Die vergessene Militärgrenze

Auszug aus dem Buch "Auf den Spuren des Doppeladlers" von Humbert Fink

S.229-233

Einige hundert Kilometer davon entfernt,aber immer noch auf sogenanntem jugoslawischen Boden und natürlich auch im Schatten der imaginären, längst verschwundenen Militrärgrenze, liegt Rudolfsgnad.Es heißt heute Knicanin und liegt halbwegs in der Mitten zwischen Belgrad und Novisad, dem früheren Neusatz mit seiner altösterreichischen Festung Peterwardein.

Während der letzten jugoslawischen Volkszählung vor dem Zweiten Weltkrieg wurden in Rudolfsgnad 3100 Einwohner erfaßt, von den 3064 als Deutsche klassifiziert wurden. Rudolfsgnad war nämlich eine jener Banater Gemeinden, die seit den Friedensschlüssen von Karlowitz (1699) und Passarowitz (1718), als die Türken allmählich donauabwärts zurückgedrängt werden konnten, durch die forcierte Einwanderungs- und Kolonisierungspolitik der Habsburger entstanden war. Die Militärgrenze sollte gleichsam Fett ansetzen, sollte durch die Zufuhr immer neuer Kolonisten aus Deutschland und den österreichischen Ländern eine geordnete und wohlhabende Region werden. Es wurden in die durch die Türkenkriege völlig verödeten und auch menschenleeren Regionen im Bereich der Militärgrenze (also auch in die Batschka und in den Banat) vor allem von Maria Theresia und Joseph II. deutsche Bauern und Handwerker geholt, die aus diesen damaligen Grenzprovinzen der Monarchie blühende Landstriche machten.

In diesem Zusammenhang war es ausgerechnet ein französischer Offizier, der in habsburgische Dienste getreten war und rasch Karriere gemacht hatte, der hier besonders wirksam und beispielhaft tätig wurde: der aus dem Lothringischen stammende Graf Mercy, der, immerhin zum kaiserlichen Feldmarschall avanciert, 1716 auch Gouverneur von Temeschwar wurde und für die Neubesiedlung halb Ungarns, der heutigen rumänischen Regionen um Arad und Temeschwar, aber auch der Baranya und des Banat sorgte. Er holte mit Einwilligung Wiens Bauern, Handwerker, Priester, Ärzte, Lehrer in das Land, sicherte den Kolonisten, die kostenlos auf Donauschiffe in ihre neue Heimat reisen durften, eine dreijährige absolute Steuerfreiheit zu und stellte ihnen nicht nur Grund und Boden, sondern auch Baumaterial für die Errichtung ihrer Häuser und Werkstätten zur Verfügung, natürlich gleichfalls kostenlos. Wichtig war dabei, daß die Neuankömmlinge nicht nach ihrem religiösen Glaubensbekenntnis gefragt wurden. Das war eine wahre Wohltat nach den bitteren Erfahrungen, die man in Österreich, in den deutschen Ländern mit der Gegenreformation gemacht hatte.

Die Neusiedler, die bald als Donauschwaben bezeichnet wurden, beeindruckten durch ihren Fleiß, durch eine in diesen Landstrichen bis dahin völlig ungewohnte Sauberkeit und dann natürlich durch den Erfolg, den sie hatten. Aus der unwirtlichen, waffenstarrenden, verwüsteten Militärgrenze wurde in den Regionen, in denen nun diese Donauschwaben lebten, ein riesiger Obst- und Gemüsegarten. Das führte dann auch zur Neuansiedlung von mehr als dreißigtausend serbischen Familien, die aus den türkisch besetzten oder beeinflußten Gebieten nach Norden abwanderten. Vor allem in den ungemein fruchtbaren Ebenen zwischen dem heute ungarischen Szeged und Belgrad richteten sie unter dem Schutz und mit Billigung der österreichischen Mitlitärbehörden ihre neuen Dörfer ein.

Wie vorausblickend Mercy und seine Mitarbeiter waren, wird aus einigen Erlässen ersichtlich, die damals für Ordnung und Wohlbefinden der Kolonisten sorgten. So wurde unter anderem das Bewohnen von Lehmhütten untersagt, wie es gerade den Serben durchaus zur Gewohnheit geworden war, den Österreichern aber des dadurch automatisch erzeugten Schmutzes wegen ein Horror zu sein schien. Auch die ersten, gewiß noch recht primitiven sanitären Anlagen wurden den Siedlern zur Pflicht gemacht. Das sollte die Gefahr von Seuchen bannen und das Dorfbild gewissermaßen ästhetisch in Ordnung halten. Jedenfalls entstand hier im äußersten Südosten der altösterreichischen Monarchie ein Paradies, das gewiß kleine Webfehler hatte, das aber, verglichen mit anderen Grenzzonen in Europa, großartige ökonomische Erfolge vorweisen konnte.

