Eine Hungermühle mahlt den Tod

Auszug aus  "Ein Volk ausgelöscht" Die Ausrottung des Donauschwabentum in Jugoslawien in den Jahren 1944 bis 1948  von Leopold Rohrbacher herausgegeben vom Forschungsinstitut für Fragen der Heimatlosen im Eigenverlag des Autors Salzburg  1949;  S. 103 - 116

Am linken Ufer der Theiß, dort wo diese in die Donau mündet,  haben die Behörden des neuen jugoslawischen Staates im Jahre 1945 die frühere deutsche Gemeinde Rudolfsgnad (Knicanin) zu einem besonders großen Konzentrationslager gemacht. Die Bewohner der Gemeinde waren beim Rückzug der deutschen Truppen aus dem Banate evakuiert worden und die Siedlung selbst ist im Laufe der Kampfhandlungen teilweise auch zerstört worden. 23.000 Volksdeutsche aus dem Banate, meist Frauen und Kinder, wurden nach der Vertreibung aus ihren Dörfern von den Partisanen im Herbst 1945 hierher gebracht und hier in den Ruinen und verlassenen Häusern von Rudolfsgnnd zusammengedrängt.

Die ersten trafen am 30. Oktober 1945 hier ein. Es war die Bevölkerung von Kathreinfeld und die dort untergebrachten arbeitsunfähigen und kranken Leute aus den verschiedenen Banater Lagern. Die Gegend ist von jedem Verkehr mit der Umgebung abgesperrt worden. Von dem Schicksal dieser Leute ist lange nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. Niemand durfte schreiben oder Post empfangen. Kein Mensch durfte sie besuchen. Deutsche Menschen wurden hier in Massen liquidiert. Man ließ sie einfach verhungern. Schon im Laufe einiger weniger Monate sind über 7000 gestorben. Gerade während der kältesten  Wintermonate hat man ihnen fast garnichts zu essen gegeben. Jahre hindurch durfte niemand von auswärts Lebensmittel senden oder bringen. Im Dezember 1945 - also schon viele Monate nach dem Kriege - haben die Lagerbehörden an den vier unmittelbar aufeinanderfolgenden Weihnachtsfeiertagen vom 24. bis 27. Dezember überhaupt keine Nahrung ausfolgen lassen. Im Monat Januar 1946 erhielten sie insgesamt im ganzen Monat pro Kopf nur 7 dkg Salz und 223 dkg Maisschrot. Es waren dies meist mit den Kolben zusammengeschrotete Maiskörner, wie sie üblicherweise früher den Schweinen verfüttert wurden. Kein Fettstoff, kein Brot, überhaupt sonst garnichts. An vielen Tagen und einmal sogar auch an fünf unmittelbar aufeinanderfolgenden Tagen wurde in diesem Monat überhaupt keine Nahrung, also auch nicht einmal Mais ausgegeben. Im Monat Februar 1946 betrug die Gesamtnahrungsmenge die an einzelne Menschen in diesem Laqer ausgefolgt wurde, überhaupt nur 220 dkg pro Person und bestand fast nur aus gewöhnlichem Maisschrot. Auch die kleinen Kinder und deren stillende Mütter bekamen nicht mehr und nichts anderes. Brot hat es schon vom November 1945 angefangen bis Juli 1946 also acht Monate hindurch, überhaupt keines gegeben, ebenso Salz.

 
Über die Verhältnisse in Rudolfsgnad berichtet eine Frau, die mit den ersten nach Rudolfsgnad kam, folgendes: "Anfangs gab es noch die übliche Lagersuppe zu essen, bald aber auch nicht einmal mehr diese. Im Winter wurde die Suppe nur mehr selten gekocht, so daß es oft lange Zeit nur rohen Maisschrot zu essen gab. Die Maiskörner waren meist mit dem Kolben zusammen geschrotet worden. Insgesamt 2 1/2 Kilogramm solchen Schrotes gab es pro Kopf und Monat und weiter nichts. Wir kochten uns damit Suppe, die meist auch ungesalzen blieb, weil wir Salz nur selten bekamen. Auf den Dachböden konnte man damals noch kleinere Mengen Weizen, Mais, Bohnen oder sonstwas finden. Es war meist wertloses Korn, das dort liegengeblieben war. Die Verwertung dieser wertlosen Kornreste war strengstens verboten. Heimlich wurden alte und unbrauchbare Schroter so weit instandgesetzt, dass sie in Betrieb genommen werden konnten. Als diese heimlichen Schrotanlagen dann bald entdeckt wurden, wurden deren Benützer geschlagen und für einige Tage in einem Keller eingesperrt. Jetzt wurden die einzelnen Körner mit Steinen zerkolpft aber auch bald die Entdeckung gemacht, daß man die Körner auf den Zement-Schweinetrögen mit einem Stein ganz gut auch zu Mehl verreiben konnte. Das Vorhandensein eines solchen Schweinetroges in einem Haus war dann für eine gewisse Zeitsymbol des "Wohlstandes". Es dauerte aber nicht lange, da war einfach kein Körnchen mehr zu finden.

Was diese Art von Ernährung den Eltern mit Kindern Leid bereitete, kann vielleicht am besten folgender Begebenheit entnommen werden: Nach einigen Monaten Abwesenheit kam der Großvater eines kleinen Kindes bei der Verlegung seiner Arbeitergruppe wieder an Rudolfsgnad vorbei. Die Arbeitergruppe machte über Nacht dort Station. Sie wurden in einem entlegenen Haus untergebracht und es wurde ihnen verboten, zu ihren Angehörigen ins Lager zu gehen. Eine Großmutter fand mit ihren Enkelkindern heimliche Wege, um sich mit dem Großvater zu treffen. Als sie sich ins Elend verstoßen und nach vielen Monaten der Trennung wieder sahen, brachen sie alle in Tränen aus. Einige Minuten konnte keines von ihnen ein Wort sprechen. Die Kinder hängten sich dem alten Großvater an den Hals, bis dann eines von ihnen Mut faßte und dem Großvater sein Herz ausschüttete. "Otta" sagte es, "wir haben doch immer so Hunger und die Oma gibt uns gar kein Brot". Die Worte eines unwissenden Kindes klagten eine Großmutter an, ohne daß sie schuld gewesen wäre.

