboden hinunter, und die anderen Frauen (meistens waren noch zwei oder drei andere Frauen dabei) klaubten die Kolben auf.

Zum Mahlen des harten Maises benutzten wir einen Schweinetrog aus Beton und einen sehr großen Felsstein. Viele Frauen wechselten sich beim Mahlen ab, denn der Stein war schwer und alle waren vor lauter Hunger und Erschöpfung nicht lange in der Lage, diese Schwerarbeit zu bewältigen. Der Maisschrot wurde teelöffelweise unter uns verteilt. Brennmaterial hatten wir auch keines, um den Schrot zu kochen. So wurden alle Obstbäume abgesägt und Schuppen abgerissen und verheizt. Es war Winter und sehr kalt. Als alles Holz weg war, wurden aus Verzweiflung an den Häusern am Dachstuhl die Verbindungshölzer herausgenommen.

Wir waren in der Theißgasse untergebracht, nahe am Fluß Theiß. Wenn wir mal wieder zwei bis drei Tage nichts zum Essen hatten, schlichen wir uns an den Fluß, um angeschwemmte Muscheln zu sammeln. Diese kochten wir in klarem Wasser und aßen sie.

Der naheliegende Wald war wie leergefegt, denn alles Brennbare wurde verheizt. Im ganzen Hof vor dem Haus gab es keinen einzigen Grashalm mehr, alles was an Grün heraussproß, wurde abgerissen und gegessen. So war alles ganz kahl, schlimmer, als wenn es Tiere abgeweidet hätten. Wir kannten kein Salz, kein Fett, kein Brot oder Kartoffeln, nichts außer dem Mais oder den Muscheln. Ab einer gewissen Zeit wurde die Theiß immer streng bewacht, so konnten wir auch keine Muscheln mehr holen.

Wir waren 26 Personen in unserm Zimmer. Nachts durften wir nicht hinaus, auch nicht um unsere Notdurft zu verrichten. Deshalb stand in der Mitte des Raumes ein Faß aus Blech. Zusätzlich zu den vielen Menschen stand die ganze Nacht das Faß mit dem üblen Geruch offen.

Inzwischen starben fast jede Woche Leute in unserem Haus. Außer unserem Zimmer gab es noch drei weitere Räume, in denen Leute untergebracht waren. Eine Frau, die gut singen konnte und auch ein Gesangbuch besaß, sang immer, wenn jemand starb, ein Kirchenlied mit zwei oder drei Mädchen; ich war auch oft dabei. Auch Gebete wurden gesprochen.

Mittlerweile gab es nichts mehr zu holen. Die Ortschaft Rudolfsgnad war rundherum mit Stacheldraht eingezäunt. (Laut Lorenz Baron handelt es sich hier um eine irrige Aussage der Vf Eingezäunt wurde einige Zeit nach Errichtung des Lagers jenes Viertel des Ortes, in dem die Lagerfreien wohnten. Auf diese Weise trachtete die Lagerleitung die Tauschgeschäfte zwischen Lagerinsassen und Lagerfreien zu unterbinden, Anm. d. Red.) In Sichtweite voneinander entfernt standen jeweils die bewaffneten Milizsoldaten, die aufpaßten, daß niemand aus oder in das Lager kommen konnte. Da der Hunger so groß war, machte ich mich eines Tages auf den Weg nach Titel, dem nächstgelegenen Ort auf der anderen Seite der Theiß. Ich wollte über die Brücke gehen, sah aber einen bewaffneten Posten. So ging ich zurück zu der Stelle seitlich der Brücke, an der sehr steil eine Notleiter angebracht war. Diese kletterte ich hoch. Zum Glück sah mich der Wachtposten nicht. So erreichte ich Titel. Nun stand ich heulend da und nahm mir vor, bettelnd von Haus zu Haus zu gehen, so wie es früher die Zigeuner taten. Es fiel mir sehr schwer, aber ich riß mich zusammen und dachte: Du mußt es tun. Endlich klopfte ich an einer Tür und bat um ein Stückchen Brot, die serbische Sprache konnte ich ja. In ein paar Häusern bekam ich etwas, oft wurde ich weggejagt, verflucht und beschimpft: ich solle zum Hitler betteln gehen. Als ich mein Säckchen voll hatte, ging ich wieder heimwärts. Als ich zur Brücke kam und die steile Leiter herabstieg, sahen mich deutsche Kriegsgefangene. Sie schüttelten nur den Kopf und sagten: "Kind, wenn du da herunterstürzt!" (Die deutschen Kriegsgefangenen trugen die gesprengte Theifibrücke ab und bauten eine Behelfsbrücke, Anm. d. Red.) Ich kam aber gut nach Hause, und wir konnten die nächsten zwei, drei Tage unseren Hunger etwas stillen.

