Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S. 191-201

Franz Apfel, * 1931 in Mramorak BA, Ost-Dok. 2

Abenteuer, Hunger und Schmerzen: Ein Jugendlicher erlebt das Lager von Mramorak und Rudolfsgnad - Der Erlebnisbericht Apfels wurde von Franz Gaubatz, Esslingen, aufgezeichnet.


Zunächst berichtet Franz Apfel, wie Partisanen im Oktober 1944 reiche Bauern und wohlhabende Bürger in das Gemeindehaus trieben, sie dort einige Tage lang ohne Verhör folterten und schließlich - 108 Männer und junge Burschen - im Wald von Bawanischte erschossen und in einem Massengrab verscharrten; wie Anfang November 1944 dasselbe mit 210 Männern, vier Mädchen und einer Frau geschah, die in der Kreisstadt Kovin ums Leben kamen, und wie schließlich über hundert Frauen und Männer zu Weihnachten 1944 zur Zwangsarbeit nach Rußland deportiert wurden.

Der Bericht fährt fort:
Am 26.April 1945 kamen morgens bewaffnete Partisanen und schrien, daß wir binnen weniger Minuten das Haus verlassen sollten. Wir dürften das Notwendigste mitnehmen. Nachdem wir unsere Häuser verlassen hatten, wurden wir, mit den anderen Deutschen, wie das Vieh zusammengetrieben. Man brachte uns in ein Häuserviertel, das schon Tage vorher von den Besitzern geräumt werden mußte. Dort wurden alle noch einmal durchsucht und gruppenweise in die Häuser eingewiesen. Das Schlimmste aber war, daß anfangs immer bewaffnete Trupps kamen und uns nach Geld, Wertsachen und Schmuck durchsuchten. Dabei waren sie nicht zimperlich: Ohrringe wurden brutal herausgerissen, wenn sie nicht gleich abgenommen werden konnten. Ebenso verfuhr man mit den Ringen. Hatte jemand Goldzähne oder Goldplomben, dann wurden sie brutal herausgeschlagen, das war grausam.

Nach einigen Tagen wurden wir zur Arbeit eingeteilt. Mit einer Gruppe von Frauen und jungen Burschen bekamen wir die Aufgabe, die Schweine aus einem Straßenbereich in vier Bauernhäuser zusammenzutreiben und dort die Fütterung und Versorgung zu übernehmen. Abends wurden wir ins Lager zurückgebracht, und am nächsten Tag hatten wir die gleiche Aufgabe. Tagsüber wurden die Schweine oft in die Höfe der leerstehenden Häuser zum Grasen getrieben. Diese Gelegenheit wurde dann oft von uns dazu genutzt, nach Eßbarem, das in den Häusern zurückgelassen worden war, zu suchen. Damit haben wir dann unsere karge Lagerkost aufgebessert. Auch mit Kleidern und Schuhen haben wir uns versorgt, denn vielfach waren uns die guten Kleider von den Lagerposten schon abgenommen worden.

Nach einiger Zeit wurde ich mit anderen jungen Burschen als Kutscher und Beifahrer eingeteilt. Nach jedem Arbeitstag wurde für unsere Alten und Kinder, die nicht aus dem Lager heraus konnten, etwas Eßbares mit hineingenommen. Dann wurden wir für einige Tage zum Ausräumen der deutschen Häuser eingeteilt. Meine Gruppe war zum Abtransport der Kleider und Wäsche eingeteilt. Oft waren wir den Tränen nahe, wenn wir die schönen Aussteuern von Mädchen und die Wäsche, die oft noch nicht einmal benutzt war, heraustragen mußten, während sich die Besitzer zerlumpt und arm im naheliegenden Lager befanden. Mancher von uns tauschte so seine alten Kleider gegen bessere aus. Das konnte aber nur dann geschehen, wenn das Aufsichtspersonal nicht in der Nähe war. Unter dem Wachpersonal waren auch viele Frauen. Eine davon, anscheinend war es eine Studentin, bedauerte ihre Anwesenheit mit den Worten, daß sie keineswegs freiwillig hier sei, sie sei hierher eingeteilt worden. Auch so etwas gab es damals!

Oft hatten wir Angst, nach einem Arbeitstag ins Lager zurückzukehren, denn dort warteten immer die Großeltern und Geschwister darauf, daß wir etwas zum Essen mitbrächten. Das Lagerleben mit der Lagerkost war fast unerträglich. Wenn wir konnten, nahmen wir immer etwas mit ins Lager, aber oft konnten wir nichts besorgen. Dann war die Enttäuschung groß, und die Geschwister fingen zu weinen an. So verlief das Mramoraker Lagerleben.

