Tod und Begräbnis

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.750-753

Im Februar 1946 ist mit 1346 Verstorbenen ein Höchststand an Todesfällen erreicht worden. Am 4. Februar 1946 wurde das Maximum der Todesfälle an einem einzigen Tag verzeichnet: an diesem Tag haben 72 deutsche Menschen im Vernichtungslager Rudolfsgnad den Tod gefunden.

An den Folgen des Fleckfiebers, der Grippeepidemie sowie an Unterernährung und unmenschlicher Behandlung durch die serbischen Partisanen waren es in den ersten 15 Monaten seit Bestehen des Vernichtungslagers bei einem durchschnittlichen Lagerstand zwischen 17000 und 20000 Personen insgesamt 7664 Landsleute, die dort qualvoll sterben mußten.

Wie schon dargelegt, wurden die durch laufende Todesfälle entstandenen Lücken sogleich mit anderen Deutschen aufgefüllt, die in den Arbeitslagern infolge schwerer physischer Arbeit, Mißhandlung und mangelhafter Ernährung arbeitsunfähig geworden waren und im Vernichtungslager Rudolfsgnad ihr Ende finden sollten. So kamen Anfang des Jahres 1947 auch Deutsche aus der Baranja, aus Slowenien - unter diesen befanden sich deutsche und österreichische Staatsbürger - und auch die Mönche aus dem Kloster Travnik in Kroatien hierher.

Nach Auflösung des Vernichtungslagers Gakowa in der Batschka, wohin Ende Juli 1947 die Überlebenden des Vernichtungslagers Molidorf verlegt worden waren, wurden auch alle Insassen des Lagers Gakowa nach Rudolfsgnad verbracht.

Daraus kann nur die Schlußfolgerung gezogen werden, daß Rudolfsgnad seitens der Partisanenführung von Anfang an als zentrales Vernichtungslager geplant war und als solches auch bis zuletzt, nämlich bis März 1948, aufrechterhalten
wurde.

In der Zeitvom 10. Oktober 1945 bis März 1948, also während der Bestandsdauer des Lagers, sind in Rudolfsgnad mehr als 11000 deutsche Menschen entweder an Unterernährung gestorben, den Seuchen zum Opfer gefallen oder durch Willkürmaßnahmen der partisanen zu Tode gekommen.

Ein Begräbnis im üblichen Sinne gab es in Rudolfsgnad nicht. Die Leichen, während der Fleckfieberepidemie kaum bekleidet, späier in alte Decken eingenäht, wurden mit Bauernwagen, die durch die Straßen fuhren und die Toten einsammelten, zu den Massengräbern gebracht. Die ersten Massengräber wurden im hinteren Teil des Friedhofs von Rudolfsgnad ausgehoben. Von den serbischen Partisanen hierzu gezwungen wurde der frühere langjährige Totengräber von Rudolfsgnad, dem mehrere Lagerinsassen als Beerdigungshelfer zugeteilt wurden.

Nach einer Mitteilung dieses Totengräbers haben in den Massengräbern auf dem Friedhof von Rudolfsgnad bis 13. Februar 1946 3334 im Lager Verstorbene ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Da in diesem Friedhof im Frühjahr 1946, infolge des Hochwassers der Theiß, das Grundwassers immer höher stieg, konnten hier keine Toten mehr beerdigt werden. So wurde seitens der Partisanenführung die Teletschka, eine etwa 2 km südlich des Ortes gelegene Anhöhe, für die Anlage von weiteren Massengräbern ausersehen. In den Massengräbern auf der Teletschka sind vom 14. Februar 1946 bis März 1948 mehr als 7000 Deutsche beerdigt worden.

Aurelie Lang aus Weißkirchen zur beherrschenden Größe des Todesgeschehens in Rudolfsgnad:

"Neben einem streng gehandhabten Ausgeh- und Besuchsverbot bei Nacht, einem Schmuggelverbot, einem Verbot, das Lager zuverlassen, und vielen anderen Vorschriften war es auch verboten, den Leichenwagen zu begleiten oder gar öffentlich zu beten. Noch gaben anfangs viele dem Leichenführer Holzkreuze für die Verstorbenen mit. Als dann die Einzelbestattung bald aufhörte, half man sich längere Zeit mit dem Mitgeben von Flaschen, in die Zettel mit Todesdaten und Namen der Toten gestopft wurden. Doch auch diese Gepflogenheit mußte aufgegeben werden, weil keine Flaschen mehr aufzutreiben waren. Papier war übrigens auch sehr selten zu bekommen. Erst als Ende 1946 die ersten Pakete einliefen, fand sich hie und da ein Verpackungsrest, auf dem der eine oder andere wenigstens die Namen seiner engsten Verwandten, die hier gestorben waren, notieren konnte . . .

