Lagerärzte und Epidemien

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.738-740

Die Bemühung der Lagerärzte, die selbst Lagerhäftlinge waren, hat Dr. med. K.F. eindrucksvoll dokumentiert. Es war ein Heroismus der Vergeblichkeit, hier gegen Epidemien gekäimpft wurde. Gefördert wurde die Ausbreitung von Seuchen durch die zunehmende Unterernährung, durch den spürbaren Vernichtungswillen der Mächtigen, der vor allem über den Winter 1945/46 zu herrschen schien, und nicht zuletzt durch die psychische Gebrochenheit vieler ob der Aussichtslosigkeit der Situation.

Zu der unzureichenden, salz- und völlig vitaminlosen Ernährung kamen die schlechten hygienischen Verhältnisse, die auf die fehlenden sanitären Anlagen sowie darauf zurückzuführen waren, daß die in den Häusern und Zimmern zusammengepferchten Lagerinsassen nicht in der Lage waren, sich sauber zu halten, da ihnen weder Waschräume noch warmes Wasser zur Verfügung standen und ihnen zudem auch Reinigungsmittel vorenthalten wurden. Prekärer noch war die Lage der Lagerinsassen in der kalten Winterzeit, in der die meisten Leute überhaupt nicht waschen konnten, weil sie, nachdem ihnen alles weggenommen worden war, nur noch das besaßen, was sie am Leibe
trugen, und daher keine Wäsche zum Wechseln hatten.

Auf die Willkür der Kommandanten und die ständigen Vernichtungsdrohungen der serbischen Partisanen folgte Apathie bei den Lagerinsassen, die infolge ihres körperlichen und seelischen Verfalls nicht mehr die Kraft besaßen, sicder Ungezieferplage zu erwehren, denn Flöhe, Wanzen, Kopf- und Kleiderläuse sowie Mäuse und Ratten traten plötzlich massenweise auf. Wo die Ratten nichts
zu fressen fanden, wurden auch die Lagerinsassen nicht verschont. So wurden nicht nur Tote, sondern oft auch völlig ausgemergelte und widerstandslose Lebende angenagt.

Unter solchen Umständen wurden die Lagerinsassen im Herbst 1945 noch von einer Grippewelle erfaßt, die ein Massensterben auslöste, besonders unter Kleinkindern und älteren Personen.

Der Schmerz und die Verzweiflung über die unschuldig Dahingestorbenen war grenzenlos, doch sollte das Elend der Lagerinsassen nicht so bald enden, denn bereits im Januar 1946 trat Fleckfieber auf, das sich schnell ausbreitete und zu einer großen Epidemie entwickelte.


Darüber aufgeschreckt, vermutlich aber vor allem aus Furcht, daß die Epidemie auf Bereiche außerhalb des Lagers übergreifen könnte, reiste eine Arztekommission mit einem Vertreter aus Belgrad an, die zunächst feststellen mußte, daß neben der katastrophalen Ernährungs- und Gesamtlage - in den zwei Ambulanzen und den Krankenhäusern des Lagers kein einziges Thermometer vorhanden war! Auf Veranlassung dieser Kommission wurd e zwar das Lagerkommando ausgetauscht, doch der Antrag auf Verbesserung der Verpflegung wurde von den Partisanen völlig ignoriert. So wurde die für die Kinder vorgesehene Milch, statt sie an diese zu verteilen, von der Gutsverwaltung Rudolfsgnad weitergeliefert. Das für die Kinder beantragte Obst wurde ebenfalls nicht besorgt. Und so war auch jede Hoffnung geschwunden, angesichts des durch die Epidemie ausgelösten Massensterbens eine Verbesserung der Verpflegung für die geschwächten und halbverhungerten
Lagerinsassen zu erreichen.