Anfang November mußten wir eines Morgens antreten und dann an einer Kommission vorbeigehen, um sortiert zu werden. Die Arbeitsfähigen kamen auf die eine Seite, die Alten, Kranken und Kinder auf die andere. Dabei sagten sie zu uns spöttisch: "Ihr kommt alle auf Erholung." Als die Aussortierung fertig war, mußten wir wieder in unser Quartier zurück. Nur die Arbeitsfähigen wurden extra untergebracht. Am nächsten Morgen hieß es, daß wir alles, was wir hatten, mitnehmen und draußen antreten sollten. Da war nicht viel, denn alles, was wir hatten, konnte man unter einem Arm mitnehmen. Auf dem Weg zum Bahnhof ist vieles passiert. Die serbische Bevölkerung verabschiedete uns auf ihre Weise. Sie riefen uns hinterher: "Hinaus mit euch Schwaben, euch Hitlerovci!" Sie bespuckten uns und bewarfen uns mit Steinen, ja sie schlugen sogar auf uns ein. Die Wachmannschaften fluchten, schrien und schlugen zu, wenn wir nicht schnell genug vorwärts kamen. Am Bahnhof mußten wir in offene Viehwaggons klettern. Jene, die nicht hinaufkamen, mußten von den kräftigeren hinaufgezogen oder geschoben werden. In jeden Waggon mußten soviele rein, soviel nebeneinander stehen konnten. Wenn jemand dann auf der Fahrt mal mußte, konnte er seinen Platz nicht verlassen. Wir wurden am Nachmittag eingeladen und fuhren im Schneckentempo. Für eine Strecke, die normalerweise in drei Stunden zurückgelegt werden konnte, brauchten wir zwei Tage.

Am 4. November 1945 gegen Mittag kamen wir in Rudolfsgnad an. Der Zug blieb auf freier Strecke, neben dem Dorfe auf einem hohen Damm, stehen. Die meisten Alten und die kranken Menschen, die einen so steilen Hang nicht hinunter konnten, sind hinuntergerutscht oder gepurzelt. Die Wachmannschaften warfen unsere Bündel nach, und jeder mußte sehen, wie er seine Sachen wiederfand. Lange suchen durfte man nicht, weil wir sofort brutal weitergetrieben wurden. Gruppenweise wurden wir dann in die Häuser eingewiesen, aber so viele in einen Raum, daß wir nicht wußten, wie wir da unterkommen sollten. Wir fanden kaum mehr Stroh für unsere Lagerstatt, weil schon tausende Menschen vor uns da waren, und wir, die wir zuletzt kamen, nur mehr soviel bekamen, daß wir nicht auf dem nackten Boden liegen mußten. Wir lagen so dicht nebeneinander, daß wir uns kaum umdrehen konnten, ohne den anderen aufzuwecken.

Dabei muß ich eines betonen: Trotz der vielen Menschen, die wir waren, gab es selten einen Streit, denn jeder fügte sich, so gut es ging. Die Verpflegung war anfangs noch erträglich, dennoch versuchte ich, aus dem Dorf herauszukommen, um etwas Eßbares zu besorgen. Am nächsten Tag schlichen Opa und ich aus dem Lager auf einen Acker. Mühsam fanden wir etwa einen halben Sack Kartoffeln und waren überglücklich. Plötzlich stand ein Wachposten vor uns, der uns sicherlich schon lange aus einem Versteck beobachtet hatte. Der Posten schlug mit dem Gewehrkolben auf Opa und mich ein und trat uns mit den Füßen. Dann befahl er uns zu verschwinden. Opa konnte kaum gehen, aber aus Angst, noch mehr abzubekommen, schafften wir uns doch nach Hause.

Zwei Wochen nach dem Vorfall schlich ich mich wieder aus dem Lager, um im nächsten Dorf betteln zu gehen. Unbemerkt konnte ich an Posten vorbei und durch Weingärten und Maisfelder auf die Landstraße gelangen. Plötzlich hörte ich Schüsse und lautes Geschrei. Sofort lief ich in die Weingärten und versteckte mich. Aber dort war schon ein Junge, der sich ebenfalls versteckte und abwartete, bis alles vorüber wäre. Lange hockten wir in unserem Versteck, sahen zwar nichts, hörten aber viel. Es müssen mehrere Wachmänner gewesen sein, die viele Frauen vor sich hertrieben, Sie schlugen auf die Frauen ein, denn wir hörten dumpfe Schläge und das Weinen und Flehen der Menschen. Hin und wieder schoß einer, wahrscheinlich in die Luft, denn wir vernahmen darauf keinen Aufschrei. Peter, so hieß der Junge, bekam Angst und wollte heimgehen. Das wollte ich aber nicht, denn ich mußte auf jeden Fall etwas Eßbares heimbringen und dachte, es sei viel besser, wenn zwei statt einer allein ins Dorf gingen. Endlich willigte Peter ein. So kamen wir gegen Mittag in ein Dorf. Leider wußten wir nicht, wie es hieß, aber es muß ein Feiertag gewesen sein, denn in den meisten Häusern, die wir betraten, gab es ein besonderes Gebäck, das uns die Bewohner freundlich anboten. Wir kamen uns vor, als träumten wir, denn nicht einer der Serben war unfreundlich gegen uns, obwohl sie sicher erkannten, daß wir Schwaben waren. Fast überall bekamen wir Brot, Speck, Mehl, Salz und Gebäck mit. Einige Leute boten uns sogar Essen an, aber wir getrauten uns nicht zu essen. Ich hatte einen Leinenbeutel mit, der bis zum Abend voll war. Auch Peter hatte soviel wie ich, und so machten wir uns überglücklich auf den Weg ins Lager.

