Hungerkost

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.731-733

"Am Anfang verteilte man Kesselkost. Die Ernährung bestand aus  Maisschrotsuppe,  Polentabrei, Maisbrot und Tee, jedoch von allem so wenig, daß es für die bescheidensten Ansprüche viel zu wenig war, und dazu noch ohne Salz. Es hatte Tage gegeben, an welchen nicht alle Lagerinsassen Verpflegung erhielten. In einer Woche des Winters 1945/46 bekamen die Lagerinsassen gar nichts an fünf unmittelbar aufeinanderfolgenden Tägen, da der Intendant heiratete und daher die Zeit zur Austeilung von Lebensmitteln scheinbar nicht ausreichte. Für den Monat Januar 1946 erhielten die Lagerinsassen an Verpflegung beiläufig 7 Gramm Salz wd 223 Gramm Maisschrot pro Person, kein Schmalz, kein Brot. Wenn die Verpflegung fehlte, ging man über zur Ergatterung und Verwertung der auf den Hausböden noch befindlichen Kornreste, trotz strengen Verbotes. Die Kornreste wurden mit Steinen zerklopft und auf Zementtrögen mit einem Stein verstohlenerweise verrieben. Um ihre Not zu lindern, stahlen sich vereinzelte Lagerinsassen, von Hunger getrieben, aus dem Lager hinaus, um noch entbehrliche Kleider für Lebensmittel zu tauschen. Manche wurden dabei erschossen. Hunde und Katzen fielen dem Hunger der Lagerinsassen zum Opfer, sogar Tierkadaver wurden nicht gescheut."

Selbst die kleinen Kinder, Säuglinge und stillende Mütter bekamen nicht mehr und nichts anderes. Diese geringen Mengen wurden im übrigen in rohem Zustande verabreicht. Gekochte Nahrung gab es Monate hindurch nicht. So mußte sich jeder selbst helfen, wie er konnte, um seinen quälenden Hunger einigermaßen zu stillen.

So berichtet auch der aus Stanischitsch stammende kath. Pfarrer Johann Nuspl, der ebenfalls die Schrecken des Vernichtigungslagers Rudolfsgnad  kennenlernen mußte, von zwei Müttern von vier bis fünf Kindern, die bei dem Versuch, nach einem Bettelgang in das Lager zurückzukommen, von den Wachen erschossen wurden.

Gleichwohl wurden aber die deutschen Frauen und sogar die Kinder vom Lager aus täglich langen Kolonnen schon beim Morgengrauen zur Zwangsarbeit getrieben. Sie mußten im Walde Holz machen und andere Schwerstarbeit verrichten.

Anfangs teilte man noch die übliche Lagersuppe aus, im Winter 1945/46 gab es auch diese nur mehr selten, und die Leute faßten rohen Maisschrot (insgesamt etwa 2,5 kg pro Monat), den sie roh essen oder, wenn sie Brennholz fanden, selbst zur Suppe verkochen mußten. Bald gab es im ganzen Dorf keine Zaunlatten, Hambarholzteile und Obstbäume mehr; die Leute rissen nachts -
ständig in Gefahr, erschossen zu werden - von Ställen, Nebengebäuden und Hütten die Holzteile, suchten nach Pferdemist und Kuhfladen, die sie zu Kugeln formten und für den Winter trockneten, denn wenn es wieder monatelang in der Lagerküche nichts Gekochtes gab, mußten sie selbst ihren Maisschrot - mit Brennesseln, Besenreisig, Klee oder genießbaren Grasblättern "aufbessernd" - zu kochen versuchen und damit den Magen füllen.In der Anfangszeit fanden manche auf Dachböden, in Schuppen und Kukuruzhambars, in den Ecken und Ritzen Fußbodenbrettern einzelne Weizen- und Maiskörner oder Bohnen. Die Fundorte wurden jedoch bald allzu bekannt, und es strömten zu viele hin. Diese fast wertlosen Kornreste wurden wie ein Schatz gehütet und in gefundenen Schrotanlagen heimlich zermahlen. Bald jedoch entdeckten die Wächter die"Schroter", verprügelten sie, und viele wurden bei völligem Entzug von Verpflegung tagelang in vergitterte Keller oder in den ,Bunker' gesperrt. Noch immer aber waren da und dort Kornreste. Bald entdeckten Lagerleute den Segen der Steintröge, wie sie in den Schweineställen mancher Häuser zu finden waren. Der Trog wurde gereinigt und mit einem Stein "schurwelte" man nicht nur die wenigen gefundenen Körner sondern auch die löffelweise gefaßte Blaugerste. Wer keinen Steintrog hatt, versuchte sein Glück in einer Mühle. Bei Todesstrafe war es verboten, das Lager zu verlassen. Dennoch fanden viele den Weg durch die Postenketten "am Damm" besonders nachts. Einige Zeit tauschte der Müller die Körner gegen lächerlich wenig Mehl, bis die Partisanen auch hinter diese Schmuggelei kamen. Eine ganze Reihe von Lagerinsassen wurde bei den verbotenen Ausgängen überrascht und erschossen. Am nächsten Tag fanden die zur Arbeit Ausziehenden die erbärmlich zugerichteten Leichen der aufgegriffenen Frauen, die von den Partisnanen zuerst auf gräßlichste Weise mißhandelt worden waren.