Wer auf Arbeit war, sich dort irgend etwas zu essen ergattern konnte und sich versucht fühlte, den kostbaren Schatz eines Stückchen Brotes ins Lager hineinzuschmuggeln, bekam Prügel und wurde eingesperrt. Als Arrest dienten Keller, dann Zimmer mit vermauerten Fenstern und im Sommer auch Dachböden. Wer darin gegesperrt war, bekam nichts zu essen und zu trinken. Im Sommer waren die heißen Dachböden als Arreste besonders gefürchtet. Die dort herrschende Hitze und der damit verbundene Durst konnten Menschen wahnsinnig machen.

Die ersten Opfer des Hungers waren die Hunde und Katzen des Ortes. Als im Winter 1945/46 das große Hungern seinen Anfang nahm, verschwanden zuerst diese Haustiere. Alle anderen hatten die Partisanen unter ihre Verwaltung genommen, so dass den Zehntausenden hungernder Menschen nichts anderes übrig blieb, als nach diesen Tieren zu griefen, sie zu schlachten und mit ihrem Fleisch den Hunger zu stillen. Wenn eine Katze von irgendwo im Ort auftauchte, wurde sie gleich von vielen verfolgt, gefangen, geschlachtet und aufgegessen. So hat sich einmal eine Katze in das Haus verirrt, in dem ich mit meinen Angehörigen wohnte. Weil wir im Hause soviel Mäuse hatten, band ich sie mit einer langen Schnur an. Als ich einmal kurz weg war, hatte sie sich losgerissen und war verschwunden. Ich ging in die Nachbarhäuser suchen. Schon als ich in das erste haus kam, sagte man mir dort, dass sie schon geschlachtet und abgezogen sei und auch schon koche.

Im Jahr 1946 war eines Tages einem der Angestellten des Lagerkommandos, die alle im Gegensatz zu den Lagerleuten im Überfluß schwelgten und auch Hunde hielten, denen es besser als den deutschen Menschen ging, ein gut genährter Hund verschwunden. Sogleich wurden die Lagerleute verdächtigt, ihn aufgegessen zu haben. Es wurden Drohungen laut und das Kommando versprach demjenigen eine besondere Belohnung in Lebensmitteln, der verraten würde, wer diesen Hund gefangen habe. Es wurden auch überall die Schnecken gesammelt und genossen und auch Kleepflanzen, wo immer sie noch wuchsen, ausgerupft und als einzige grüne Kost gegessen. Obwohl das Verlassen des Lagers auch noch zu Beginn des Jahres 1948 unter Androhung der Todesstrafe verboten war, sind oft und oft Mütter, die den Hungertod ihrer kleinen Kinder nicht erleben wollten, zur Nacht durch die dichte Reihe der Wachtposten geschlichen ud haben Kleider der im Lager gestorbenen Angehörigen in serbische und ungarische Nachbarortschaften gebracht und dort gegen Lebensmittel eingetauscht. Viele, viele solcher Mütter wurdenauf der Rückkehr ins Lager von den Posten erschossen und später mit fürchterlichen Verletzungen als Leichen in irgend einem Graben aufgefunden.

Eine der Frühjahrsarbeiten war das Hereintragen des im Winter im Sumpf geschnittenen Rohres. Den ganzen Winter mußten die Männer hinaus in den Sumpf und dort das Rohr schneiden. Nachdem es abgelegen war, mußten die Rohrbündel im Frühjahr in den Ort gebracht werden. In endlosen Kolonnen zogen die Rohrträger, von den Partisanen bewacht und begleitet, oft 1000 und mehr nacheinander, mit den Rohrbündeln beladen in den Ort, um dann gleich wieder umzuwenden und wieder welche zu holen.  Überhaupt mußte alles mit der schon längst entschwudenen Kraft der Menschen bewerkstelligt werden. Der Totenwagen wurde von Menschen gezogen und geschoben, ebenso der Wagen mit dem Schrot. Das war so im Winter und im Sommer und ohne Rücksicht darauf, ob die Wagen durch den Kot, Schnee oder sonstwas gezogen werden mussten.

Im Frühjahr 1946 wurde wieder in der Lagerküche für das lager gekocht. Es war jetzt Suppe mit Erbsen oder Gerste. Auch Schrot gab es etwas mehr. Im Frühsommer gab es auch reife Maulbeeren. Die Leute mußten auch wieder auf die Arbeit gehen. Sie waren aber meist so matt, dass sie kaum die Beine heben konnten. Wenn man sich nach langer Zeit beim Essenfassen mit Bekannten traf, hat man sich oft gar nicht gleich erkannt, so verändert sahen die Leute aus. Nicht das nur die lumpigen Kleider sie entstellt hätten, es waren auch alle so abgemagert, dass sie vollkommen entstellt waren. Etwa 8000 waren zu diesem Zeitpunkt schon gestorben, es wurden aber immer neue, die arbeitsunfähig oder krank geworden waren, aus den anderen Lagern nach Rudolfsgnad gebracht, so daßnoch immer gegen 20.000 Menschen in dem Ort beisammen waren.