Peter und ich freuten uns sehr, daß wir etwas für unsere Lieben heimbringen konnten, und dazu auch noch Kuchen, so daß wir ununterbrochen redeten. So gingen wir eine Zeitlang auf der Straße, beschlossen aber, lieber seitlich zu gehen, wo Schilfrohr entlang der Straße stand und man uns nicht so schnell sehen konnte. Plötzlich fiel ein Schuß und jemand schrie: "Halt! Stehenbleiben!" Wir waren zu Tode erschrocken. Doch wir faßten uns schnell und fingen an zu rennen. Da es aber sehr viele Posten waren, erreichten sie uns und nahmen uns fest. Alle schrien durcheinander, wo wir herkämen und was wir da in den Beuteln hätten? In diesem Augenblick der Panik konnte ich nicht mehr denken noch sprechen, denn von allen Seiten wurde auf uns eingeschlagen. Endlich hieß es, jetzt bringen wir euch zum Kommandanten! Als wir dort bei den Wachposten in einen Raum gebracht wurden, bekamen wir noch einmal Prügel. Plötzlich sagte einer der Posten, ich müsse Peter eine Ohrfeige geben. Da ich das aber nur zaghaft tat, schrie er: "Schlage fest zu, sonst bekommst du es von mir!" Damit hatten sie es erreicht, daß wir uns gegenseitig schlugen. Da ihnen das aber noch nicht schön genug war, riefen sie: "Jetzt müßt ihr mit dem Kopf gegen die Wand rennen." Zunächst bin ich schnell losgerannt, um kurz vor der Wand abzubremsen. Das hatten die Bösewichte gleich durchschaut und sie riefen: "Schneller!" und schlugen noch auf uns ein. Es war eine fürchterliche Mißhandlung, die nicht enden wollte. Irgendwann muß ich zusammengebrochen sein, denn mir ist nicht mehr in Erinnerung, was zuletzt war. Jedenfalls bin ich am nächsten Morgen in der Gefängniszelle neben meinem Freund aufgewacht. Wir hatten beide fürchterliche Schmerzen, hauptsächlich im Kopf, und sahen dermaßen zerschlagen aus, daß wir uns fast nicht mehr erkannten. Auf einmal ging die Tür zu unserem Raum auf und zwei Posten holten uns heraus. Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten, und es setzte wieder Prügel. Die Posten schrien: "Jetzt müßt ihr zum Kommandanten, der wird das letzte Urteil sprechen!"

Infolge der panischen Angst und der Schmerzen mußten wir beide weinen. Ich dachte, jetzt hätte die letzte Stunde geschlagen, denn vor dem Kommandanten hatten alle große Angst. Die Wachposten brachten uns zum Kommandanten ins Zimmer und ließen uns mit ihm allein. Er saß an einem Tisch und hatte uns vorerst noch gar nicht gesehen. Als er seinen Blick auf uns richtete, muß selbst er einen Schrecken bekommen haben, denn er sagte nur, das dürften wir nicht nochmals tun, denn sonst würden wir hart bestraft werden. Dann durften wir wieder nach Hause gehen. Lange danach noch verfolgten mich diese Erlebnisse im Traum.

Im Dezember wurde das Essen immer weniger, auch die Kälte war unerträglich, denn Heizmaterial gab es so gut wie keines. Wir verbrannten alles, was brennbar war, zunächst die Zäune, und als das Essen roh verteilt wurde, mußten wir sogar das Brennmaterial einteilen, um kochen zu können. Als ich mich wieder einigermaßen erholt hatte, plante ich wieder, irgendwo betteln zu gehen. Es ließ mir keine Ruhe, ich mußte für meine Leute, die immer schwächer wurden, etwas besorgen. Ich hatte Angst, daß einer nach dem anderen sterben müßte. Das Dorf war von Wachposten umstellt, und dennoch versuchten viele, sich aus dem Dorf zu schleichen. Wer allein erwischt wurde, kam selten mit dem Leben davon. Waren es aber mehrere Bettelgänger, so wurden sie gefangengenommen und in den Keller - den berüchtigten "Bunker" - gesperrt. Dort bekamen sie fast gar nichts zu essen, aber dafür gab es sehr viel Prügel, besonders mit dem Gewehrkolben. Viele Menschen starben infolge dieser Mißhandlungen.

Nur nachts, bei Dunkelheit, gelang es uns, hinaus zu kommen. Tagsüber hielten sich die Leute in den Nachbardörfern bei Andersnationalen auf, um zu betteln oder, wenn jemand noch etwas Wertvolles besaß, um dies einzutauschen. Meistens wurden sie beim Zurückkommen erwischt. Die Strafe hing davon ab, was der Wachposten für ein Mensch war; einige schossen sofort, andere hatten ihre Freude, wenn sie jemanden mißhandeln konnten. Die Mehrzahl der Wachhabenden waren solche, die ihre Gefangene bei der Kommandantur ablieferten. Dort wurden die Leute eingesperrt. Für die Eingesperrten war es dann immer noch nicht vorbei, denn die Wachmänner, die eben Lust dazu hatten, holten die Leute, meist waren es Frauen, aus dem Keller und mißhandelten sie.

