Kommandeure, Wachen und der "Bunker"

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.744-748

Aus den Erlebnisberichten der Insassen des Lagers Rudolfsgnad erfährt man kaum etwas über Name und Charakter der Kommandeure, die in den 30 Monaten des Bestehens von Rudolfsgnad in vieler Hinsicht autonom schalten und walten konnten.

Als die Rudolfsgnader am 13. April 1945 interniert wurden, war der Zigeuner Gajo, (er führte den Zunamen Arandjelski oder Bocarac) Lagerkommandant und Verantwortlicher für die Bewachung. Als ab 10. Oktober 1945 Rudolfsgnad zum Ort des Vernichtungslagers bestimmt wurde, blieb Gajo für die erste Zeit Kommandant. Er wurde aber durch eine Partisanin aus der alten Kämpfergarde abgelöst, die mit Vornamen Zlata hieß und als Frau von riesenhaftem Wuchs und wildem Temperament beschrieben wird. Im Frühjahr 1946 wurde - vermutlich auf Veranlassung der Arztekommission, die das Lager nach Ausbruch der Typhusepidemie besuchte - das Lagerkommando ausgetauscht. Dr. K. F., [siehe Zeitzeugen [http://www.rudolfsgnad-banat.de/das-lager/zeitzeugen/zeitzeuge-dr-med-kf ]von dem die Mitteilung stammt, gibt allerdings nicht an, wer der neue Kommandant war. Von Lorenz Baron weiß man, daß der neue Kommandant infolge seiner Körpergröße nur als "der Lange" bezeichnet wurde und mit Namen Ceda Stomatovic´ hieß. Er dürfte humaner und umgänglicher als seine Vorgängerin gewesen sein.

Um so mehr erfährt man aus den Erlebnisberichten Details über die Böswilligkeiten und Grausamkeiten der Wachmänner. Beispiele mögen das belegen. So erzählt der damals 14-jährige Franz Apfel: "Wenn ich aber meine Leute ansah, wie sie täglich vor Hunger schwächer wurden, dann regte sich in mir der Wille, hinanszugehen, um etwas Eßbares zu betteln. Ich ging wieder, schon morgens, als es noch dunkel war, in ein Dorf und bettelte mir vieles zusammen. Auf dem Nachhauseweg verlief zunächst alles gut, bis ich kurz vor dem Lager von zwei Posten erwischt wurde. Beide schlugen mit dem Gewehrkolben auf mich ein, schlugen mir auf den Kopf, auf die Schulter und ins Kreuz. Sie schlugen mich so lange, bis ich zusammenbrach, dann traten sie mich noch mit den Füßen. Ich weiß nicht mehr, ob ich geschrieen habe. Ich konnte nur noch denken: Sie werden mich jetzt totschlagen. Danach wußte ich nichts mehr. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein furchtbares Gefühl: Es stank entsetzlich, und ich bekam fast keine Luft in dieser Dunkelheit, die mich umgab. Die Posten hatten mich bewußtlos geschlagen md vermutlich geglaubt, ich sei tot, und hatten mich dann in einem Misthaufen verscharrt. Mit aller Kraft hob ich mich vom Misthaufen hoch, kroch auf allen Vieren bis zu einem Haus, wo mich fremde Lagerleute dann hineinzogen. Nach einer gewissen Zeit sagten sie zu mir: "Kind, du muß von hier verschwinden, denn wer weiß, vielleicht kommen die Posten noch einmal zurück und suchen nach dir." So schaffte ich mit Mühe und der Hilfe eines Jungen den Weg zu den Meinen."