In den Höfen lagen damals noch die großen Düngerhaufen. Plötzlich wurde eines Tages verkündet, daß die Bewohner eines jeden Hauses sofort ein großes Loch zu graben, den Dünger hineinzuwerfen und die Löcher wieder mit Erde zu bedecken hätten. Es dauerte nicht lange - man wartete offenbar so lange, bis dieser Befehl in den meisten Häusern durchgeführt war -, da wurde wieder anbefohlen, daß der Dünger, weil man ihn auf dem Felde benötige, wieder auszugraben sei. So peinigte man die Menschen und plagte, sie mit schweren Arbeiten, nur um ihnen auch die letzten Kräfte, die ihnen hie und da noch geblieben waren, mit schwerer und zweckloser Arbeit wieder auszulaugen.

In dieser Zeit verschlimmerte sich besonders die Not mit dem Brennmaterial. Für die Lagerküche mußten die Leute das Brennmaterial aus dem Wald auf dem Rücken in den Ort tragen. Als es dann beim Nachlassen der Arbeet im Herbst auch wieder weniger zu essen gab und in der Lagerküche auch wieder nicht gekocht wurde, mußte jedes trachten, wieder selbst was zuzubereitn. Da wurden die Zäune abgerissen, die Obstbäume abgeschnitten und oft auch aus Holz gebaute Ställe und Nebengebäude abgetragen und als Brennholz für den Winter vorbereitet.

In Zeiten, wo es im Lager nichts Gekochtes zu essen gab, versuchten viele selbst zu kochen. Wenn hier von Kochen die Rede ist so war das ein solches besonderer Art. Man hat schon devon gehört' daß Kinder, um ihren hungrigen Magen zu füllen, zuweilen auch schon Sand gegessen haben. So ungefähr verhielt es sich auch mit dem Kochen im Lager. Es wurden Besenreisig, Brennessel, Kräuter und andere einigermaßen genießbare Grasblätter gesammelt und gekocht. Das alles war etwas, womit man das gefaßte Quantum des Maisschrotes etwas vergrößern und den vor Hunger knurrenden Magen mit etwas, wenn auch meist nähr- und nutzlosem Zeug, beschäftigen konnte.

Wenn ein Stück Vieh verendete, sind bis zu tausend Menschen in das Haus gekommn, wo der Pferde oder Kuhkadaver lag, um sich ein Stück Fleisch loszuschneiden. Mit Messern ausgerüstet, drängten sie sich um den Kadaver herum, um an die Reihe zu kommen. Nicht lange dauerte es, da gab es keine Hunde und keine Katzen mehr. Sie waren alle abgeschlachtet und gegessen worden. Es trug sich einmal zu, daß ein Mutterschwein beim Austreiben der Schweineherde auf der Straße verwarf. Die toten Ferkel waren kaum einige Minuten gelegen und das Mutterschwein noch kaum entfernt, als die toten Ferkel schon wegetragen, gekocht und aufgezehrt wurden. Nicht selten sind dann auch diejenigen, die solches Fleisch genossen, davon krank geworden und manchmal auch gestorben. Um die von den Partisanen weggeworfenen Schalen von Melonen rauften sich Hunderte von Kindern und aßen sie gierig in ihre hungernden Mägen. Solche Genüsse hatten meist keinen anderen Wert, als daß sie dem hungernden Magen etwas zu verdauen gaben, aber meist auch zu Durchfall, Ruhr und dergleichen führten.

Was Menschen allein an Durchfall gelitten haben, ist unbeschreiblich. Jeder war einmal, wenn nicht auch öfter, von dieser Krankheit längere Zeit befallen. Er spülte in der Regel noch den letzten Rest an Kräften weg und wer nicht an Schwäche gestorben ist, wurde bald das Opfer irgend einer anderen Krankheit, die sich in seinem Gefolge einstellte. Täglich starben 50 und mehr Personen.

Von Durchfall einmal befallen, gab es davon nur selten noch eine Erlösung. Manche hatten ihn monatelang und, in einem stärkeren Maße Befallene, oft aüch ein halbes Jahr und länger. Dann aber waren die Kräfte in der Regel dahin, der Körper ausgelaugt und der Tod nahe.

Ungeheuer groß war die Zahl derer, welche an Durchfall zugrunde gegangen sind, denn die wenigen Nahrungsmittel, welche sie bekamen, wurden lage Zeit hindurch wie den Schweinen im rohen Zustande verabreicht. Durch Monate hindurch bekamen sie überhaupt keine gekochte Nahrung, denn für die Deutschen war kein Brennmaterial zum Kochen vorhanden. Jeder mußte sich helfen, wie er konnte, oder zugrunde gehen. Gleichzeitig aber wurden die Frauen und selbst Kinder unter zehn Jahren täglich in langen Kolonnen schon beim Morgengrauen auf Zwangsarbeit getrieben. Sie mußten vielfach im Walde Holz machen. Dieses Holz aber wurde von den Lagergewaltigen nach auswärts geliefert. Den Lagerleuten selbst aber war es streng verboten, für sich selbst Holz zu sammeln, um sich zum Kochen Feuer machen zu können. Viele, die beim Holzsuchen angetroffen wurden, sind sogleich erschossen worden.

Versuche, sich aus dem Lager hinauszustehlen, um im Walde Holz oder Brennmaterial zu holen, waren nicht weniger gefährlich als die zur Beschaffung von Lebensmitteln. Wer vor Hunger und Frost nicht sterben wollte, mußte sich Mißhandlungen gefallen lassen, und nicht selten wurden Leute auf dem Felde mit dem Holzbündel in den Armen abgeschossen. Ganz besonders erschütternd war das Schicksal eines 60jährigen Kriegsinvaliden aus dem ersten Weltkrieg namens Peter U h L aus -Werschetz, der, um seinen vier kleinen Enkelkindern, für die sonst niemand sorgte, den gefaßten Maisschrot kochen zu können, am Theißdamm angeschwemmtes Holz suchen wollte. Er mußte niederknien und wurde von den Partisanen ohne Vorfahren durch zwei Schüsse getötet. Den Lagerleuten war es auch ausdrücklich verboten, Sägen oder Hacken zum Holzzerkleinern zu besitzen. Bei wem solche Werkzeuge gefunden wurden, wurde grausam bestraft.