Jeder von uns wußte nur zu gut, welcher Gefahr er sich aussetzte, wenn er wieder einmal versuchen wollte, aus dem Lager zu kommen. Aber Hunger tut sehr weh. Wenn man viele Tage nichts mehr gegessen hat, wenn also das richtige Hungern eingesetzt hat, dann sagt man sich früher oder später: "Wenn ich schon sterben muß, dann möchte ich mich noch einmal sattessen können." Mitte Dezember gab es für uns nichts mehr zu essen. Alle vier Tage bekamen wir ein wenig Maisschrot, aber kein Salz, was besonders schlimm zu ertragen war. Für alte Menschen und Kinder gab es außer diesem Schrot nichts mehr. Nachdem wir mehrere Tage nichts zu essen bekommen hatten, starben so viele Menschen, daß es für die anderen ausreichend Platz gab. Was sich in dieser Zeit in Rudolfsgnad abspielte, ist schwer zu glauben oder zu verstehen. Es herrschte dort Hungertyphus. Menschen wurden blind oder wahnsinnig vor Hunger, oder sie legten sich auf ihr Lager, dösten einige Tage dahin, bis sie für immer einschliefen. Am schlimmsten waren diejenigen dran, die vor Hunger wahnsinnig wurden. Sie schrien Tag und Nacht so furchtbar, daß man sie weit hören konnte. Viele irrten so durch das Dorf, fanden nicht mehr heim und starben auf der Straße. Was Menschen alles essen, wenn sie Hunger haben, ist unvorstellbar. Herumstreunende Hunde und Katzen wurden abgeschlachtet und mit Heißhunger gegessen.

Aus unserem Teillager waren zwei Männer beauftragt, für alle das Essen zu holen. Täglich gingen sie mit ihrem Wägelchen zur Küche. Noch bevor diese Männer weggingen, standen die Menschen schon vor dem Haus und warteten, bis sie zurückkehrten. Jedesmal hofften sie auf Essen. Sie kamen aber einen Tag nach dem anderen, ohne etwas mitzubringen. Manchmal kamen sie drei, vier, fünf und sechs Tage nacheinander und sagten, daß sie kein Essen bekommen hätten. Das waren dann Augenblicke, wo sich jeder, der nur einigermaßen konnte, sagte: Ich muß hinaus, um etwas zu betteln, denn sonst gehen wir alle zugrunde.

An einem Tag bekam ich einen Wintermantel von einem Mann, der gestorben war. Der Mantel war noch gut erhalten, leider aber voller Läuse und Nissen. Den machten wir gründlich sauber und wollten ihn im Nachbardorf gegen Lebensmittel eintauschen. Es war am Heiligen Abend 1945. Ich ging, wie immer schon, weg, als es noch dunkel war. Dabei hoffte ich, daß alles gutgehen würde. Gleich am Eingang des Dorfes kam ich an einem Haus vorbei, als ein Serbe herauskam. Ich überlegte nicht lange und hielt ihm den Mantel hin. Der Mann nahm den Mantel an sich und sagte: "Komm schnell mit!" Da es noch dunkel war, folgte ich. Eigentlich hätte er keinen Menschen aus dem Lager in sein Haus nehmen dürfen - aber es war wie ein Wunder: Der Mantel hat den Leuten gefallen, und sie fragten sogar, was er koste. Natürlich war ich mit allem einverstanden, was sie mir gaben, sie waren sogar noch sehr anständig. Sie gaben mir Kartoffeln, Zwiebeln und Maismehl, aber ein viel besseres, als wir es im Lager bekamen, denn unser Maismehl war mit den Kolben gemahlen und daher rauh wie Spreu. Sogar ein Stück Speck bekam ich! Die Leute gaben mir so viel, daß ich es fast nicht nach Hause tragen konnte. Spät abends konnte ich mich dann glücklich durch die bewachte Zone ins Lager schleichen. Man kann sich die Freude meiner Lieben gar nicht vorstellen, als sie sahen, was ich alles mitgebracht hatte. Nach fast einem Monat bitterer Not sich einmal sattessen können, und das gerade am Heiligen Abend!

Weihnachten 1945 ist für die, die damals in diesem oder einem anderen Vernichtungslager waren, und dieses überlebt haben, eine Zeit, an die sie nur mit Schaudern denken können. Am allerschlimmsten aber war es wohl für die Kinder, die noch nicht begriffen, was in der Welt vor sich ging und warum ihnen die Mutter oder die Großeltern nichts zu essen gaben, und die daher Tag und Nacht vor Hunger weinten.

