Bettelgänge - der Gefahr zum Trotz

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S. 736-738

In keinem der Lager war die Verpflegung ausreichend, um einen Menschen auf Dauer am Leben zu erhalten. Die Tendenz zur Ausrottung durch Hunger war klar und unverkennbar. Viele Lagerinsassen konnten sich nur vor dem Hungertod retten, indem sie die Möglichkeit erhielten, außerhalb des Lagers zu arbeiten, wo sie an Eßbares herankommen konnten. Dies war in Rudolfsgnad besonders wichtig für die Zeit, in der jede Lebensmittelzufuhr strengstens verboten war. Während der Arbeiten auf den Maisfeldern wurde der Mais, um den Hunger etwas stillen, roh gegessen. Der Hunger trieb auch so manchen Lagerinsassen trotz Verbots aus dem Lager hinaus, um sich Lebensmittel zu erbetteln.

Wie sich der katholische Pfarrer Johann Nuspl, vormals Pfarrer von Tscheb in der Batschka, den es mit anderen priesterlichen Leidensgenossen in die Lager Jarek, Neusatz, Molidorf und Rudolfsgnad verschlug, erinnert, sind bei einem solchen Bettelgang vier Frauen und fünf Kinder bei dem Versuch, wieder in das Lager hereinzukommen, von den Wachen erschossen worden. Lebendig berichten die damals dreizehnjährige Klara Deutsch und Franz Apfel, damals vierzehnjährig, beide aus Mramorak, über ihre gefährlichen Bettelabenteuer. So erfährt man von Franz Apfel, daß im Dezember 1945 das Essen immer weniger wurde und auch die Kälte unerträglich war, weil kein Heizmaterial zugeteilt wurde. In der Not verbrannten sie alles, was brennbar war. Zunächst kamen die Zäune dran. Als das Essen dann roh verteilt wurde, mußten sie das Brennmaterial gar sehr einteilen, um überhaupt etwas kochen zu können.

Als er sich von einem mißglückten Versuch wieder einigermaßen erholt hatte, plante er den nächsten Bettelgang. Es ließ ihm keine Ruhe, er mußte für seine Angehörigen, die immer schwächer wurden, etwas besorgen, denn er hatte große Angst, daß sie nacheinander sterben würden. Doch wer allein von dem Posten erwischt wurde, kam selten mit dem Leben davon. Waren es mehrere Menschen, so wurden sie gefangengenommen und in den Keller - den Bunker - wo sie fast nichts zu essen, dafür aber umsomehr Prügel bekamen, besonders mit dem Gewehrkolben. Dabei holten sich manche den Tod.

Aus dem Lager hinauszukommen gelang den Lagerinsassen nur nachts bei Dunkelheit. Tagsüber hielten sich die Leute in den Nachbardörfern bei Andersnationalen auf, um zu betteln oder, wenn jemand noch etwas Wertvolles besaß, dies umzutauschen. Jeder von ihnen wußte nur zu gut, welcher Gefahr er sich aussetzte, wenn er wieder einmal versuchen sollte, aus dem Lager zu kommen. Doch der Hunger tut weh. Und wenn man kein Salz hat, ist er besonders schlimm zu ertragen. Für alte Menschen und Kinder gab es außer diesem Schrot nichts mehr, denn der Kommandant hatte sich vorgenommen, sie alle in ganz kurzer Zeit verhungern zu lassen.

Nachdem sie mehrere Tage nichts zu essen bekommen hatten, starben so viele Menschen, daß es für die anderen viel Platz gab. Was sich in dieser Zeit in Rudolfsgnad abspielte, ist kaum zu glauben oder zu verstehen. Es herrschte Hungertyphus. Menschen wurden blind oder wahnsinnig vor Hunger, oder sie legten sich auf ihr Lager, dösten einige Tage dahin, bis sie für immer einschliefen.

Am schlimmsten waren diejenigen dran, die vor Hunger wahnsinnig wurden. Sie schrien Tag und Nacht so furchtbar, daß man sie weit hören konnte. Viele irrten durch das Dorf, fanden nicht mehr heim und starben auf der Straße. Was Menschen alles essen, wenn sie Hunger haben, ist unvorstellbar. Herumstreunende Hunde und Katzen wurden abgeschlachtet und mit Heißhunger gegessen. Aus ihrem Teillager waren zwei Männer beauftragt, für alle das Essen zu holen. Täglich gingen sie mit ihrem Wägelchen zur Küche. Noch bevor diese Menschen weggingen, standen die Leute schon vor dem Haus und warteten, bis sie zurückkehrten. Jedesmal hofften sie, Essen zu bekommen, die Essenholer kamen aber einen Tag nach dem anderen, ohne etwas mitzubringen. Manchmal kamen sie drei, vier, fünf und sechs Tage nacheinander und sagten, daß sie kein Essen bekommen hätten. Das waren dann Augenblicke, wo sich jeder, der nur einigermaßen konnte, sagte: Du mußt jetzt hinaus, um etwas zu erbetteln, denn sonst gehen alle zugrunde.