Um diese Zeit kam auch ein achtzehnjähriger junger Mann in das Lager und fand hier seine Mutter und jüngere Schwester. Er freute sich so, daß er sie nach der langen Trennung, wo sie nichts von einander wußten, wieder gefunden hatte. Er schwor, alles zu versuchen, um nicht mehr von seiner Mutter und Schwester wegzukommen, und weil sie kein Holz zum Heizen hatten, besprach er sich mit einem Manne, am nächsten Morgen frühzeitig auf der Straße einen Maulbeerbaum abzuschneiden und seiner Mutter Holz zu machen. Sie hatten sich erst eine Weile an dem Baum zu schaffen gemacht, als sie von einem Partisanen bei ihrer verbotenen Tat gesehen wurden. Er schlich sich in ihre Nähe heran und gab aus seinem Gewehr zwei wohlgezielte Schüsse auf sie ab. Sie waren beide auf der Stelle tot. Wozu diese Not an Brennmaterial und zu welchen Einfällen sie Veranlassung bot, erkennt man am besten daran, daß sich die Leute in der Nähe der Kuhherde aufzuhalten bestrebt waren, und wenn eine Kuh mistete, sich gleich daran machten, den frischen Mist aufzuklauben, daraus kleine Ballen zu machen, um ihn trocknen zu lassen und im Winter als Brennmaterial zu verwenden. Die ganzen Winter hindurch wurde nämlich nichts zum Heizen ausgefolgt und wer sich nichts beschaffen konnte, mußte Tag und Nacht in der Stube frieren. Jedes Blatt und jedes Gräschen wurde im Sommer gesammelt, getrocknet und im Winter als Brennmaterial verwendet. Es trug sich zu, daß beim Düngerfahren einmal eines der Pferde nicht mehr ziehen wollte. Der Fuhrmann band die Pferde los, um sie in den Stall zu führen und ließ den Wagen auf der Straße stehen. Bis er mit anderen Pferden wieder zurückkam, hatten die Leute den ganzen Dünger weg- und in ihre Quartiere getragen, um ihn als Brennmaterial zu verwenden.

Die bittere Not des langen Hungerns trieb auch jetzt wieder immer mehr Mütter auch dazu, sich nachts aus dem Ort hinauszuschleichen und in den serbischen und ungarischen Orten der Umgebung zu betteln. Hie und da hatten solche, die aus anderen Lagern nach Rudolfsgnad gebracht worden waren, noch das eine oder andere gute Kleidungsstück. Diese wurden auf solchen nächtlichen Schleichwegen gegen Lebensmittel vertauscht. Bei wem Lebensmittel gefunden wurden, wurde oft wochenlang in Kellern, auf Dachböden oder sonstwo ohne Nahrung eingesperrt gehalten und meist auch fürchterlich geschlagen. Bevor solche Frauen eingesperrt wurden, mußten sie die auswärts erbettelten oder eingetauschten Lebensmittel mit einer Tafel durch das ganze Lager tragen. Auf die Tafel waren die Worte aufgeschrieben: "Wir haben diese Lebensmittel von euren Zuteilungen gestohlen." Wer an den Mißhandlungen nicht gestorben ist, ist durch das Hungern im Gefängnis und die Prügel in der Regel doch so stark herab gekommen, daß er sich nie mehr davon erholen konnte. Diese Frauen siechten langsam dahin, bis sie eines Tages doch starben. Nur selten hat sich eine wieder davon erholt."

Hungerödem, Flecktyphus rafften zeitweise Menschen nur so weg. Während der Hunger den Körper so vieler Tausender Menschen schwächte und ihre Widerstandskräfte zermürbte, breiteten sich zeitweise Thyphusepidemien aus, die jedes vorsteltbare Ausmaß auch abnormaler Verhältnisse übertrafen. Dyphtherie desgleichen. Einmal eingerissen, verfielen diesen gefährlichen und ansteckenden Krankheiten Kinder und Frauen in Massen. Nur selten ist hie und da eines wieder genesen. Aber auch andere Krahkheiten gab es, die im Lager in einer seltenen Häufigkeit auftraten. Eine solche war vor allem die Wassersucht. Es muß auf die Ernährung zurückzuführen gewesen sein, daß dieser an sich seltenen Krankheit so viele Menschen anheimgefallen sind. Eine Großmutter erzählte von der Wirkung, die der ständige Hunger und die Unterernährung auf die Kinder gehabt hat, folgendes: "Die Kinder saßen immer im Zimmer herum. Sie spielten nicht. Nichts hat sie angeregt. Teilnahmslos an allem, was um sie geschah, stierten sie oft lange wor sich hin, machten oft auch dann nur eine kleine Bewegung und verfielen dann wieder ihrer Freudlosigkeit. Sie kamen mir vor, wie kranke Kücken, die ihre Hälse einziehen, stundenlang auf einem Platze stehen und nur hie und da ein wehmütiges Piepsen von sich hören lassen. Ich schickte meine Enkelkinder oft hinaus an die frische Luft. Sie gingendann bis zur Tür, blieben dann gleich unter der Tür stehen und verfielen von neuem ihrer Teilnahmslosigkeit. Ich mußte sie schon an der Hand nehmen und mit ihnen auf und ab gehen, wenn sie etwas Bewegung machen sollten, aber auch dabei ließen sie sich mehr ziehen, als daß sie in kindlicher Freude und Beschwingtheit dabei mitgemacht hätten. Ließ man sie aus, da standen sie schon wieder oder setzten sich hin."  