Zum allgemeinen Verständnis will ich mal schildern, wie es in unseren Lager- zimmern aussah. Möbel oder etwas ähnliches hatten wir nicht. Dort, wo man lag, war oberhalb an der Wand das einzige Plätzchen, wo man seine Sachen, vorausgesetzt man hatte welche, hinhängen konnte. Bei den meisten war dieser Platz leer, denn das, was sie hatten, das trugen sie am Leib, und zwar so lange, bis sie starben. Ratten hatten wir in unserem Hause nicht, dafür aber viele Mäuse. Sie fraßen, weil sie nichts anderes fanden, Bretter und Stroh. Nachts knisterte es oft unter unseren Köpfen, aber daran gewöhnten wir uns schnell.

Licht gab es überhaupt keines, weder eine Kerze noch Streichhölzer. Feuer konnten wir nur wie die Steinzeitmenschen machen. Eine Toilette gab es auch nicht. Draußen neben dem Haus gab es eine Grube und auf zwei Pflöcken eine Latte. Ringsherum war alles frei. Auch an diesen Zustand mußten wir uns gewöhnen, denn wir hatten gar nichts mehr, nicht einmal eine Menschenwürde. Einmal ist bei uns ein alter Mann in die Grube gefallen, und es war furchtbar, bis wir ihn wieder herausgeholt hatten, und erst recht, wie er danach aussah. Wir hatten keine Schüsseln, um uns zu reinigen. Was wir aber zuviel hatten, waren Läuse und Flöhe. Jede freie Minute saßen die, die noch kräftig genug waren, da und suchten nach Kopf- oder Kleiderläusen.

Gleich in der ersten Januarwoche 1946 machte ich mich auf den Weg, um wieder betteln zu gehen. Es war noch dunkel und ein kalter Wintertag. Meine Leute wollten mich überhaupt nicht gehen lassen bei dieser Kälte. Eine Warnung gaben sie mir mit auf den Weg: "Setze dich um alles in Welt nicht unterwegs hin, auch wenn du noch so müde bist, denn bei dieser Kälte erfrierst du." Als ich aus dem Lager draußen war, traf ich auf mehrere Frauen, und so gingen wir gemeinsam bis ins nächste Dorf. Von da an ging jeder für sich. Schon am ersten Haus, wo ich um ein Stück Brot bettelte, schrie man mich an. Viele sahen mich schon kommen und machten die Tür auf und riefen: "Komm ja nicht näher, bleib, wo du bist!" und warfen mir einige Kartoffeln oder Zwiebeln hin, aber kein Brot. Ich war sehr unglücklich darüber, denn ich wollte unbedingt Brot mitbringen.

So ging ich immer weiter, und wie eine magische Hand führte mich etwas zu einem Haus. Dort brauchte ich nur anzuklopfen und zu rufen, dann ging die Tür auf und ein Mann sagte: "Kind, komm doch herein!" Im Zimmer saß die ganze Familie beim Mittagessen. Es war ein Ehepaar, so um die fünfzig, und ein noch älteres, bestimmt die Eltern von ersterem. Sie sagten, ich solle mich zum Tisch setzen und mit ihnen essen. Ich fing bitterlich an zu weinen. Die Leute waren so erschrocken und fragten mich, was denn los sei, sie wollten doch nichts Böses. Sie trösteten mich und sagten: "Iß nur! Du bekommst auch noch etwas mit für ins Lager." Trotzdem brachte ich nicht viel hinunter. Sie gaben mir eine Tasse Milch, die ich sogleich trank. Danach fühlte ich in mir eine neue Kraft aufkommen, ein Gefühl, das man nicht beschreiben kann. Mir war so zumute, als striche mir jemand über den Kopf und sagte: "Siehst du, Kind, es wird alles wieder gut." Diese Serben waren so gut zu mir, sie redeten mir immer aufmunternd zu, so daß ich mich eine ganze Weile bei ihnen auffiielt. In der Zwischenzeit hatten sie mein Rucksäckchen mit Lebensmitteln gefüllt. Es war ein ganzer Laib Brot, Speck, Wurst, Fett und vor allem Salz. Es war fast zu schwer für mich, denn ich war klein und zierlich für mein Alter. Danach gaben sie mir ein Täschchen. Beim Weggehen sagten sie: "Wenn du kannst, komme wieder zu uns!"

Gestärkt ging ich zurück ins Lager, und obwohl ich schwer zu tragen hatte, fühlte ich in mir soviel neue Kraft, daß ich nicht nur gut vorankam, sondern manchmal noch andere Frauen überholte, die ebenfalls betteln gewesen waren. Zum Glück wurde es schon langsam dunkel, und ich brauchte keine Pause mehr einzulegen. Mit letzter Kraft kam ich mit meinem Bettelgut zu Hause an. Mein Opa weinte sehr und sagte: "Gott vergelte dir das, mein Kind, was du für uns tust." So hatten wir bis Mitte Februar zu essen, da wir stets ein wenig zu den kleinen Portionen, die wir gelegentlich bekamen, von unserem Vorrat zusetzten. Das reichte zum Überleben.

