Evakuierung und Flucht

Im Frühiahr 1941 wurde durch die Deutsche Volksguppe im Banat der Heimatschutz gegründet. Die "Freiwillige SS-Division Prinz Eugen" wurde 1942 aufgestellt. Alle Männer der Jahrgänge 1892 bis 1925 wurden gemustert und mußten im April und Mai zu ihren Truppenteilen einrücken. Es werden etwa 750 bis 800 Mann gewesen sein, das heißt knapp ein Drittel der Rudolfsgnader Einwohnerschaft.

Im Dezember 1942 und Januar 1943 wurden die älteren und jüngeren Jahrgänge wieder entlassen.

Der Heimatschutz wurde Februar/März 1943 im gesamten Banat wieder ins Leben gerufen, damit auch in Rudolfsgnad. Unser Ortsheimatschutz mußte von November 1943 bis Mai 1944 die Bewachung der Theißbrücke übernehmen; für unsere Leute ein sehr harter Dienst. Die Tätigkeit der Partisanen nahm im Sommer 1944 bedenklich zu. Es war Pflicht der Gemeinde, die Felder bei Nacht gegen Feuersabotage zu bewachen, bis die Ernte eingebracht war. Während der Dreschzeit bewachten nachts je drei Männer eine Dreschmaschine, an den Ortsgrenzen bestand die Wache aus je zwölf Mann. Unsere Rudolfsgnader haben dies ohne viel zu nörgeln mit Pflidrtbewußtsein getan, jeder hat die Lage sehr ernst genommen.

Anfang Septemer kamen die ersten Umsiedler aus dem Rumänischen Banat, die über die Theißbrücke Richtung Ungarn weiterzogen. Mitte September haben die Ungarn die Grenze gesperrt; sie wollten keine weitere Durchreise mehr erlauben. Während der achttätigen Sperre war der letzte Treck in Rudolfsgnad einquartiert. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Banat die Nachtrichten von der Sperre. Auch sind verschiedene Leute wieder zurückgefahren, weshalb viele auf die geplante Flucht verzichteten. Wahrscheinlich war dies auch der Grund, daß so viele Rudolfsgnader zu Hause geblieben sind. Bis Anfang September war die Mehrheit der Rudolfsgnader zur Flucht bereit. Entsprechende Vorkehrungen waren getroffen, die Bewohner namentlich erfaßt, Pferde und Wagen registriert. Alle hätten flüchten können. Auch für Landsleute,die keine Pferde hatten, war gesorgt. In der Schule war eine Polizeikompanie einquartiert, und der Kompaniechef hatte sich bereit erklärt, diese Landsleute und ihr Gepäck zum Bahnhof nach Titel zu bringen.

Die Telefonverbindungen waren ab 1.Oktober 1944 unterbrochen. Zu diesem Zeitpunkt ging auch die Ungarische Artillerie bei Rudolfsgnad in Stellung, so daß wir gegen die Angriffe aus Richtung Perleß und Tschenta geschützt waren. Abends, am 2. Oktober kamen ein Mann mit acht bewaffneten Buben aus Sigmundfeld, die uns von den grausamen Taten der Russen und Partisanen berichteten. Nach dieser Nachricht war die Mehrheit der Rudolfsgnader nicht mehr zu halten. Der Wagentreck setzte sich am 3. Oktober 1944, 9 Uhr, in Bewegung, um über die Theißbrücke und Titel die Heimat für immer zu verlassen. Einige Wagen blieben noch eine Woche lang in Titel, manche sind auch wieder zurückgefahren.