Sehr viele Lagerinsassen erkrankten auch an Skorbut. Es war eine äußerst häufige Erscheinung, daß die kleinste Hautverletzung nicht mehr heilen wollte, sich als Wunde immer mehr ausbreitete. Dieser gesundheitliche Zerfall war häufig mit eitrigen Ausschlägen und Geschwüren gepaart. Es war eine Plage, die oft Ausmaße annahm, daß sie den Tod herbeiführte.

Meist waren es Frauen und Kinder - die Männer waren größtenteils schon vorher erschossen worden -, die Anfang 1946 in Massen zugrunde gegangen sind. Das Ende dieser Menschen war fast immer das gleiche: es schwollen ihnen die Füsse an, das Gesicht quoll aufund nach eingien Tagen trat der Tod ein. Auch der frühere deutsche Abgeordnete im rumänischen Parlament Dr. Peter Kausch aus Modosch ist in der ersten Zeit des großen Hungerns in diesem Lager am 24. Dezember 1945 den Hungertod gestorben.

Zum Hunger gesellte sich die Läuseplage, Reinigen konnte sich niemand. Seife gab es kein. Im Winter konnte die Wäsche nicht gewachsen werden, weil alle meist nur das besaßen, was sie am Leib trugen und die Wäsche im Winter nicht schnell genug wieder getrocknet wäre. Im Sommer trockneten die Brunnen aus und an die Bega oder Theiß durfte niemand Wasser holen gehen. Wie satanisch dieses Regime ausgedacht war zeigt am besten die zynische Begründung dieses Verbotes, "daß die Schiffe nicht mehr fahren könnten, wenn man aus den Flüssen so viel Wasser schöpfen würde".

Die Körper der Kinder waren meist voller Krätze. Konnten sich schon Erwachsene nicht reinigen und von der Läuseplage frei halten, um so weniger waren die Kinder diesem Ungeziefer gewachsen. Von Läusen und anderem Unrat zerfressen auf aufgekratzt bildeten sich an ihren Gliedern große Flächen nie heilender und immer mehr sich ausbreitender Krätze.

Für die Toten gab es kein Begräbnis. Es waren Männer bestimmt, die die Verstorbenen zu begraben hatten. Kein Priester durfte die Leichen einsegnen und kein Verwandter durfte ihnen das letzte Geleit geben. Anfangs konnten die Angehörigen noch kleine Holzkreuze mitgeben, die dann auch auf das Grab gesteckt wurden, später aber auch nicht mehr. Dann half man sich mit Flaschen, in die ein Zettel mit dem Namen des Verstorbenen gesteckt wurde und so dem Toten mit ins Grab gegeben wurde. Bald aber gab es auch keine Flaschen mehr.

Ärztliche Hilfe gab es keine. Wöchentlich kam ein russischer Arzt aus der Stadt, der innerhalb weniger Stunden 1000 bis 1200 Kranke besichtigte. Seine Krankenvisiten waren eine denkbar einfache Angelegenheit. Mit der Pfeife in dem Munde ging er durch die Räume, in den Kranke lagen. Nur selten fragte er jemand, was ihm fehle, untersucht oder geholfen hat er niemand.

Auch sonst war die Behandlung in diesem Lager überaus unmenschlich. Täglich wurden deutsche Frauen, welcheauf den Zwnagsarbeiten infolge von Unterernährung schwach wurden und nicht mehr arbeiten konnten, grausam und ganz unsinnig mißhandelt. Auch die katholischen Priester, die in diesem lager waren, wurden auf besondes schwere Zwangsarbeiten getrieben und roh behandelt. Der aus Filipovo stammende deutsche Franziskanerpater Titus wurde noch im Jahre 1947 von den Partisanen bei der Zwangsarbeit derart grausam geschlagen, daß er darauf aus vielen Wunden blutete und lange Zeit schwer Krank gelegen ist. Wie groß der Vernichtungswille der Behörden gegen die deutschen Zivilpersonen hier war, haben sie auch dadurch bewiesen, daß sie an einem der heißesten Tage des Jahres 1946 alle deutschen Lagerleute, ungefähr 20.000 Menschen auf die östlich des Lagers gelegene Hutweide getrieben haben. Dort mußten alle den ganzen Tag hindurch in der Sonnenglut in einem großen Haufen stehen. Man gab den Tausenden kleiner Kinder den ganzen Tag kein Wasser und niemand durfte zur Verrichtung der Not austreten. Alle mußte ruhig den ganzen Tag auf einem Platz stehen. Ein Massenaufgebot von schwerbewaffneten Partisanen ringsum aber hielt Wache und drohte, jeden zu erschießen, der seinen Platz verläßt.

Gottesdienste gab es keine und beten war verboten. Der evangelische Senior Wilhelm Kund aus Pantschowa, der älteste in Jugoslawien zurückgebliebene evangelische Pfarrer, auf den man es besonders abgesehen hatte, ist fürchterlich mißhandelt worden. Es wurden ihm schon vorher durch die Partisanen das Nasenbein eingeschlagen und drei Rippen gebrochen. Der unerschrockene Priester hat es trotzdem gewagt, heimlich mit den Lagerleuten zu beten. Er wurde von einer solchen Gebetsstunde von Partisanen weggeführt und mißhandelt. Das Gebetbuch wurd ihm weggenommen. Die Partisanen rissen ihm sogar Haare aus dem Bart und verspotteten ihn. Er wurde eingesperrt und ist bald darauf im Lager gestorben.