Ab Dezember 1945 wurden die Zustände im Lager Rudolfsgnad zusehends schlechter. In ihrer Not verschlangen die Menschen alles, was ihnen in die Finger kam. Zuerst verschwanden die Hunde und Katzen, und wenn ein Stück Vieh verendete, standen oft bis zu tausend hungernde Lagerleute an und drängten sich ein Stück von dem Kadaver abzuschneiden. Um die von den Partisanen wegeworfenennen Melonenschalen rauften sich die Kinder und verschlangen sie gierig, wohl wissend, daß solche zweifelhaften Genüsse die geschwächten Mägen und Gedärme angriffen und zu Dauerdurchfall führten. Was die Menschen allein an Durchfall zu erleiden hatten, ist unbeschreiblich. Er nahm den Menschen die letzten Reste ihrer Kraft, und in seinem Gefolge stellten sich andere Krankheiten ein. Einmal von Durchfall und Ruhr befallen, gab es nur in seltenen Fällen ,Rettung'. Weil monatelang kein Brennmaterial und damit auch keine gekochte Verpflegung zu haben war, starben die Menschen in diesem Winter zu Tausenden. Als etwa zwei Monate nach dem Massensterben im Frühjahr 1946 in der Lagerküche wieder gekocht wurde, empfand man das als lange nicht gekannte Wohltat. Die Suppe aus Erbsen und Gerste war für jene, die diesen schlimmen Winter überstanden hatten, Inbegriff der Köstlichkeit. Als es auch etwas mehr Schrot und im Sommer gar reife Beeren gab, keimte neue Hoffnung auf. Doch waren die Menschen so schwach geworden, daß sie sich, wenn sie auf Arbeit gingen, kaum auf den Beinen halten konnten.

Eine sichtbare Verringerung der Deutschen in Rudolfsgnad brachte den Überlebenden mehr Platz. Es wurde leer in den Zimmern der Häuser. Ab 1947 wurden die Verpflegungsrationen etwas verbessert, allerdings für die ausgehungerten Lagerinsassen kaum spürbar. Auch war die 1946 für Serben und Lagerfreie gestattete Paketaktion inzwischen lockerer gehandhabt worden, und viele, die bekannte oder verwandte Serben hatten, wurden zeitweise beteilt. Dabei fielen auch Für Zimmergenossen, die keine Pakete bekamen, Kleinigkeiten ab, was manchem ausgezehrten Menschen das Leben rettete. Sogar von Amerika trafen damals Pakete ein; dort lebende Angehörige hatten von dem Elend in Rudolfsgnad erfahren. Welche unbeschreibliche Festtage für das ganze Zimmer, wenn solche Sendungen wie ein Wunder ins Haus schneiten! Der Zusammenhalt unter den Leidensgenossen eines Hauses war in vielen Fällen so innig, daß keiner leer ausging, auch wenn dann dem Spender nicht mehr soviel blieb. Auch die Care-Aktion und das lnternationale Rote Kreuzwaren Ende 1947 bereits auf dem Plan und beteilten einige Lager.

Wie schon erwähnt, war der Besitz eines Steintroges zum Körnermahlen eines der wichtigsten Reichtümer eines Lagerhauses, und weil wieder Weizenkörner,Gerste und Mais in kleinsten Mengen zu bekommen waren, wenn man Tauschgüter hatte, standen die Leute bei jedem "Haus mit Trog" in Schlange und warteten kauf, zum "schurweln" dranzukommen. Trotz leichter Besserung der Lage lebten die meisten weiterhin äußerst bescheiden fort und sparten, wo immer es ging, weil man dem Frieden nicht traute. Was sie sich vom Munde hungerten, taten sie in aus Lumpen genähte kleine Säckchen und hängten ihre "Reichtümer" wegen der Ratten- und Mäuseplage an die Zimmerdecke. An den Wänden der inzwischen  schon sehr desolaten Räume standen und hingen jene Dinge, die ihnen in diesen schweren Jahren zu Kostbarkeiten geworden waren: feste Schuhe, meist von Toten geerbte Mäntel und Überkleider, die ,Lawur' (Waschschüssel), der Gehstock, aber auch Töpfe, Schachteln, Besen und gestohlenes Holz."

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