Wie sehr manche Milizionäre es verstanden, die Menschen auch in ihrer Würde zu treffen, vermag ein weiteres Beispiel zu veranschaulichen, das ebenfalls Franz Apfel widerfuhr. Als er sich wieder einigermaßen bewegen konnte, ging er mit den anderen Kindern, die täglich Holz sammeln mußten, mit in den Wald, denn er hoffte, dort etwas zur Aufbesserung der schlechten und unzureichenden Lagerkost zu finden. Doch selbst eßbares Gras und die Kräuter, die sie in den Holzbündeln mit in die Unterkünfte nehmen wollten, durften sie nicht behalten. Zudem wurden alle, bei denen man etwas entdeckt hatte, noch schrecklich verprügelt. Einmal fanden die Posten bei ihm und anderen Gräser und Kräuter. Sie mussten sich alle nackt ausziehen, worauf die weggenommenen Sachen vor sie auf den Boden geworfen wurden. Dann mußten sie alle niederknien und, ohne die Hände benutzen zu dürfen, mit dem Mund vom Boden essen. Dabei riefen die Partisanenposten ununterbrochen: "Ihr deutschen Schweine, mehr seid ihr nicht wert."Das war so gemein und entwürdigend, daß viele zusammenbrachen. Sie durften weder reden noch schreien, sondern nur essen, essen. Dabei stand ein Posten hinter ihnen, der jedem mit einer Rute auf den nackten Hintern schlug, der zu essen aufhörte. Ihre Hinterteile waren ganz geschwollen und blutig, ehe die Posten endlich auftrörten und sie aufforderten, sich wieder anzuziehen, wobei man sie noch mit unflätigsten Beschimpfungen bedachte.

Es gab Wachposten, die sich gelegentlich Frauen und Mädchen aus der Gruppe herausnehmen und in ein Gebüsch zerren wollten. Einmal rief Franz Apfel einem Mädchen zu: "Lauf doch davon und lasse dich nicht belästigen!" Dafür bekam er derartige Hiebe mit dem Gewehrkolben, daß er nicht mehr gehen konnte. Prügel gehörten im übrigen zur Tagesordnung. Nicht selten sah man am Wege oder im Graben Frauen liegen, die furchtbar zugerichtet waren, manchmal waren sie auch tot.

Franz Janzer aus Rudolfsgnad war auch während der Lagerzeit Totengräber. Er bestätigt, daß Frauen gelegentlich auch sexuelle Gewalt angetan werden sollte. "Wir haben Erschossene und Erstochene begraben müssen, diese waren betteln in den Nachbardörfern. Die Männer hat man erschossen, die Frauen hat man gewaltsam erstochen, weil sie ihnen das Geschlecht nicht gegeben haben. Sie haben vier bis fünf Stiche gehabt.

Dr. K. F. protokolliert die Vorfälle in seiner nüchternen Art, wenn er schreibt: "Das Verlassen des Lagers war strengstens verboten. Lagerinsassen, die sich aus dem Lager hinausstahlen, um sich Lebensmittel zu verschaffen oder um zu flüchten, wurden erschossen, wenn sie bei der Tat ertappt wurden. Dasselbe passierte auch, wenn sich jemand in das Lager einschleichen wollte. Nach den ersten Erschießungen wurde das Schießen auf Lagerleute verboten, trotzdem fielen noch einzelne Lagerinsassen der Kugel zum Opfer. Es sind elf  Erschießungen für 1946 und drei für 1947 verzeichnet, alle außerhalb der Lagergrenzen; Ausnahmen waren zwei männliche Lagerinsassen aus Tschestereg, die im Frühjahr 1947 beim Absägen eines Baumastes von einem Volkspolizisten ertappt und innerhalb des Lagers aus 30 Metern Entfernung erschossen wurden. Die Todesfälle durch Erschießen wurden verzeichnet nach protokollarischer Aufnahme und nach der Leichenbeschau. Die Erschossenen waren alle von hinten, von der Rückseite, in Fluchtversuchstellung getroffen, nach der Einschußöffnung beurteilt.

Selbstmord verübten etwa elf Personen aus Verzweiflung. Dann sind einige Ertrinkungsfälle zu erwähnen. Vier bis fünf Geisteskranke wurden in eine Irrenanstalt eingewiesen. Jeder natürliche und unnatürliche Todesfall wurde registriert. Das von der Lagerverwaltung geführte Sterbematrikelbuch wurde nach der Auflösung des Lagers Rudolfsgnad nach Perlez verlegt.