Zum Spott turgen die Partisanen einmal zur Nachtzeit aus der Kirch von Rudolfsgnad auch alle heilige Statuen heraus und stellten sie in der Nacht, als keiner von den Lagerleuten das Quartier verlassen durfte, mitten auf die Straße, welche durch das lager führte, als gingen die Heiligen durch das Lager spazieren. Man verspottete so die religiösen Gefühle der deutschen Gläubigen. Auch das große Steinkreuz, welches in Rudolfsgnad schon seit der Ansiedlung stand, wurd von den Partisanen mit Gewalt umgeworfen und in den Straßengraben geworfen. Tausend deutscher Kinder in diesem Lager aber mußten alles die ansehen. Für sie gab es keine Schule. Sie sollten keinen Herrgott kennen und keinen Lehrer haben und auch den eigenen Eltern wurden sie entfremdet.

Viele Kinder wußten gar nicht, wo ihre Eltern sind. Die Eltern vieler waren erschossen worden oder schon im Lager verhungert. Hunderte hatten auch keine Großeltern mehr. Nahe Verwandten oder Bekannten nahme sich ihrer an. Eines Tages wurden die Kinder weggenommen und in dem Schulgebäude und in Gasthäusern einquartiert. Das waren dann die Kinderheime. Sie waren mit Drahtzäunen eingefriedet. Die armen und verlassenen Kinder, die vielfach schon niemand mehr anderen auf der Welt als vielleicht noch ein altes Großmütterchen hatten, standen an den Drahtzäunen und weinten. Hatten bisher doch noch Großmütter oder verwandte Frauen für sie gesorgt und ihnen hie und da noch einen am eigenen Munde abgesparten Bissen zu essen gegeben, so gab es jetzt für sie nichts mehr als die Lagerkost. Daß der Tod von nun an in diesen Kinderheimen besonders reichliche Ernte hielt, liegt auf der Hand. Mit dem, was es zu essen gab, konnten erfahrene und erwachsene Menschen kaum was anfangen, geschweige diese sich selbst überlassenen Kinder. Sie schliefen auf den Fußböden und hatten nur selten Stroh für ihr Nachtlager. Eine Krankenschwester berichtet darüber folgendes: "Ich ging einmal vorbei, öffnete die Tür und sah die armen, ausgezehrten Knochenskelette von Kindern dort liegen: ihre Hemdchen - ein einziger zerissener Fetzen, zugedeckt mit den Lumpen ihrer Kleider. Täglich starben ihrer 30 und mehr. Jeden Tag fuhr ein Bauernwagen von einem dieser Kinderheime zum anderen und lud die toten Kinder auf. Ihre halbnachkten, nur noch aus Haut und Knochen bestehenden, ausgezehrten Körper wurden herausgetragen und wie Holzscheite auf dem Wagen aufgeschichtet und dann hins zum Totenloch gefahren. Dort wurden sie zu den anderen Toten hineingeworfen und am Abend mit Erde zugedeckt. Wenn man auf der Straße einem solchen Wagen begegnete, wußte man nicht, sollte man weg- oder hinschauen - es zerbrach einem so oder so das Herz.

Es dauerte nicht lange, da fuhren die Partisanen vor den Kinderheimen mit Lastwagen vor und luden die Kinder alle auf. Die Kinder und die Erwachsenen ahnten, daß die Kinder fortgeführt werden sollten und weinten und schrieen. Die einen, weil sie trotz ihres Elendes aus dem Ort nicht fort wollten, wo sie doch noch einen Großvater oder Bekannten in ihrer Nähe wußten, die anderen, weil sie nach dem Bisherigen auch für die Zukunft und das Schicksal der Kinder nichts Gute mehr erwarten konnten. Alles Schreien, Weinen und Wehklagen half nichts. So wie Lastwagen voll war, fuhr er weg. Insgesamt sind etwa 750 Kinder an einem einzigen Tag spurlos verschleppt worden. Allgemein war man der Ansicht , daß die Kinder nach Rußland geschafft würden. Viele alte Großmütter und Großväter konnten den Verlust ihrer Enkelkinder nicht mehr übers Herz bringen. Sie erhängten sich oder sie sprangen in die Theiß, um an das viele Leide, das sie inzwischen erleben mußten, nicht mehr denken zu müssen. Bei den Enkelkindern konnten sie nicht mehr sein und so schien ihnen das Weiterleben ohne Zweck, zumal es nur mehr aus Leid und Hunger bestehen konnte. Später hörte man daß die Kinder in serbische Orte verbracht wurden, wo sie in Erziehungsheimen und bei Privaten untergebracht und zu serbischen Kommunisten erzogen wurden.

In die leeren Kinderheime wurden dann später wieder die Kinder gebracht, denen inzwischen auch die Mütter oder Großeltern weggestorben waren und die niemand mehr aus der nächsten Verwandtschaft hatten, der sich ihrer angenommen hätte.

