Ein religiöser Pfingststurm 1946

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.748-749


Pater Wendelin Gruber hatte nach Ostern 1946 das Vernichtungslager Gakowa verlassen. Er hatte in Gakowa am Vorabend des Festes  Mariä Verkündigung vom Kommandanten Schutzo erreicht, daß die Lagerleute in die Kirche gehen durften. Bei der Eucharistiefeier hatte Gruber die Versammelten veranlaßt, zu geloben, sie würden, sollten sie lebend aus Gakowa in die Freiheit gelangen, aus Dankbarkeit eine Marienkirche errichten und jährlich eine Marienwallfahrt unternehmen. Gruber hatte auch den Vizepräsidenten der Regierung der Provinz Wojwodina in Neusatz aufgesucht, den zu den Kommunisten übergegangenen Prälaten Peter Masnitsch, dieser hatte ihn an den Präsidenten der Wojwodina verwiesen, dieser wieder an den Bundesminister Rankovic´ in Belgrad: Gruber hatte um Erlaubnis ersucht, als Priester in den Todeslagern wirken zu dürfen. In Belgrad wandte er sich zuerst an Bischof Dr. Josef Ujcic´(Ujtschitch). Das Banat gehörte zur Diözese Belgrad. Ujcic´ sah keine Möglichkeit, mit Rankovic´ in Verbindung zu treten, auf Bitte Grubers aber bestellte er diesen zum Pfarrer von Rudolfsgnad und stellte ihm das entsprechende Dekret aus. Das Ernennungsdekret war damit begründet, daß Rudolfsgnad keinen Pfarrer hatte. Die deutschen Truppen hatten auf ihrem Rückzug im Oktober 1944 den Kirchturm gesprengt, da er den Rotarmisten als Leitstelle für ihre Artillerie hätte dienen können. Dabei wurde nicht nur die Kirche schwer beschädigt, auch der Pfarrer des Ortes, Dechant Rudolf Schummer, erlitt tödliche Verletzungen.

Gruber besorgte sich beim Pfarrer von Perles die nötigen liturgischen Geräte, gelangte durch eine List zu einem nichtinternierten ungarischen Ehepaar in Rudolfsgnad und erwirkte - er beherrschte perfekt das Serbo-Kroatisch" - unter Vorweisung des bischöflichen Papiers mit Berufung auf die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit von der etwas verunsicherten Kommandantin Zlata die Erlaubnis, sich im Lager frei bewegen zu dürfen. Nach Grubers Bericht war der mutige evangelische Pastor Kundt, der die Lagerleute zum Gebet versammelt hatte, deswegen erschlagen worden. Daher hatten die anderen zwischendurch in Rudolfsgnad internierten Priester keine größere religiöse Tätigkeit mehr versucht. Gruber brachte den Sterbenden die letzte Wegzehrung und nahm die Beichten der Todgeweihten ab.

In einem größeren Bauernhaus, das einen höheren Zaun besaß, hatten die Nakodorfer ihre ,"Verwaltungsstelle". Mit seinen inzwischen gewonnenen engeren Mitarbeitern und Katechistinnen entschloß sich Gruber, im Hof dieses Hauses das Pfingstamt zu halten. Stundenlang hörte er in einer Kammer des Bauernhauses die Beichte. Der Hof des Hauses hatte sich - es war Pfingstsonntag - mit über tausend Lagerleuten gefüllt. Ein Altar mit roten Pfingstrosen stand im Hof. Mit gedämpfter Stimme wurde zur Messe gesungen. Auch hier nahm Gruber den Versammelten das Gelöbnis ab: "Wir wollen heute festlich und gemeinsam versprechen, unserer Vätersitte gemäß jährlich zu wallfahren, wenn wir Befreiung finden. Wenn wir aber in Freiheit Hab und Gut zurückerhalten sollten, versprechen wir, in Dankbarkeit für die Befreiung eine Gelöbniskirche zur Ehre der Muttergottes zu errichten." Es gab eine große Zahlvon Kommunikanten. Schon während der Kommunionsausteilung erfuhr Gruber, daß er gesucht werde. Nach dem Pfingstamt begab er sich ins Kommando. Zlata machte ihm Vorwürfe, daß er, ein "guter Bekannter" des Provinzpräsidiums, ihr nicht mitgeteilt hätte, daß er von diesem keine amtliche Erlaubnis erhalten habe, in Rudolfsgnad als Pfarrer zu wirken. Unter Bewachung wurde er aus dem Lager gewiesen.


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