Die Leichenführer waren die am meisten Beschäftigten. Es gab keinen Thg, an dem sie nicht vom Morgen bis zum Abend zu tun hatten. "Noch immer nähten wir die Toten in Decken," schreibt Anna W. "Ich weiß noch, daß ich eine Speiche eines verrosteten Fahrrads zu einer langen Nadel zurechtbog und mit diesem Instrument wochenlang nicht aus dem Deckenzunähen herauskam, weil wieder einmal die Ruhr grassierte und ich die einzige war, die noch aufstehen konnte.
Auch als im Jänner 1947 die Mutter starb und im Dezember 1947 der Vater zugrundeging, durfte ich nicht zur Begräbnisstätte. So begleitete ich sie bis zur Tür und mußte zusehen, wie sie draußen zu zweit die Toten wie krepierte Hunde auf den schäbigen Karren warfen und zum nächsten Haus fuhren. Und so sah des aller aus, die in Rudolfsgnad starben."

In seinem Bericht "Der Weg zur Teletschka" schreibt Franz Fillips-Renatz, der als Leichenkutscher eingesetzt war und bis zur Auflösung des Lagers in Rudolfsgnad blieb:

"Wir fuhren also mit unserem Elendskarren die Straße entlang, vor den Häusern lagen die Toten, eingenäht oder eingebunden in ihre Decken. Sie wurden von den mit traurigen Gesichtern umherstehenden Angehörigen auf den Wagen und in Richtung Teletschka weggefahren. Viele Angehörige haben den verstorbenen Flaschen mit einem Zettel und dergleichen beigegeben, um sie bei der späteren Ausgrabung identifizieren zu können.

Die Kindersterblichkeit war im Lager sehr hoch. Alle Kinder, deren Mütter oder Großeltern starben und um die sich niemand annahm, kamen in ein sogenanntes Kinderheim, welches in einer ehemaligen Gastwirtschaft eingerichtet wurde. Aus diesem Heim gab es kaum Überlebende. Nachdem ich in unmittelbarer Nähe des sogenannten Kinderheimes untergebracht war, konnte ich die tägliche Abfuhr der Kinderleichen beobachten. Sie wurden, meistens nur mit einem Hemdchen bekleidet, auf den Leichenwagen gelegt und auf dem gleichen Weg zur Teletschka gebracht. Es waren meistens 15 bis 20 Kinderleichen täglich aus diesem Heim. Einmal zählte ich über 30 . . .

Rudolfsgnad hatte an beiden Ortsenden ein großes Kreuz, woran der gekreuzigte Christus in Form einer Blechfigur dargestellt wurde . . . An einem dieser Kreuze führte unser Weg Richtung Teletschka vorbei. Es war aber vom Körper unseres Heilands nichts mehr zu sehen, nur noch die rechte Hand zeigte gegen den Himmel. Den Rest hatten die Wachtposten bei Schießübungen vom holt. Jeder Lagerinsasse, der dieses Zeichen sah, die rechte Hand gegen den Himmel gehoben, glaubte daran, daß unser Herrgott die uns zugefügten Leiden bestrafen werde.

Der Weg mit einem solchen Gespann war sehr mühsam. Es kam schon mal vor, daß durch länger anhaltenden Regen die Straße aufgeweicht war und so der Leichentransport beschwerlich wurde. So mußten oftmals Leichen unterwegs abgeladen und mit einer zweiten Fuhre zu den Gräbern gebracht werden.

Die Massengräber auf der Teletschka waren sehr tief ausgehoben, die Leichen wurden in die Grabstätte hinabgelassen und dann immer drei übereinander in Schräglage aufgeschichtet, mit Erde bedeckt, dann die nächsten und so fort. Da die Leichentransporte und die Beerdigung in den Massengräbern von Leidensgenossen ausgeführt wurden, erfuhr der Verstorbene wenigstens auf seinem letzten Weg noch ein bißchen Menschlichkeit...

Auf Grund internationaler Fürsprache un dem, wie ich annehme, von den westlichen Siegermächten ausgeübten Druck stand die Auflösung des Lagers Rudolfsgnad im Frühjahr 1948 bevor. Übriggeblieben wa Menschenmaterial, das man jetzt noch in den Arbeitsprozeß mit einreihen konnte.