Die toten Deutschen durften nicht am Friedhof begraben werden. Wie das verreckte Vieh wurden sie an einem abseits gelegenen Platz außerhalb des Lagers auf der sogenannten "Teletschka" eingescharrt. Es wurden dort schon immer im Voraus lange Laufgräben gezogen. Täglich fuhr ein Bauernwagen fast ununterbrochen durch das Dorf und sammelte in den Häusern, in denen jemand gestorben war, die Toten. Sieben bis acht lud er jedesmal auf und führte sie dann in das Massengrab des Tages. Jeder Tag hatte so ein Massengrab. Wer einmal einem solchen Wagen begegnete, dem blieb das Herz still stehen, so ein Anblick war es, halbnackte Menschen mit ihren zu Skeletten abgemagerten Gliedern wie Holzscheite auf einem Bauernwagen liegen zu sehen und zu wissen, daß er tagaus, tagein und wahrscheinlich so lange durch diese Straßen fahren wird, sol lange auch nur ein einziger dieser Tausenden von Menschen lebt, die sich in diesem Ort befinden. Tags darauf kamen die neuen Toten dazu, und wenn ein Graben der ganzen Länge nach voll war, kam der nächste an die Reihe. An einem Tag des Monats Jänner 1946 waren es 113 Personen, welche auf einmal auf diese Art begraben worden sind. Grabzeichen durften nicht errichtet werden. Die Mütter durften ihre toten Kinder nicht begleiten und die Kinder nicht ihre toten Eltern. Niemand durfte wissen, wo das Grab seiner Liebsten ist.

Sobald einige tausend Lagerleute begraben waren und wieder Platz entstanden war, wurden aus den anderen kleineren Lagern, welche über das ganze Land verstreut waren, immer wieder neue Transporte mit Tausenden deutscher Frauen und Kinder hierher getrieben, um hier auf gleiche Weise vernichtet , sodaß andere Lager allmählich leer wurden und aufgelassen werden konnten. Dies dauerte bis Ende 1947 ununterbrochen so an. In dem selben Jahr sind einmal sogar aus der Untersteiermark 400 Menschen gebracht worden, die schon im Jahre 1946 von dort weggeschleppt und eine Zeitlang in einem Lager in Kroatien gehalten worden waren. Ein großer Teil von diesen waren österreichische Staatsbürger. Statt daß man sie aus der Untersteiermark nach Kriegsschluß über die nahe Grenze nach Österreich gelassen hätte, wurden Sie in das Sumpfgebiet der Theiß geschleppt. Nur 57 sind von diesen mit dem Leben davon gekommen. Mit Ausnahme von drei Männern waren alle übrigen Frauen und Kinder. Sie mußten bis zu Auflösung aller Lager im Jahre 1948 gleich den jugoslawischen Deutschen hier leiden, kamen dann ins Kriegsgefangenenlager nach Neusatz und wurden erst am 29. März 1948 nach Österreich reatriiert. Sie wurden an diesem Tag in einen Viehwaggon verladen.

Beschwerden gegen die unmenschliche Behandlung brachten keine Abhilfe. Sie hatten vielmehr nur Nachteile für die jenigen zur Folge, welche sich beschwerten. So hatten sich einmal im Jahr 1946 drei deutsche Frauen beim Lagerkommandanten darüber beschwert, daß sie von den ihm unterstellten Organen auf brutale Weise vergewaltigt worden seien. Wutenbrannt übergab der Kommandant gleich darauf alle drei Frauen den Partisanen, die sie mißhandelten, weil sich deutsche Frauen gegen slawische Partisanen wegen geschlechtlichen Mißbrauchs nicht hätten beschweren dürfen. Über Anordnung des Lagerkommandanten selbst aber wurden sie überdies noch neun Tage eingesperrt und bekamen die ganze Zeit nichts zu essen.

Auf diese Weise in ihrem brutalen Vorgehen gegen die Deutschen nur noch aufgemuntert, nahmen die Mißhandlungen und Erschießungen kein Ende. Es vergingen selten Nächte, daß nicht in irgend einem Teil des Lagers auf Deutsche geschossen oder deutsche Frauen von Partisanen mißhandelt worden wären. Und sehr oft fand man des Morgens Leichen deutscher Frauen mit Spuren schwerer körperlicher Verletzungen in irgend einem Teil des Lages liegen. Das Gefühl der Hilflosigkeit lastete so schwer auf den Gemütern vieler und trieb manche in Verzweiflung und zum Selbstmord. Um ihrem Leiden ein Ende zu machen, begingen sehr viele Selbstmord. Großmütter nahmen ihre Enkelkinder in die Arme und stürtzten sich mit ihnen in die Theiß.

Vom Frühjahr 1946 an konnten sich Private Arbeitskräfte aus dem Lager pachten. Sie hatten für eine Arbeitskraft an die Lagerverwaltung 50 Dinar pro Tag zu bezahlen. Diese Einrichtung - sie war zwar nichts anderes als ein Sklavenhandel wie zu alten Zeiten - hat vielen Menschen das Leben gerettet. Alle rissen sich darum, einmal verpachtet zu werden. Die Pächter waren oft serbische Freunde, die ihre Bekannten auf diese Weise für einige Zeit von dem Elend loskauften, oft aber auch sehr anspruchsvolle Ausbeuter, die sich vor dem Geschäft die so reichlich angebotene Ware genau ansahn, sie nach Muskelkraft abtasteten und sich über ihre Kenntnisse und Fertigkeiten informieren ließen. Jeder war aber froh, wenn die Wahl auf ihn fiel, denn wenn er auch oft schwer und viel hat arbeiten müssen, er konnte doch damit rechnen, sich wenigstens einigermaßen sattessen zu können. Als Sklve verkauft zu werden, war ein Glück und in tausend Fällen die Rettung des Lebens.