Zwischendurch versuchte ich, wieder hinauszukommen, denn ich wollte wieder zu den Leuten gehen, die mich so menschlich aufgenommen hatten. Bei drei Versuchen, die ich unternahm, wurde ich gesehen und konnte nur deswegen zurück, weil ich weit entfernt von den Posten war und mich solange im Wald versteckte, bis die Luft wieder rein war.

Einmal war ich dabei, den Schnee wegzuräumen, als ein Wachposten auf mich zukam und schrie: "Du wolltest doch gerade über den Damm und abhauen?" Ich sagte, daß ich das nicht gewollt hätte, denn ich schaufle doch hier den Schnee. Dann rief er: "Was, lügst du jetzt auch noch? Ich habe dich doch gesehen. Warte, ich gebe dir das, was du verdienst!" und schlug mir mit seiner Hand ins Gesicht und schrie wie ein Wilder. Ich war so erschrocken, daß ich nicht einmal davonlaufen konnte. Alles Bitten half nichts. Je mehr ich es abstritt, desto mehr schlug er mich. Ich bekam davon ein blutunterlaufenes und aufgeschwollenes Gesicht, dann endlich ließ er von mir und ging schimpfend weiter.

Schlimm war es mit Brennmaterial. Wenn es sehr kalt war, mußten wir uns auf unser Strohlager legen und mit allem, was wir hatten, zudecken; trotzdem froren wir sehr. Um nicht zu erfrieren, schnitten wir Zweige von den Bäumen, obwohl dies verboten war. Auch an den Schuppen und Hambors wurde so lange abgesägt, bis sie zusammenfielen. Aber wir mußten sehr aufpassen, denn die Lagerpolizei war ständig unterwegs, und wenn sie jemanden beim Klauen von Holz erwischten, wurde der geschlagen und eingesperrt. Wenn so ein angesägter Schuppen zusammengefallen war, strömten die Leute aus allen Richtungen herbei, um sich ein Stück zu holen. Das Beschaffen von Holz war nicht einfach, da wir keine Werkzeuge besitzen durften. Ein alter Zimmerbewohner von uns, er war zu Hause Wagnermeister, hatte eine gute Säge. Er trug sie aber, damit sie ihm nicht abhanden kam, ständig mit sich, sogar des Nachts hatte er sie bei sich im Bett. Als alle Wirtschaftsgebäude, Bäume und Sträucher verbrannt waren, holten wir den Mist. Zuletzt gab es im ganzen Dorf weder Zäune noch Bäume und Sträucher, es sei denn, in der Nähe der Unterkunft des Wachpersonals.

Der Winter 1945 auf 1946 war zwar kalt und infolge der schlechten Verpflegung schwer zu ertragen, aber im Vergleich zu den folgenden doch noch besser, da sich in den Häusern immer noch etwas Brauchbares befand. Dazu kam, daß viele noch körperliche Reserven hatten, die ihnen ein Durchhalten ermöglichten. Wegen des schneereichen Winters konnte ich lange nicht mehr betteln gehen. Darum hatten wir ab Mitte Februar nur noch das zu essen, was wir zugeteilt bekamen, und das war sehr wenig, denn wir erhielten alle paar Tage nur ein kleines Gläschen Maisschrot. Über einen ganzen Monat hatten wir nicht mehr als 40 bis 50 Gramm Maisschrot je fünf Tage erhalten. Wenn man lange nichts ißt, bekommt man fürchterliche Zustände: Der Magen krampft sich zusammen, oft auch der Schlund, dann rinnt Wasser aus dem Mund und man fühlt sich todkrank.

Wenn ich aber meine Leute ansah, wie sie täglich vor Hunger schwächer wurden, dann regte sich in mir der Wille, hinaus zu gehen, um etwas Eßbares zu betteln. Ich ging wieder, schon morgens, als es noch dunkel war, in ein Dorf und bettelte mir vieles zusammen. Auf dem Nachhauseweg verlief zunächst alles gut, bis ich kurz vor dem Lager von zwei Posten erwischt wurde. Beide schlugen mit dem Gewehrkolben auf mich ein, schlugen mir auf den Kopf, auf die Schulter und ins Kreuz. Sie schlugen mich so lange, bis ich zusammenbrach, dann traten sie mich noch mit den Füßen. Ich weiß nicht mehr, ob ich geschrien habe. Ich konnte nur noch denken: Sie werden mich jetzt totschlagen. Danach wußte ich nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein furchtbares Gefühl: Es stank entsetzlich, und ich bekam fast keine Luft in dieser Dunkelheit, die mich umgab. Die Posten hatten mich bewußtlos geschlagen und vermutlich geglaubt, ich sei tot, und hatten mich dann in einen Misthaufen verscharrt. Mit aller Kraft hob ich mich vom Misthaufen hoch, kroch auf allen Vieren bis zu einem Haus, wo mich fremde Lagerleute dann hineinzogen. Nach einer gewissen Zeit sagten sie zu mir: "Kind, du mußt von hier verschwinden, denn wer weiß, vielleicht kommen die Posten noch einmal zurück und suchen nach dir." So schaffte ich mit Mühe und der Hilfe eines Jungen den Weg zu den Meinen. Die ersten acht Tage konnte ich nur mühsam gehen, so weh tat mir alles! Noch lange dauerte es, bis die Schmerzen nachließen und die blauen und grünen Flekken verschwunden waren. Sobald ich wieder einigermaßen gehen konnte, ging ich mit den anderen Holz holen. Es mußten nämlich alle Kinder, die noch gehen konnten, täglich in den Wald, um Holz zu holen. Oft fanden wir im Wald gutes Gras und Kräuter, die wir in unseren Holzbündeln mit ins Lager nahmen. Machte das Wachpersonal Stichproben und schaute in die Bündel hinein, dann wurde alles weggenommen und wir wurden verprügelt. Von Glück konnte man reden, wenn ein Posten Dienst hatte, der nicht so herzlos war. Bei solchen Begebenheiten gab es aber auch die Möglichkeit, zu entrinnen, aber nur dann, wenn viele zugleich davonrannten. Allerdings bestand die Gefahr, erschossen zu werden, weil mancher Posten gezielt geschossen hat.

