Das Kinderheim, ein Sterbeheim

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S. 742-744

Die Behandlung der deutschen Kinder durch die Partisanen war mit Sichheit eine der traurigsten Erscheinungen in der Geschichte der Zwangsarbeits- und Vernichtungslager in Jugoslawien. Kaum 13 oder 14 Jahre alt, wurden auch sie zunächst in die Ortslager getrieben und zur Arbeit herangezogen. In den Lagern waren die Kinder, deren Väter oft zum Militär eingezogen oder bereits erschossen und deren Mütter in vielen Fällen zur Zwangsarbeit nach Rußland deportiert worden waren, meist auf sich allein gestellt, sofern sich nicht Verwandte oder Nachbarn ihrer Betreuung annahmen. In konsequenter Durchführung der von Partisanenführung geplanten Ausrottungs- und Vernichtungsstrategie wurden sie jedoch bald in die großen Sterbelager für Arbeitsunfähige überführt, wo Hunger, Krankheit und Verwahrlosung einen hohen Todeszoll unter ihnen forderte. Das Elend der Kinder ist nur zu ermessen, wenn man sich verdeutlicht, daß die abfängliche Belegschaft der Sterbelager zu 46 Prozent aus Jungen und Mädchen unter 14 Jahren bestand.

Als Gehilfe des Elektrikers Weißmann konnte Lorenz Baron Einblick in das Grauen des "Kinderheimes" gewinnen. Er schreibt:  "Wir bekamen den Auftrag im sogenannten Kinderheim Licht einzuführen. Bis dahin hatte ich vieles von den armen Kindern gehört, aber unbeschreiblich ist, was ich sah. Als ich Ende 1946 mit meinem Meister da hineinkam, wurde es uns übel, so daß wir wieder nach
draußen mußten, um durchzuatmen. Das vorher Gesehene verdrängend, betraten wir danach erneut den großen Saal. Weißmann schaute nach den Querbalken an der Decke und wies mich an, drei Lichtreihen zu legen - und schon war ich alleine mit dem Tod. Als ich die Steigleiter und das Material hereingebracht hatte, versuchte ich immer wegzuschauen, aber wohin? Überall lagen sterbende deutsche Kinder."

Einige Schwestern seien in erster Linie damit beschäftigt gewesen, die Leichen aus den Reihen auszusortieren, diese dann auf den Tisch zu legen, in Stoff-Fetzen einzunähen und danach auf den Leichensammelplatz zubringen.

Das Kinderheim, Wittmans Tanz- und Kinosaal,war ein im Hof stehendes Gebäude mit gewölbtem, verzinkten Blechdach. Der Saal hatte große Fenster und war fast quadratisch, ca. 25 X 25 m groß. Von Nord nach Süd lagen etwa sechs einen Meter breite Strohreihen von Wand zu Wand, in der Saalmitte war ein Quergang. Beim Eintreten hörte man ein monotones Summen, die höheren Töne wurden von den tiefen eingebunden.

Das war das Lied vom Kindertod! Alle Räume des großen Hauses waren voll von wehrlosen, sterbenden Kindern. ohne menschliches Gefühl, wie ein Toter, stieg ich auf die Steigleiter und schraubte mit Holzschrauben Porzellan-Isolatoren zweireihig in die Querbalken, mit jeweils 30 cm Zwischenraum und in genauem Abstand zur Außenmauer. Manche Skelette unter mir konnten sich noch bewegen und verfolgten jeden Handgriff, den ich ausführte. Manche Kinder fielen zurück - ihr Blick war noch auf mich gerichtet - und waren tot."

Mitleid gab es von niemandem, wußten wir doch, daß wir die nächsten Toten sein konnten.

Und an anderer Stelle schreibt derselbe Autor: "Wir gingen täglich um am Pumpbrunnen Wasser zu trinken. Hier saßen die Kinder bei Sonnenschein auf dem Gangsturz und fingen die Läuse ihres Nachbarn. Fast alle hatten die Krätze, vereiterte Mundwinkel, ja bei manchen waren schon Teile der Wangen weggefault und die Zähne waren wie bei einem Skelett zu sehen. Die meisten weinten verhalten und kraftlos, dennoch war das Stöhnen dieser armen Kinder auch außerhalb des Hauses zu hören."

Im Sommer 1946 begannen die Partisanen in den Konzentrationslagern für Arbeitssunfähige Kindertransporte zusammenzustellen und den staatlichen Kinderheimen zuzuleiten, um sie dort ihrem Volkstum zu entfremden und nach durchgeführter Assimilierung als gute Staatsbürger in den jugoslawischen Staatsverband zu integrieren.

So wurden am 1. Juli 1946 transportfähige Kinder und Kleinkinder, deren Eltern tot oder verschleppt waren und die keine näheren Angehörigen besaßen aus dem jämmerlichen Haus, das den Namen Kinderheim führte, herausgenommen und in Begleitung einiger Pflegerinnen, aber unter strenger Bewachung durch serbische Partisanen, in auswärtige Kinderheime gebracht.


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