Um diese Zeit wurde der freien Bevölkerung auch gestattet, Pakete in das Lager zu bringen. Ein Haus wurde mit Stacheldraht von dem Lager abgesondert und dort konnten die Pakete abgegeben werden. Die serbischen und ungarischen Landsleute brachten von nun an ihren Bekannten, so gut sie konnten, Pakete mit Lebensmitteln und Kleidern. Sie haben manchem damit das Leben gerettet. In der Nähe des Pakethauses versammelten sich immer große Menschenmengen, die sehnsüchtigst dort darauf warteten, ob nicht ein edler Spender auch ihrer gedachte. Immer wieder trieben die Partisnanen diese Ansammlungen mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben auseinander. Mit den Spendern der Pakete durfte niemand sprechen. Die Pakete wurden von den Partisanen geöffnet und am nächsten Tage, meist schon halb leer den damit Bedachten übergeben. Was diese Pakete bedeuteten, erkennt man am besten aus der Schilderung einer alten Großmutter. Sie erzählt darüber folgendes: "Nach sehr, sehr langer Zeit bekamen wir ein Paket, in dem auch etwas Mehl enthalten war. Ich machte davon einen Teig, um für die Kinder was zu backen. Hundertmal fragten sie mich, ob es noch nicht gebacken sei, und als ich die Platte mit dem heißen Gebäck herauszog, mußte ich mit allen Kräften abwehren, damit sie sich an der heißen Platte nicht die Hände und mit dem Heißen Gebäck nicht die Mäuler verbrannten.

Bald trafen auch die ersten Pakete aus Amerika ein. Landsleute in Amerika hatten von dem Elend in Rudolfsgnad gehört und entschlossen sich, zu helfen. Wohl fehlte hie und da was davon, aber man bekam immerhin etwas. Soweit es Kleider waren, mußten sie auf nächtlichen Schleichwegen hinausgeschafft und gegen Lebensmittel vertauscht werden. Diese Hilfe aus Amerika, oft klein und oft nur für Tage spürbar, war das Schönste, was die Menschen in dem Lager seit Jahren erlebt hatten.

Seitens der Behörden wurde immer verkündet, daß bei den Besprechungen der Großmächte in Yalta die Aussiedlung der Volksdeutschen aus Jugoslawien nicht beschlossen worden sei. Das neue Jugoslawien habe dort vielmehr das Recht erhalten, mit seinen Deutschen zu machen, was es wolle. Sie seien vogelfrei und sie hätten daher daher nur mehr zu arbeiten und im Lager, aus welchem sie nie mehr freigelassen würden, zu sterben. In dieser verzwifelten Notlage wandte sich im Sommer 1946 der einstige deutsche Abgeordnete Dr. Wilhelm Neuner, der sich auch indiesem Lager befand, in schriftlichen Beschwerden, wleche auf der Post eines Nachbarortes aufgegeben worden waren, sowohl unmittelbar an den jugoslawischen Staatspräsidenten als auch an die in Belgrad akkredierten Botschafter der Großmächte. Er verlangte, daß dem ständigen Morden von unschuldigen deutschen Zivilpersonen, nur weil sie wegen ihrer Staatenlosigkeit nirgends Schutz fanden, im zweiten Jahre nach dem Kriege endlich Einhalt geboten werde. Das Lagerkommando erfuhr davon. Der Beschwerdeführer wurde am 8. August 1946 aus dem Quartier geholt und ihm nach kurzem Verhör in Anwesenheit der gesamten Lagerverwaltung wegen dieser Beschwerde das Todesurteil verkündet, das nicht durch Erschießen, sondern in der Weise vollzogen werden sollte, daß er in einen Keller zu sperren sei und dort ohne Nahrung so lange zu beliben habe, bis er verhungere. In Vollstreckung dieses Urteils wurde Dr. Neuner sofort in einen kleinen, dunklen Keller gesperrt, in dem er weder stehen noch liegen konnte. Der Keller war niedrig und naß. Nach elf Tagen wurde er nach Belgrad in das Gefängnis der OZNA gebracht. In bezug auf die Verhältnisse und Behandlung im Lager hatte diese Beschwerde nur den einen Erfolg, daß einige Funktionäre des Lagers von Rudolfsgnad in andere lager versetzt wurden und die neuen Kommandanten nach kurzer Unterbrechung in derselben grausamen Art das Vernichtungswerk fortsetzten.

Nach und nach fingen die Leute an zu flüchten. Oft wurden Flüchtlinge von den neuen serbischen Kolonisten auf dem Felde und den Straßen, oft aber auch an der Grenze aufgegriffen und wieder in das Lager zurückgebracht. Das dämpfte dann wieder für eine kurze Zeit die Lust zum Fliehen, bei solchen, die sich darauf schon vorbereitet hatten. Wer zurückgeberacht wurde, wurde meist fürchterlich mißhandelt und nach einigen mißglückten Versuchen waren die Leute meist schon so schwach und gesundheitlich herabgekommen, daß sie an eine Wiederholung ihrer Versuche nicht mehr denken konnten.

Was ein mißglückter Fluchtversuch aber auch sonst noch bedeuten konnte, geht aus folgender Darstellung hervor: "Eines Tages brachten die Partisanen zwei alte Leute und ein Kind in das Lager zurück. Sie waren vordem mit der Tochter, die bei ihrer Rückführung nicht mehr zurückkam, zu Fuß bis an die Grenze gekommen, wurden dort erwischt und den weiten Weg von 142 Kilometern wieder zu Fuß zurückgeführt. Sie waren an der Grenze schon in einem Maisfeld, das dicht an der der Grenze lag. Die Mutter hatte das dreijährige Kind in dem Schoß, während ihre Eltern auf den Moment lauerten, bis ein Übertritt möglich scheinen würde. Plötzlich fingen die rumänischen Grenzposten an, von allen Seiten auf die Frau zu schießen und trafen sie ins Herz. Sie wurden gefangen und wieder in das Lager zurückgebracht. Der alte Großvater trug das kleine Kind auf dem Rücken. Das Kind wurde ihnen im Lager wieder weggenommen, sie selbst geschlagen und eingesperrt. Von den Strapazen des Weges waren sie schon so stark herabgekommen, daß man ihnen in normalen Verhältnissen keine dreit Tage Leben noch zugesprochen hätte.