Aber im Oktober 1945 wurde aus dem durchaus wohlhabenden, hübschen Theißdorf Rudolfsgnad - das sich an einen hohen Bahndamm schmiegt, über den die Eisenbahnlinie hinauf nach  Zrenjanin führt und hinter dem die Theiß südwärts in die Donau fließt - das serbische Anhalte-, Arbeits- und Konzentrationslager Knicanin. Die Volksdeutschen aus dem Banat, später auch aus der Batschka, die Nachkommen der deutsschen und österreichischen Siedler, die unter Maria Theresia und Kaiser Joseph II. an die Militärgrenze gekommen waren, wurden in diese uralte deutsche Ansiedlung gepfercht, Ansiedlung gepfercht, Tausende und Zehntausende, die unter alptraumhaften Bedingungen entweder auf ihre Aussiedlung in die Bundesrepublik Deutschland oder nach Österreich oder auf ihren Tod warten mußten. Man könnte mit einigem Zynismus auch sagen, daß sich in jenem Herbst 1945 und in den Monaten danach der Kreis wieder schloß. Dort, wo das christliche Europa sich einst gegen den Ansturm der islamischen Osmanen gewehrt hatte, wurden jetzt die katholischen Christen (und auch die wenigen Protestanten) ausgemerzt, wobei sie Glück haben mußten, wenn dieses Ausmerzen bloß darin bestand, dass sie aus dem Land ihrer Vorfahren hinausgeschmissen wurden.

Der "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen" herausgegeben vorn BRD-Ministerium für Vertriebene, kann man die erschütternden, teilweise unfaßbaren Zahlen und Fakten entnehmen, die vom erbarmungswürdigen Leben und Sterben im Lager Rudolfsgnad/Knicanin berichten. Hungerödem, Fleckfieber, Typhus, chronischer Durchfall, Mißhandlungen und auch Exekutionen durch das serbische Bewachungspersonal waren die häufigsten Todesursachen. Die Zahl der Selbstmorde war alarmierend. Und niemand kümmerte sich um das physische und psychische Elend der Donauschwaben. Es mußten immer wieder Massengräber angelegt werden, um die Leichen zu versorgen. Viele Kinder wurden einfach ihren Eltern weggenommen und nach Mazedonien, ins südliche Serbien oder sogar bis in die UdSSR verschleppt, wo sie eine neue Identität erhielten.

Soweit ich informiert bin, war dieses Rudolfsgnad gar keine der Ur- oder Stammgerneinden der ins Land gekommenen Donauschwaben. Da gab es andere, von militärischen Aspekten abhängige Märkte und Städte, die vom Anfang der Neubesiedlung an eine gewichtige Rolle gespielt hatten: das stark befestigte Werschetz zum Beispiel, nordöstlich von Belgrad gelegen, oder Neusatz mit seiner imposanten Festungsanlage von Peterwardein. Auch in Südungarn, im Hinterland von Mohács, gibt es einige Dörfer, die von diesen Donauschwaben gegründet worden sind und in denen man heute noch manches deutsche Wort hören kann. Andererseits haben Prinz Eugen und andere österreichische Heerführer und magyarische Aristokraten auch Zehntausenden von Serben, die vor den Türken geflüchtet waren, Schutz geboten. Serben siedelten auf der langgestreckten Donauinsel von Csepel südlich von Budapest, aber ebenso im Donauknie im Norden der heutigen ungarischen Hauptstadt. Auch fanden Tausende von Serben im Gebiet von Mohács eine neue Heimat im Schutz der österreichischen Militärgrenze. Das alles hinderte die Südslawen mehr als zwei Jahrhunderte später nicht, das Deutschtum in diesen Regionen auf grausame Weise zu liquidieren.

 

Knicanin heute: Die Erde glänzt fettig, Schlamm kriecht über die Dorfstraße, die von Häusern flankiert wird, die wie lebende Leichname aussehen. Viele Vorgärten sind völlig verwildert. In manchen Fassaden nistet der Grind. Das Elend, das bis 1948 hier allgegenwärtig war, ist freilich kaum noch nachvollziehbar. In diesen Häusern, gebaut und gedacht für jeweils eine Familie mußten Dutzende Menschen leben. Erleicherterungen gab es nur, wenn der Tod die Reihen der zusammengepferchten Menschen etwas lichtete. Wenn man die Berichte von überlebenden Augenzeugen hört, deren Familien seit vielen Generationen in der Batschka gelebt, gearbeitet hatten, dann begreift man weder den fast unmenschlichen Haß der Serben noch die völlig Gleichgültigkeit des westeuropäischen Völkerbundes, der, soweit er von den damaligen Siegermächten gebildet wurde, keinen Finger rührte, um das Schicksal dieser Menschen zu erleichtern. Der Dank Europas an die Nachfahren jener Altösterreicher, die hier die Grenze gegen den Islam verteidigt und abgesichert hatten war jedenfalls billig und schäbig.


Knicanin heute: Vor einem adretten Neubau, der auffällt, steht ein Auto mit deutschem Kennzeichen - Gastarbeiter auf Urlaub.
Hinter den erdbraunen Dämmen rumort die Theiß. Und in der Tiefe des fruchtbaren Bodens liegen die Toten, deren Namen niemand mehr kennt. Ein Vierteljahrtausend deutscher Siedlungsgeschichte ist spurlos verschwunden.