Im Januar/Februar 1948 wurden wir dann selekriert! Es kamen Kommissionen aus Kohlengruben in Bosnien und Serbien und von den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (Staatsgüter, aus ehemaligem donauschwäbischem Eigentum gebildet). Die übrig gebliebene Menschenmasse wurde so, nach zu erwartender Leistungsfähigkeitund dem Bedarf entsprechend, vermarktet . . .

Mittlerweile war das Lager in Rudolfsgnad aufgelöst, und wir wurden von der neugegründeten Landwirtschaftlichen Genossenschaft "Sloboda" (Freiheit) übernommen . . . Ich wurde mit vielen meiner deutschen, serbischen und ungarischen Arbeitskollegen zum Traktoristen ausgebildet . . .
Nachdem das Lager Rudolfsgnad aufgelöst war, wurde auf Anordnung der Direkrion des Staatsgutes der noch ausgehobene Teil des letzten Massengrabes wieder aufgefüllt. Die Beerdigungen fanden wieder im Friedhof statt. Es wuchs Gras darüber, aber sie blieben.


Vereinzelt kamen Angehörige aus dem Pantschowarer Ried, auch aus der Baranya und anderen Gegenden, um die Gräber zu besuchen. Im Herbst 1949 kamen wir mit unserer Traktorbrigade unmittelbar bei den Massengräbern zum Pflügeeinsatz. Unsere Servicestation mit Wohn- und Werkstattwagen war kaum 100 Meter von den Gräbern entfernt. Unser Brigadier war Hevezy Mihály, ein Ungar aus perles. Dann kam eines Tages die Anweisung von Direktor Nikola Zivanovi´c, die Gräber auf der Teletschka müßten umgepflügt werden. Das war für uns alle wie ein Schlag ins Gesicht. Unser Brigadier forderte uns zuerst auf, der Anordnung des Direktors nachzukommen. Wir lehnten ab. Es kam zu einer Beratung zwischen uns Deutschen, und wir beschlossen, diese Anordnung nicht zu befolgen. Den serbischen und ungarischen Kollegen wurde klargemacht, daß der, der die Gräber überfährt, den nächsten Thg nicht überleben würde.

Nachdem die Serben und Ungarn sehr abergläubige Menschen sind, war eigentlich von ihnen nichts zu befürchten. Trotz mehrmaliger Aufforderung und Androhung von Strafmaßnahmen wurden die Gräber nicht angetastet.  Nachdem dann unser Brigadier auch noch Einsicht zeigte, sollte die Teletschka in Rudolfsgnad Jahrzehnte ein sichtbares Zeichen leidvoller donauschwäbischer Vergangenheit bleiben. Für den erfolgreichen Widerstand deutscher Burschen, der zur Erhaltung der Gräber auf der Teletschka führte, war vor allen anderen unserem Kameraden Franz Schneider aus Rudolfsgnad zu danken. Seine Überzeugungskraft und sein unerschrockener Einsatz hatte uns alle mitgerissen." Nach mehreren vergeblichen Versuchen ist es dem katholischen Pfarrer Nikolaus Thurn aus Hetin am 2. Mai 1950 gelungen, die Massengräber zu weihen und inoffiziell zum Friedhof zu erklären.
Anm. der Redaktion: Kurz vor Drucklegung erhielten wir die Nachricht, daß bereits am 14. August 1995 die Umpflügung und Entweihung der Massengräber erfolgte.

Rudolfsgnad wurde als Vernichtungslager zur Todesstätte tausender Donauschwaben. Von den dort aus fast allen Siedlungsgebieten durchgeschleusten ca.33 000 Menschen hat ein Drittel nicht überlebt. Ungeachtet der differierenden Angaben des Lagerarztes und anderer Wissensträger, waren es mehr als 11000 Landsleute, die in dem Grauen von Rudolfsgnad ihr Leben lassen mußten. Sie wurden vergewaltigt, gequält, gefoltert, erschossen und mußten den Hungertod erleiden. Wenn völlig ausgemergelte und daher wiederstandslose Menschen in ihrem kaum faßbaren Leid auch noch von Ratten angenagt werden, andere vor Hunger dem Wahnsinn verfallen, ziellos umherirren und schließlich elend auf der Straße sterben, so offenbart dies letzte Abgründe der Unmenschlichkeit in den Herzen der Anstifter und Täter.

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