Als wir wieder nichts zum Essen hatten, planten wir, an einem nebeligen Tag nach Perles zu gehen, einem Ort, der ca. 6 km weit entfernt lag. Als eines Tages dann der Himmel trübe war, gingen wir zur Stacheidrahtumzäunung. (Es dürfte sich um die Drahtzäune der Rudolfsgnader Gärten gehandelt haben, Anm. d. Red.) Wir warteten, bis die Posten in ihr Häuschen gingen. Es gab schon Plätze, wo vor uns Frauen Löcher unter dem Drahtzaun gegraben hatten. Es gelang uns, unerkannt zu entwischen. Wir waren zu dritt, meine zwei Tanten und ich. Vor der Ortschaft Perles wurden wir jedoch von zwei Serben gesehen. Sie meldeten uns der Polizei, die uns gleich festnahm und einsperrte. Mich wollten sie wieder laufen lassen, weil ich noch ein Kind war, denn damals war ich erst 14 Jahre alt. Ich sagte aber, daß ich ohne meine Tanten nicht gehen würde. Es dauerte nicht lange, da kam ein vollbeladener Pferdewagen. Es handelte sich um "Gläubige", nämlich Nazaräer, die Lebensmittel für ihre christlichen Glaubensbrüder und Schwestern wie sie sich nennen, ins Lager bringen wollten.

Der ganze Wagen wurde beschlagnahmt. Nichts durfte ins Lager gebracht werden. Wir sollte doch alle vernichtet werden. Nun mußten wir den Wagen entladen, die Lebenmittel in ein Zimmer bringen, in dem schon Berge von Brot, Speck, Kuchen, Schinken, Salami, Käse und vielen andere Dinge waren. Als wir damit fertig waren, schenkten sie jedem von uns einen Laib Brot und einen Mohnstrudel. Beim Abladen hattenwir noch ein Stück Speck und Schinken zur Seite gegeben und später dann in unseren Schlüpfern, die bis zum Knie gingen versteckt.


Als die Arbeit  beendet war, schickten uns die Soldaten zurück ins Lager. Nachmittags war es jedoch nicht mehr trübe, sondern heller Sonnenschein. So konnte uns der Posten, der Wache stand, schon von weitem erkennen. Wir wurden festgenommen und in einen Pferdestall geführt. Dort wurden wir geschlagen und geohrfeigt. Meine Tante ist seitdem auf einem Ohr taub. Nach dieser Mißhandlung ließen sie uns laufen, und wir waren froh, daß sie uns unser Brot und den Strudel, den wir mitbekommen hatten, nicht weggenommen hatten.

Oft mußten wir im Wald Holz oder Reisig sammeln und auf dem Rücken ins Lager tragen. Das Brennmaterial war für den Bäcker, der für die Wachposten und die Lagerverwaltung das Brot buk. Während der Arbeit bewachten uns immer Soldaten, und auf dem Weg zum Wald gingen immer bewaffnete Posten mit. Wenn einer "Trk!" rief, was in der serbischen Sprache soviel bedeutet wie "Lauf!", dann mußten wir alle laufen. Liefen wir aber schnell, dann schlugen sie von vorne auf uns ein und schrien: "Wollt ihr davonlaufen?" So liefen wir wie eine Herde Tiere, die man treibt. Einer ist über den anderen gerannt, denn keiner wollte der letzte sein.

Eines Tages verendete in der Nachbarschaft ein Pferd. Alles lief dort hin wegen des Fleisches, auch ich, als ich es erfuhr. Es waren eine Menge Leute dort, die sich dort rauften und an dem Tier zerrten. Es sah aus, als würde eine Gruppe Löwen eine Beute anfallen; dort geht es auch nicht schlimmer zu. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich erwischte auch ein Stück Fleisch und ging froh damit nach Hause. Als ich in das Zimmer kam und mich alle sahen, fing plötzlich jemand wie ein Pferd zu wiehern an. Mich hat das so berührt, daß ich trotz des großen Hungers das Fleisch nicht mehr wollte. Ich ging hinaus und warf das Fleisch in den Schnee. Gleich darauf kam ein altes Mütterchen und weinte, daß sie auch dort gewesen wäre, um sich ein Stück Fleisch zu holen. Aber bei dem Gedränge der vielen jüngeren Leute, wäre so ein alter Mensch wie sie nicht durchgekommen. Ich zeigte der Frau das Fleisch, das ich eben weggeworfen hatte. Sie war überglücklich und bedankte sich, daß sie doch auch noch Fleisch bekommen hatte.

