Arbeit macht freier

Auszug aus  Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hg.) Band III.- München/Sindelfingen 1995. S.734 - 736


Die Leute wollten gerne aus dem Lager heraus. Obwohl die Arbeit viele Gefahren brachte und für die durch monatelangen Hunger geschwächten und bis zur Unkenntlichkeit entstellten Menschen kaum zu bewältigen war, drängten sich die Leute darum, solange sie noch irgendwie konnten, aus dem Lager zu kommen, denn die Hoffnung, draußen durch Zufall zu zusätzlichen eßbaren Dingen zu kommen, erfüllte sie besonders dann, wenn der Einsatz in Gegenden ging, die vom Lager weiter entfernt und noch nicht so durchsucht und "ausgebettelt" waren. Vom Frühjahr 1946 an konnten sich Serben und Ungarn der Umgebung für 50 Dinar pro Kopf und Tag Lagerleute zur Arbeit pachten. Die Deutschen wurden von ihren Arbeitgebern oft schamlos ausgebeutet, dennoch rissen sich alle um die Sklavenarbeit, und jeder war froh wenn die Wahl auf ihn fiel, denn die zur Musterung erschienenen "Pächter" konnten sich ihre Leute aus Hunderten heraussuchen.

Vielen Menschen wurde durch diese Arbeitseinsätze das Leben gerettet, weil es draußen wenigstens etwas, im Lager fast nichts zu essen gab. Auch Kinder von über 12 Jahren mußten zur Arbeit, sogar Kranke und Schwache hat man mitgenommen. Ihnen wurde bei einigem Glück leichtere Arbeit; wie etwa das Holztragen, zugeteilt.

Dazu Lorenz Baron: "In dieser Zeit war ich im Lager als 13jähriger ein Brigadier und damit betraut, die Kinder ab acht Jahren am Morgen um sechs Uhr sich aufstellen und abzählen zu lassen, die dann in Begleitung von bewaffneten Partisanen in den Wald zogen, um Reisig zu sammeln. Am Nachmittag gegen 16 Uhr ging es dann zurück ins Dorf. Im Frühjahr 1946 wurden im Alttheißried -
auf der Pusta meines Großvaters Peter Tisje - Stallungen und Magazine gebaut. Auf dem ca. vier Kilometer weiten Weg in den Wald mußte nun jedes Kind von abgerissenen Häusern und der Kirche einen Ziegelstein dorthin tragen, dann Reisig sammeln und auf dem Rückweg in einer der beiden Lagerbäckereien abliefern."

Jetzt kommt das Gehen und die Arbeit: "Das Hinausgehen auf die Arbeit in Reih und Glied war gut", schreibt Franz Janzer, "aber Nach-Hause-Gehen war nicht gut, weil ein jeder gestohlen hat. Er mußte das, wenn er nicht vor Hunger sterben wollte. Beim Eingang war eine Wachstube, dort sind alle durchsucht worden. Wenn sie etwas gefunden haben, da haben sie gleich mit dem Gewehr auf die Köpfe geschlagen. Das Blut ist gleich geronnen. Das dauerte jeden Abend bis zu zwei Stunden. Wenn die hinten gesehen haben, daß die Vorderen durchsucht werden, so haben die Hinteren die Taschen leergemacht. Das war bei jedem Wetter, ob da Regen oder Schnee war".

Morgens erschienen immer öfter Landwirte aus den umliegenden serbischen Dörfern vor dem Lager, um sich gegen ein geringes Entgelt Arbeitskräfte auszuleihen. Sie wählten zunächst immer nur die Kräftigsten aus, zu seiner Überraschung wurde eines Täges aber auch er - der Junge - aufgerufen. Als er den serbischen Bauernwagen bestieg, waren dort schon acht bis zehn Leute, darunter auch der alte Wagnermeister aus ihrem Haus. Dieser hatte so starken Durchfall, dass der Bauer immer wieder anhalten mußte. Schließlich wollte der Bauer den Kranken ins Lager zurückbringen, worauf dieser weinte und laufend bettelte, er möge ihn doch mitnehmen, denn er müsse etwas verdienen, sonst würde seine ganze Familie verhungern. Der Serbe hatte wirklich viel Mitgefühl, er mußte den Menn aber ins Lager zurückbringen, denn er war sehr krank.

Einige Tage später ist der Wagnermeister an seinem Leiden, der Ruhrkrankheit gestorben. Ihm folgten nach kurzer Zeit auch seine Frau, die Schwiegertochter und zwei Enkelkinder. So ist die Familie, wie viele andere auch, in kurzer Zeit ausgestorben.

Die anderen, die mitgefahren waren, mußten zwar den ganzen Tag arbeiten, bekam aber gutes Essen und am Abend noch etwas zum Mitnehmen für die Anhörigen. Es war nicht viel, doch es rettete ihn vor dem Verhungern.

Sobald es Frühjahr und das Wetter wieder besser wurde, gingen sie zur Feldarbeit hinaus. Dabei fanden sie junge, nahrhafte Gräser, die ihr Lageressen aufzubessern halfen. Im Jahre 1947 mußte er tagtäglich arbeiten. Morgens mußten alle vor der Lagerleitung antreten, wo sie zur Feldarbeit eingeteilt wurden. Viele nutzten bei diesen Arbeiten die Gelegenheit aus, um endgültig zu verschwinden. Sie warteten einen günstigen Augenblick ab, dann schlichen sie sich fort kehrten nie wieder zurück. Besonders junge Menschen, deren Angehörige verstorben waren, hatten kein Interesse, ebenfalls im Lager zu sterben. Sie suchten einen Weg, um über die Grenze in Sicherheit zu gelangen.

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