Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.155-156.

Michael Adelhardt, Homolitz

Hunger als Lockmittel zur Ausbeutung der Arbeitskraft der Insassen des Lagers Rudolfsgnad

Mitte Januar 1947 kam auch ich nach Rudolfsgnad. Da ich von Tscherewitsch geflüchtet war, traute ich mich nicht öffentlich ins Lager. So lauerte ich morgens um 4 Uhr auf eine Gelegenheit, ins Lager zu kommen. Der Wachposten hatte ein großes Feuer entfacht, und die Flammen loderten hoch, wahrscheinlich war ihm auch kalt. Als ich dachte, daß er mich durch den hellen Schein im Dunkeln nicht sehen wird, bin ich an ihm vorbeigegangen. Ich lief hinter den Häusern entlang, um meine Angehörigen zu suchen. Ich war überzeugt, daß ich auf der Straße bin, alles war offen, kein Zaun, kein Tor, kein Brunnengestell. Nirgends Stroh- oder Maisstrohhaufen, keine Spreuschuppen, nicht einmal einen Misthaufen sah ich, auch keinen einzigen Baum.

Wie sollte ich meine Angehörigen finden? Auf der Gasse war niemand. Nach einiger Zeit bin ich in ein Haus gegangen, und fragte nach ihnen. Ich erhielt aber keine Antwort..... Später, als es Tag wurde, bin ich noch in viele Häuser gegangen. Die Leute kannten auch meine Familie. Sie sagten auch, daß sie da vorne im Eckhaus wohnten. Aber es gab nur noch Eckhäuser. Keiner stand aufund zeigte mir das Haus.

Ich mußte immer wieder über Gräben springen und wunderte mich, wieso es so viele Gräben gab. Erst am Tag sah ich dann, dass es gegrabene Gräben waren, die als WC dienten. Sie waren ca. einen Meter breit, und weil die Menschen nichts zu essen bekamen, war nur Brühe drin.

So gegen 11 Uhr fand ich meine Angehörigen. Es bot sich mir ein katastrophales Bild. Meine Mutter war krank. Meine Schwester Juliana war noch nicht von ihrem Unfall beim Bäumefällen genesen. Aber das Schlimmste war ihre Tochter Annemarie, geb. 1943. Sie bestand nur aus einem Wasserbauch und aus Haut und Knochen. Auch sie lagen auf ihrer Pritsche, denn es war kalt, und zum Heizen gab es nichts. Jetzt verstand ich auch, warum niemand aufgestanden ist, um mir zu helfen. Was sollten sie auch machen. Es gab nichts zu essen, und wenn sie aufgestanden wären, hätten sie gefroren. Also blieben sie liegen und träumten vom guten Essen. Man sah die Leute im Schlaf kauen. Wenn Sie aufwchten, hatten sie Magenschmerzen, und der Mund tat ihnen weh vor lauter Kauen.

Die Menschen waren apathisch, lethargisch und litten an Wahnvorstellungen.


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