Nun erkrankte meine achtjährige Schwester Susanne an der Ruhr. Zu dieser Zeit bekamen wir schon etwas mehr Maisschrot, vor allem täglich so viel, daß wir nicht verhungern mußten. Aber außer dem Maisschrot hatten wir nichts. Die kranken Därme meiner Schwester vertrugen den Mais jedoch nicht, so ist sie denn auch bald an dieser Krankheit verstorben.
Im Jahr 1947 erkrankte ich an Malaria. Ich war so krank und schwach, daß ich das Bett nicht verlassen konnte. Auch meine Großmutter lag mit mir im Zimmer.

Sie klagte ebenfalls, daß sie den Mais nicht vertragen könne und sie verhungern werde. So war es dann auch, sie ist zwei Wochen später verstorben. Eine meiner Freundinnen wurde von einem serbischen Bauern zur Arbeit ausgeliehen. Sie brachte mir eines Tages ein paar Pfefferoni-Paprika mit. Jeden Tag habe ich etwas davon gegessen und dadurch langsam wieder Appetit bekommen. Von diesen Tagen an ging es mir immer besser, ich kam zu Kräften und wurde wieder gesund.

In unserem Zimmer waren sehr viele Ratten. Oft, wenn man nachts aufwachte, saß einem eine Ratte auf der Brust. Meinem Bruder haben sie ein Ohrläppchen abgenagt. Einer Frau aus unserem Zimmer, die durch eine Krankheit geschwächt war, nagten sie die Zehen am linken Fuß ab. Ein paarmal haben wir dann Ratten gejagt. Wir haben Lumpen angezündet und in die Löcher, aus denen sie kamen, gesteckt. Die Ratten sind dann aus ihrem Versteck gerannt und haben fürchterlich geschrien. Es war grausam.

Im April 1948 wurden alle jungen Männer erfaßt und mit ihren Familien in die Kohlengruben geschickt. Wir anderen wurden auf Staatsgüter verteilt. Ich und meine Mutter kamen nach Krnjaa. Als wir dort ankamen, wollte ein junger Mann, der uns abholen sollte, unsere Aufnahme in das Staatsgut verweigern. Er sagte nur, das seien lauter alte Frauen und arbeitsunfähige Kinder. Es war auch kein Wunder, denn wir waren alle unterernährt und hatten nur Lumpen am Leib. Dadurch sahen die jüngeren Frauen alle viel älter aus als sie waren. Nach langem Hin- und Her nahm er uns doch mit. Wir waren eine große Gruppe und wurden auf das Staatsgut Padinska Skela, das etwa 20 km von Belgrad entfernt ist, gebracht. Dort kamen wir wieder in Baracken, diesmal aber mit stockhohen Betten.

Tagsüber wurden wir zur Arbeit eingeteilt. Das Essen bekamen wir aus einem Kessel. Aber wir bekamen wenigstens Kartoffelsuppe und Erbsen- oder Bohnen- eintopf. Wir mußten unsere Zwangsarbeit verrichten, hatten immer noch keine Ausweise und durften das Staatsgut nicht verlassen. Die Staatsbürgerschaft wurde uns unter Androhung, wenn wir sie ablehnten, so müßten wir wieder ins Lager zurück, aufgezwungen. Jeder hatte Angst vor dem Lager, so unterschrieben alle ohne Widerspruch. Am Ende der Zwangsarbeitszeit konnte jeder hin, wohin er wollte.

Als es soweit war, daß wir unsere Genehmigung für die Ausreise nach Deutschland erhielten, mußten wir uns für 1500 Dinar pro Person von der jugoslawischen Staatsbürgerschaft freikaufen. So hat jeder, was er während der Zwangsarbeitszeit gespart hatte, zusammengekratzt, um das Geld für die Löschung der Staatsangehörigkeit und für den Anwalt aufbringen zu können. Erst dann konnten wir nach Deutschland zu unseren Angehörigen ausreisen.

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