Einmal fanden die Posten bei mir und vielen anderen Gräser und Kräuter. Hierauf befahlen sie uns, uns nackt auszuziehen. Das Mitgebrachte wurde vor uns auf den Boden geworfen, dann mußten wir niederknien und es, ohne die Hände dabei zu benutzen, mit dem Mund vom Boden aufessen. Dabei riefen sie ununterbrochen: "Ihr deutschen Schweine, mehr seid ihr nicht wert." Das war so gemein und entwürdigend, daß viele zusammenbrachen. Unsere Gedanken arbeitete durcheinander: Was wird noch kommen, was werden die noch mit uns machen? Wir durften weder reden noch schreien, sondern nur essen, essen. Einer stand hinter uns und schlug jedem, der aufhörte zu essen, mit der Rute auf den nackten Hintern. Schrien wir bei diesen Hieben, dann brüllten sie und schlugen noch heftiger zu. Unsere Hinterteile waren ganz geschwollen und blutig, ehe sie endlich aufhörten und uns aufforderten, uns wieder anzuziehen Dabei grinsten sie übers ganze Gesicht und trieben uns wieder ins Dorf zurück und riefen unbeschreiblich häßliche Worte hinter uns her.

Lange Zeit konnte ich nichts mehr zu essen beschaffen. Unsere Körper waren schon ausgemergelt und gegen Krankheiten anfällig. Im Lager starben jeden Tag Menschen an Schwäche oder irgendeiner Krankheit. Meine Mutter und Oma wurden auch immer schwächer, bis dann eines Tages auch meine Mutter ins Krankenhaus mußte. Bei jeder Gelegenheit brachte ich ihr etwas, auch wenn wir selber fast nichts hatten. Von etwas Maisschrot von dem Maismehl, das wir noch vom letzten Betteln hatten, kochte ich etwas Brei, den ich meiner Mutter ins Krankenhaus brachte. Meine kleineren Geschwister, die auch immer hungrig waren, begleiteten mich zur Mutter. Unterwegs baten sie mich laufend, einmal mit dem Finger von dem Brei kosten zu dürfen. Nach einer gewissen Zeit gab ich nach und ließ jeden einmal eine Fingerspitze Brei essen. Weil ich das beiden meiner Geschwister gestattete, wollte auch ich etwas davon haben. So ähnlich ging das die ganze Wegstrecke bis zur kranken Mutter, die dann einige Wochen später wieder zu uns zurückkehrte. Grauenhafte Schicksale gab es in jeder Familie. Jeder hatte schon einige seiner Verwandten verloren, manche Familien sind sogar ausgestorben. Besonders für Mütter war es das Schlimmste, daß ihre Familien — wie in der großen Mehrzahl der Fälle — auseinandergerissen waren und sie nicht wußten, wie sich ihre Hoffnung auf ein Wiedersehen erfüllen sollte.

Wohl mußte ich später wieder Holz sammeln, aber die Wachen paßten nun strenger auf, die Kontrollen wurden stärker, so daß man nichts mehr ins Lager schmuggeln konnte. Jeden Morgen ging ich in der Hoffnung fort, an diesem Tage etwas zu finden, und kam nachmittags enttäuscht und mit leeren Händen zurück. Deswegen entschloß ich mich, mit einer Gruppe bei Nacht mitzugehen. Man mußte nur etwas zum Tauschen haben. Eine Tante gab mir einen Mantel. Außerdem hatte ich noch Schmuck, den mir meine Mutter in die Jacke einnähte. Als wir eine Weile gegangen waren, stellte es sich heraus, daß ich längst nicht die Kraft und Ausdauer wie früher hatte, auch mein Knie tat mir weh, und ich mußte mich sehr zusammennehmen. Schließlich kamen mir am Morgen vor dem Dorf an. Dort hielten wir uns zunächst in einem Strohhaufen versteckt. Ich war müde geworden und schlief ein. Als dann die Gruppe wieder aufbrechen wollte, konnten sie mich nur mit Mühe wecken. Zum Glück konnte schnell alles gegen Lebensmittel eingetauscht werden. Nun waren alle überglücklich, denn jeder hatte soviel an Eßbarem, daß es wieder für eine Weile reichen würde. Das Wertvollste, was ich dabei hatte, war ein Pfund Steinsalz. Seit einigen Monaten hatten wir kein Salz mehr gehabt, und es war furchtbar, Ungesalzenes zu essen.