Der Bunker

Nach dem aufschlußreichen Bericht Lorenz Barons über den "Bunker" besaß der "Stecken-Peter" auch einen deutschen Lagermann als Adjudanten, den "Vettr Franz". Diese Beiden verfügten über den Schlüssel für den Bunker und hatten offenbar große Vollmachten über das Geschehen im "Bunker", der ansonsten wenig bewacht wurde.  Es gab weder Eintragungen, noch Namenslisten und überhaupt keine Registrieung, ob oder wer im Bunker saß.

Im "Bunker" wurden Menschen eingesperrt, die beim Stehlen von Getreide aus den Magazinen oder beim Betteln in der umliegenden Gegend erwischt wurden.

Im "Bunker" gab es weder Essen noch Trinken. Solange das Kellerfenster offen war, konnte den eingesperrten Insassen  Lebensmittel  durch  Angehörigen, so sie welche hatten, zugesteckt werden. 

Die in Ungnade gefallenen Gefangenen saßen ohne eigenen Willen zu besitzen, wie scheue REhe im "Bunker" und warteten auf die Gnade von "Steken-Peter" oder auf den Tod.

Wenn man die Eingangstüre vom Hof her öffnete, so stand man vor der Kellertreppe. Auf der gegenüberliegenden Seite , also der Kirchstraße zu, war das Kellerfenster, welches mit Eisengittern versehen war.

Links der Treppe stand ein Holzfaß, welches als Toilette diente. Wenn nun jemand der Kellerinsassen einmal austreten musste, brauchte er nur an die Kellertüre zu klopfen. Einer der Kuriere öffnete die Kellertüre und man konnte in das daneben stehende "Brevett" gehen. Öffnete niemand, wurde das Holzfass benutzt.

Verantwortlich für die Kuriere war der gefürchtete "Stecken-Peter" aus "Selesch" und sein Adjudant der Vetter Franz. 

Eine unrühmliche Rolle spielte ein Donauschwabe, der als "Stecken-Peter" in die Geschichte des Vernichtungslagers einging. Eine Episode, erzählt von Magdalena Thüring aus Groß Gaj, mag das veranschaulichen: "Meine Mutter hat einmal herausbekommen, daß eine Paprika- und Sellerielieferung in die Partisanenküche kommen sollte. Die Gretel und andere Kinder haben auf die Lieferung gewartet. Als sie Gemüse vom Pferdewagen entwendeten, wurden sie dabei von den Partisanen ertappt. Sie konnten zwar wegrennen, wurden aber verfolgt. Mutter hat Gretel im "Bett" versteckt, aber sie wurde gefunden. Gretel und Mutter mußten mitgehen. Sie bekamen beide Stockschläge auf den Rücken. Ein Deutscher aus Nakowo/Banat war es, der seine Landsleute und Leidensgenossen im Auftrag der Partisanen verprügelte. Weil er immer einen Spazierstock bei sich hatte und sein schändliches Tun zur Zufriedenheit seiner Auftraggeber ausführte, wurde er von den Lagerleuten gefürchtet und gehaßt. Als "Stecken-Peter", auch als "Rote-Ass" war er allen im Lager nur allzu gut bekannt. Nach dem Verprügeln wurden alle Kinder entlassen, doch die Mütter kamen in einen dunklen Keller, in dem sie eine Woche lang bei Haferflocken und dünner Suppe ausharren mußten. Seit jener Zeit hatte Mutter ständig Wassersucht. Die Krankenschwester, die Anna-Neni, sagte, daß die Nieren sehr geschädigt waren."

"Besonders tragisch war", schreibt Josef Jerger aus Jabuka zu diesem unerquicklichen Thema, "daß sich auch deutsche Lageraufseher als kleine Götter aufspielten und ihre Landsleute schikanierten. Der deutsche Lageraufseher Vetter Peter oder "Rote Ass", wie er auch genannt wurde, ist einmal bei der Ausübung seiner Schikanen an den Falschen geraten. Ein Landsmann aus Jabuka (Apfeldorf), Schmied von Beruf, wurde bei der Rückkehr von einer Betteltour gefaßt und sollte, wie üblich, in den Keller eingesperrt werden. Weil er auf der Kellertreppe sitzenblieb und nicht nach unten in den dunklen Kellerraum gehen wollte, hat die "Rote Ass" mit dem Stock zugeschlagen. Unser Landsmann konnte den Stock an sich reißen und hat damit zurückgeschlagen. Die dabeistehenden Wachposten haben sich darüber köstlich gefreut, wie ein "Logorasch" (Lagerinsasse) einen ihrer Handlanger verprügelte, eingeschritten ist da keiner."