Als er eines Tages einen Wintermantel von einem Mann bekam, der verstorben war, reinigte er ihn von dem Ungeziefer, um ihn gegen Lebensmittel einzutauschen. Am Heiligen Abend des Jahres 1945 schlich er sich dann in der Dunkelheit aus dem Lager hinaus und begab sich in das Nachbardorf. Als gleich am Eingang des Dorfes ein Serbe aus einem Haus herauskam, hielt er sofort den Mantel hin. Der Serbe nahm den Mantel an sich und sagte: "Komm schnell mit!" In seinem Haus gab er ihm Kartoffeln, Zwiebeln, ein Stück Speck und auch Maismehl, aber ein viel besseres als das im Lager in geringen Mengen verabreichte, das mit den Kolben gemahlen wurde und daher rauh wie Spreu und kaum genießbar war. Als es ihm dann auch noch gelang, in der Dunkelheit unbemerkt an den Wachen vorbei in das Lager zurückzukehren, war die Freude bei seinen Lieben riesengroß über das, was er mitgebracht hatte. Besonders groß war die Freude darüber, daß sie nach einem Monat bitterster Not nicht gerade zu Weihnachten, am Heiligen Abend, zu hungern brauchten.

Am allerschlimmsten in dieser Zeit war es aber für die Kinder, die noch nicht begreifen konnten, was in der Welt vor sich ging und warum ihre Mütter oder Großeltern ihnen nichts zu essen gaben, und sie daher Tag und Nacht vor Hunger weinen mußten.

Die Maxime der vitaleren Lagerleute wird auch verständlich, die da lautet: Wenn man viele Tage nichts mehr gegessen hat, wenn also das richtige Hungern eingesetzt hat, dann sagt man sich früher oder später: "Wenn ich schon sterben muß, dann möchte ich mich noch einmal sattessen können."

Einmal hatte er Franz Apfel, wieder die Möglichkeit, sich einer Gruppe anschließen zu können, die einen Bettelgang vorbereitete. Zum Tauschen hatte er einen Mantel, den er von seiner Tante erhalten hatte, sowie etwas Schmuck, der von seiner Mutter in eine Jacke eingenäht worden war, dabei. Sie kamen nachts gut aus dem Lager und erreichten im Morgengrauen das nächste Dorf, wo er zum Glück alle mitgenommenen Sachen schnell gegen Lebensmittel eintauschen konnte. Gegen Mitternacht konnte die Gruppe auch ungesehen in das Lager zurückkehren. Seine Angehörigen waren sehr zufrieden und seine Mutter weinte vor Freude, denn er hatte nicht nur Mehl,  Speck und Rauchfleisch in seinem Rucksack, sondern auch ein Stück Steinsalz, was nach monatelangem salzlosem Essen das Wertvollste war.

Der nächste Bettelgang endete allerdings verhängnisvoll. Gerade als er mit anderen über den Damm wollte, krachte unmittelbar neben ihm ein Schuß und er hörte ein schrilles : "Stehen bleiben!" Er hatte große Angst, doch es wurden alle sofort weitergetrieben zu einem PIatz, wo sich bereits mehrere Frauen befanden. Nach einer Weile fragten die Partisanenposten, welche der Frauen bereit seien mit ihnen zu schlafen, diese dürften dann wieder unbehelligt in das Lager zurückkehren. Es war einer der schönsten Augenblicke seines jugendlichen Lebens, als er sah, daß sich keine einzige der Frauen auf diesen Vorschlag einließ. Die Frauen waren eher bereit zu verhungern, als sich ihre Ehre von diesen herzlosen Männern nehmen zu lassen.

Mehr über die Donauschwäbische Kulturstiftung und deren Veröffentlichungen können Sie auf deren Seite im Internet unter [www.kulturstiftung.donauschwaben.net/] und dort unter dem Menüpunkt "Publikationen" lesen.