Im Erholungsheim

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S. 744

Eine vierzehnjährige Jugendliche aus dem Banat berichtet, daß auch sie, wie viele andere, in das Vernichtungslager Rudolfsgnad verbracht wurde und nur das mitnehmen durfte, was sie am Leibe trug. Die in Rudolfsgnad angekommenen Menschen wurden in die leerstehenden Häuser eingewiesen, wobei in den einzelnen Zimmern so viele Leute untergebracht wurden, wie auf dem Fußboden nebeneinander liegen konnten.

Die Verpflegung der Lagerleute bestand aus drei Wassersuppen und einem Stück Brot für den ganzen Tag bei schwerer Arbeit auf den Feldern. Zuerst verhungerten die alten Leute. Die Todeszahlen stiegen von Tag zu Tag und erreichten im Winter ihren Höhepunkt. Die überlebenden Kinder blieben oft allein und wurden in unbekannte auswärtige Kinderheime gebracht, wo sie ihre deutsche Muttersprache vergaßen und von ihren Eltern nichts mehr hörten. Lagerleute, welche die Möglichkeit hatten, bei auswärtigen Bauern zu arbeiten, konnten sich vor dem Verhungern retten. Wer aber zum Arbeiten schon zu schwach war, kam in das sog. "Erholungsheim", wo die Menschen ohne ärztliche Hilfe und Krankenpflege den Hungertod starben.

Eines Tages hörte sie, daß sich ihre Freundin Maria auch im "Erholungsheim befand. Jeder im Lager wußte, was das bedeutete. Sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, daß dieses früher blühende Mädchen in einem solchen, "Erholungsheim" auf seine letzte Stunde warten sollte. Sie entschloß sich daher das Mädchen dort zu besuchen. Als sie in die Stube eintrat, sah sie Menschen, zu Skeletten abgemagert, in zwei Reihen auf dem Boden liegen. Aus ihren hohlen, leeren Augen sprach die Apathie des nahenden Lebensendes. Sie suchte ihre Freundin und fand sie am Ende der Reihe liegend. Bis zur Unkenntlichkeit abgemagert, lag diese unbeweglich vor ihr. Sie schaute der Freundin in die Augen, matt aufflackerten, als die Freundin sie erkannte. Sie kniete neben sie hin nahm ihre entkräftete Hand in die ihre. Sie hörte, wie die Freundin leise sagte: "Lissi, Du bist schön." Erschüttert streichelte sie der Freundin über das Haupt, Tränen rannen ihr über die Wangen. Wie könnte sie es jemals begreifen, was aus diesem einst blühenden donauschwäbischen Bauernmädchen geworden war.

Am nächsten Tag ist sie tot. Sie liegt draußen im Massengrab auf der Teletschka bei Rudolfsgnad. Mit ihr fanden Tausende von unschuldigen Menschen den Hungertod. Sie liegen vereint im Massengrab.


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