Nachmittags gingen wir dann los, um zu einer bestimmten Zeit, gegen Mitternacht, zum Lager zu kommen. Das war nämlich die beste Zeit, ungesehen hineinzukommen. So kamen wir schnell voran und erreichten das Lager ohne Zwischenfälle. Meine Leute waren sehr zufrieden, denn ich hatte nicht nur Mehl, sondern auch Speck, Rauchfleisch und ein Stück Salz in meinem Rucksack. Meine Mutter weinte vor Freude, als sie das Salz sah, und Oma meinte, daß sie nun wieder gesund würde.

Einmal machten wir uns morgens wieder auf den Weg, um betteln zu gehen. Doch diesmal wurde es schlimm. Entweder war es nicht die richtige Stelle, an der wir uns aus dem Lager schleichen wollten, oder wir waren zu früh dran. Niemand von den Lagerinsassen hatte mehr eine Uhr, so daß wir uns nur nach Tag und Nacht richteten. Als wir über den Damm wollten, krachte ein Schuß ganz dicht neben mir. Ich hörte ein schrilles "Stehen bleiben!" und erschrak dermaßen, daß ich wie ein leerer Sack zusammenfiel und mir dabei in die Hosen machte. Mein Herz klopfte mir bis zum Halse. Doch blieb mir keine Zeit zum Überlegen, da wir gleich angetrieben und zu einem Platz gebracht wurden, wo sich schon mehrere Frauen befanden. Als wir eine Weile dagesessen hatten, fragten zwei Wachposten, welche der Frauen bereit seien, mit ihnen zu schlafen, diese dürften dann wieder unbehelligt ins Lager zurückgehen. Es war einer der schönsten Augenblicke meines jugendlichen Lebens, als ich sah, daß sich keine leidgeprüfte Frau auf diesen Vorschlag einließ. Jede Frau war lieber bereit zu verhungern, als sich ihre Ehre von diesen herzlosen Männern nehmen zu lassen.

Viele Stunden hockten wir dort. Als es Tag wurde, brachte man uns zur Kommandantur. Dort wurde uns alles weggenommen, und man sperrte uns in einen Keller, in dem schon sehr viele waren, und es gab keinen Platz mehr. Wir konnten nur stehen oder auf dem Boden hocken. Im Keller war es dauernd dunkel, weil er früher ein Weinkeller gewesen war und daher bloß einen Abzugsschacht hatte. Dementsprechend war auch die Luft. Kaum waren wir einige Stunden eingesperrt, da wurde die Kellertür aufgemacht und ein Partisan stand davor. Er stand mit einem Stock dort und befahl uns "ein Lied von Hitler", wie er es ausdrückte, zu singen. Der Mann begann zu dirigieren und schrie: "Singt, Schwaben, singt!" Die Frauen fingen an und begannen mit "Großer Gott, wir loben dich". Vermutlich kannte er die Melodie, denn er unterbrach den Gesang und schrie, das sei kein Lied über Hitler, er wolle aber etwas von "unserem Hitler" hören. Da stimmten die Frauen das Lied "Gott ist die Liebe" an, aber im Marschtempo. Der Partisan mußte annehmen, daß es ein Marschlied sei, und dirigierte mit Begeisterung. Wir sangen mit Inbrunst und fühlten auch, was wir aussprachen. In einer solchen Situation erkennt man erst richtig, wie sehr man doch am Leben hängt. Und ich wollte noch nicht sterben.

Dann verschloß der Partisan die Tür, und wir saßen wieder im Dunkeln. Es dauerte lange, bis die Tür wieder aufging und es wieder hell wurde. Die Blicke kann man kaum beschreiben: Jeder schaute zum anderen, als wollte er sich überzeugen, daß dieser noch lebte. Was hielt uns, die wir das erlebten, davon ab, einen unwiderruflichen Schritt zu tun? Wie viele von denen, die wir uns damals in diesem Keller befanden, am Leben geblieben sind, weiß ich nicht. Aber alle haben gehofft, daß es irgendwann doch ein glückliches Ende nehmen würde. Auf einmal schrie der Partisan: "Wo ist jetzt euer Herrgott? Er soll doch kommen und euch herausholen oder etwas zu essen herunterwerfen. Wenn es überhaupt einen Herrgott gibt, dann bin ich euer Gott. Denn ich kann nun mit euch machen, was ich will. Und das werde ich auch!"

Kurz darauf mußten wir den Keller verlassen. Vorerst wurden wir beschimpft und eingeschüchtert. Man sagte uns, wenn nochmals einer von uns erwischt würde, wie er heimlich das Lager verläßt, dann würde er sofort erschossen werden. Wir waren alle sehr verängstigt und zitterten am ganzen Körper. Dann durften wir endlich wieder ins Lager zurück.


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