Humaner reagierten die Gesundheitsbehörden. Dr. K. F. schreibt: "Die Abteilung von Volksgesundheit des Bezirks-Volksausschusses von Groß-Betschkerek befahl mit 11.2. 1946 eine Quarantäne. Dazu wurde ein Kommando für das Bespritzen des Lagers mit DDT-Pulver eingesetzt. "Das ganze Lager war mit viermaligem Bespritzen mit DDT-Pulver total entlaust. Die Fleckfieberkranken wurden, soweit sie erfaßt werden konnten, in der Schule konzentriert. Die Sterbefälle crreichten ihr Maximum im Februar 1946. Die Ärztegruppe zur Bekämpfung des Fleckfiebers arbeitete aufopfernd und mit Hingabe unter der Gefahr, selbst infiziert zu werden. Die serbischenÄrzte und ihr Hilfspersonal brachten den deutschen Lagerinsassen größtes Verständnis entgegen, was ihnen von anderer Seite verübelt wurde. (Man hörte von ihnen Außerungen, daß man solches Elend währod der Okkupation durch die Deutschen weder erlebt noch gesehen habe.) Mit derselben Aufopferung arbeiteten die Krankenschwestern (Lagerinsassen, Berufskrankenschwestern gab es nur vier), von denen 80 Prozent an Fleckfieber erkrankten und einige auch der Epidemie zum Opfer fielen. Das Versprechen einer besseren Verpflegung für das Bekämpfungspersonal (Lagerinsassen) wurde nicht eingelöst. Es lag sicherlich nicht an den 20 Ärzten, die direkt oder indirekt an der Bekämpfung des Fleckfiebers beteiligt waren - vom beamteten Arzt im Gesundheitsministerium bis zu den Lagerärzten, ohne Unterschied der Volkszugehörikeit und des Glaubensbekenntnisses -, daß nicht mehr Volksdeutschen geholfen werden konnte; ihrem Einsatz und ihrer Aufopferung gebührt volle Anerkennung, ebenso den Krankenschwestern und dem weiteren Sanitätspersonal.

Die Lageraufsicht wurde neu geregelt, statt der Einteilung in Viertel wurde die Blockeinteilung eingeführt, mit einer Blockleiterin (Lagerinsassin) an der Spitze. Das Lager selbst wurde Neusatz direkt unterstellt und unterstand dem "Hauptexekutivausschuß der Autonomen Provinz Wojwodina, Abteilung für Innere Angelegenheiten, Sektion Lager."

Die Lagerorganisation war nunmehr so, daß jeder Block ein Altersheim bekam, das Lager insgesamt ein Erholungsheim für Unterernährte, ein Krankenhaus für Erwachsene und ein Kinderspital, dazu kam ein Kinderheim. Die Verpflegung in den Spitälern war etwas besser als im Lager. Die Spitäler und das Erholungsheim zählten insgesamt zwischen 230 und 290 Insassen.

Drei Apotheker versuchten Arzneimittel zu erlangen, und einer der Laboranten leitete 1946 eine Heilkräuter-Sammelgruppe von 40-50 Mädchen.

Mit Aufhebung der Quarantäne im April 1946 setzte, wie in den anderen Lagern, die "weichere Welle" der Eliminierung der Volksdeutschen ein, offenbar politisch von oben intendiert und angeordnet.

Fortab durften Pakete in das Lager geschickt werden. Die größere Hilfeleistung lief erst 1946 auf Initiative von Peter Max Wagner und seinem "Donauschwäbischen Hilfswerk Brooklyn" an, wodurch die erste Welle der Pakete aus Amerika um Weihnachten 1946 im Lager eingetroffen sein dürfte.

"Der ,Block", das nordwestliche Viertel, wurde im Frühjahr 1946 für die "Freien" eingezäunt und vom Lager abgeriegelt. Über die Kirchengasse wurde zwischen den Häusern Nr. 129 und 118 ein Schlagbaum errichtet; an der Ecke des Kauftrauses Hirt (Nr. 129) war ein Wachhaus aufgemauert. Im Hause Hirt war zu dieser Zeit die Paketsammel- und -verteilerstelle. Die Pakete wurden im Laderaum von Serben durchsucht und verteilt. Es kam vor, daß ganze Pakete verschwanden. Die meisten Pakete bekamen die "Neuglauber", wie man die Anhänger der Sekte der Nazarener nannte. Die großen Kirchen schickten keine Pakete.

Die sog. UNRA- oder Care-Pakete wurden in den serbischen Gemeinden an freie Bürger zu 500 Dinar pro Stück verkauft. Mein Freund Milce hat so ein Paket im Titeler Rathaus erworben," schreib Lorenz Baron.

Das Elend war aber so groß, daß alle, die sich nichts verschaffen konnten, weiterhin bedroht waren, ihrem Untergang langsam entgegenzugehen. Da sehr viele Lagerinsassen schwach und untererndhrt waren, kamen gerade bei diesen die Folgen der Fleckfieberepidemie zum Vorschein. Diese Menschen waren aufgedunsen, es traten Durchfall und infolge der völlig vitaminlosen Kost auch Skorbut auf, hinzu kamen Gürtelrose und Herzmuskeldegeneration, besonders bei Kindern und Kleinkindern. Nach L. Baron war Doktor Lefor Lagerarzt, ohne Medikamente, und für 18 000 Menschen zuständig.

 

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