Vom Hohn auf das religiöse Empfinden der "Logorasche", die wieder einmal im Bunker saßen, und deren ungebrochene "schwäbische Schlauheit" (oder war es die Eingebung des Heiligen Geistes?) mag eine letzte Episode zeugen, die Franz Apfel miterlebte. Von einer Betteltour kommend waren sie erwischt worden. Nachdem man ihnen alles weggenommen hatte, wurden sie in den "Bunker"geworfen und in diesem eingesperrt. Dort waren schon so viele Leute, daß kaum mehr Platz für die Neuhinzugekommenen war. Im Keller war es dunkel und die Luft war schlecht. Plötzlich wurde die Kellertür aufgemacht und ein Partisan stand davor. Er hatte einen Stock in der Hand und befahl ihnen, ein "Lied von Hitler", wie er sagte, zu singen. Der Partisan begann zu dirigieren und schrie: "Singt Schwaben, singt!" Die Frauen begannen mit "Großer Gott, wir loben dich." Der Partisan unterbrach den Gesang und schrie, das sei kein Lied über Hitler, er wolle aber ein Lied "über Hitler" hören. Dann stimmten die Frauen das Lied "Gott ist die Liebe" an, aber im Marschtempo. Der Partisan mußte annehmen, daß es ein Marschlied sei und dirigiette mit Begeisterung. Und sie sangen mit Inbrunst und fühlten dabei auch, was sie aussprachen. In einer solchen Situation erkennt man erst richtig, wie sehr man doch am Leben hängt. Und er wollte noch nicht sterben, denn er war doch noch so jung.
Der Partisan verschloß sodann die Tür von außen und alle saßen im Dunkeln. Es dauerte lange, bis die Tür wieder aufging und es wieder hell wurde. Jeder schaute zum anderen, als wollte er sich überzeugen, daß dieser noch lebte. Niemand weiß, wie viele von denen, die sich damals im Keller befanden, bis zuletzt am Leben geblieben sind. Aber alle hofften, daß es irgendwann doch ein glückliches Ende nehmen würde. Auf einmal schrie der Partisan: "Wo ist jetzt euer Herrgott? Er soll doch kommen und euch herausholen und etwas zu essen herunterwerfen. Wenn es überhaupt einen Herrgott gibt, dann bin ich euer Herrgott. "Denn ich kann nun mit euch machen, was ich will. Und das werde ich auch!"

Unter Beschimpfungen und Einschüchterungen mußten sie dann den Keller verlassen. Mit dem Hinweis, daß jeder, der noch einmal erwischt wird, wenn er das Lager heimlich verlassen will, sofort erschossen wird, durften sie zurück in ihre Unterkünfte."

Die Lagerleitung und die Partisanen, die zur Wachmannschaft gehörten,waren im Gemeindehaus von Rudolfsgnad untergebracht. Außer jenen, die jeden Tag gestiefelt durch das Lager schlurften und mehr oder weniger streng ihre Vorschriften beachteten, den einen oder anderen, der etwas Verbotenes getan hatte, verprügelten oder - was mitunter auch vorkam - einmal bewußt wegsahen, wenn die Menschen in der Dämmerung mit gestohlenem Holz unterwegs waren, gab einen Strazaren, der manchmal epileptische Anfälle hatte und den sie den "Satan" nannten. "Was dieser Mann an Boshaftigkeit und Grausamkeit zustande brachte, läßt sich schwer beschreiben", erzählt Elisabeth Sch. "Es war aber gut, wenn die anderen Partisanen ihn gegen alles wüten sahen, was ihm unterkam, denn das dämpfte zuweilen ihre eigene Lust zum Quä1en."

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