In Tiszakalmanfalva wurde ein zweitätiger Aufenthalt eingelegt, sodaß noch ein Großteil der Pferde beschlagen werden Konnte. Auch wurden hier Leute, Pferde und Wagen gezählt. Außer den 20 Wagen die später aus Titel nachkamen, waren es 228 Wagen mit 365 Pferden und 943 Personen, die in Richtung Neusatz-Futog-Sombor weiterfuhren. Es war der größte geschlossene Pferdetreck, der aus dem Südosten geflüchtet ist. In Sombor trafen wir 6o Buben des Heimatschutzes, die keine Möglichkeit des Weiterkommens mehr hatten. Sie wurden auf die Wagen unseres Trecks verteilt und mitgenommen. Von Sombor ging es durch die Batschka weiter nach Ungarn bis Nagybaracska, von dort über die Donau nach Mohacs Richtung Fünfkirchen. In Fünfkirchen bekamen wir pro Person 2 Pengö und waren froh, wenigstens etwas ungarisches Geld zu haben. Weiter ging die Fahrt über Szigetvar-Keszthely bis Ödenburg (Sopron), der letzten Station in Ungarn. Klingenbach hieß unser erster kurzer Aufenthaltsort in Österreich. Hier wurden alle, auch die Transportbegleiter, entwaffnet, und erfreulicherweise bekamen wir alle Verpflegung und für unsere Pferde Futter. Tulln war unsere nächste Station. Jeder, der über 18 Jahre alt war, konnte hier bei Vorlage des Heimatausweises eine bestimmte Summe Dinar in Reichsmark umtauschen und fünf Zigaretten in Empfang nehmen.

In Tulln trafen wir auf die Rudolfsgnader, die von Titel aus mit dem Zug gefahren waren. Wie vorgesehen, haben mehrere Landsleute den Treck verlassen und sich ihren Angehörigen im Zug angeschlossen. Danach führte der Weg nach Hollabrunn. Nach Reinigung und Bad in der Sanitätsstation wurde unser Treck in sechs Teile gegliedert, die getrennt nach Znaim fuhren. In einem großen Saal in Znaim wurden alle mit sehr guten Speisen und mit Wein bewirtet und die einzelnen Gruppen in Lager aufgeteilt. Der erste Treck kam ins Lager Jarmeritz, der zweite ins Lager Stannern, der dritte nach Jamnitz, der vierte ins Lager Stecken, der fünfte nach Namiest an der Osel auf das Gut Heinrich Graf von Haugwitz und der sechste ins Schloß Schönwald, der Sommerresidenz des Grafen von Haugwitz. Diese Aufteilung wurde in der Zeit vom 4. bis 6. November 1944 vorgenommen. In allen Lagern wurde von unseren Leuten mit gefaßtem Proviant gekocht und in Portionen ausgeteilt. Die Pferde bekamen Hafer und Heu. Dieses Lagerleben dauerte nicht für alle gleich lang. Bereits Ende November haben Landsleute bei tschechischen Bauern oder auf einem Gut Arbeit gesucht und gefunden. Januar/Februar wurden von der Wehrmacht alle Pferde gemustert und, was für tauglich gehalten wurde, gleich eingezogen.

Die Russen kamen näher, und die zweite Flucht war nur noch eine Frage der Zeit. Haben besonders unsere Frauen und Kinder schon auf der ersten Flucht viel leiden müssen, - was nun kam, war schrecklich. Ab 19. Februat 1945 waren wir wieder auf der Straße in Richtung Westen. Es ging alles durcheinander und die Kontakte waren weitgehend abgerissen. In kleinen Gruppen und praktisch nur nachts sind wir weitergefahren. Versuche, während des Tages zu fahren, wurden von Tieffliegern schnell vereitelt. In zwei Fällen wurden die Pferde vor dem Wagen weggeschossen, bei anderen der Wagen getroffen und das wenige, aber lebensnotwendige Gut fast restlos vernichtet.Nacht für Nacht ging es so weiter. Durch unbekanntes Gebiet, finstere Wälder und über ungewohnt steile Berge. Am l. Mai 1945 wurde absoluter Stillstand angeordnet, kein Treck durfte sich weiterbewegen. Wir lagen in der Nähe von Krumau. Im dortigen großen Wehrmachtslager konnte Futter für die Pferde geholt werden und schon nach kurzerZeit war klar, daß wir Rudolfsgnader in einem Umkreis von etwa 20 km beisammen waren. Dieses Gebiet wurde am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation, von den Amerikanern besetzt. Am 15. Mai wurden alle zu einer großen Wiese bei Honetschlag in Marsch gesetzt, und fast alle Rudolfsgnader des Pferdetrecks waren wieder beisammen.


Die amerikanische Kommission befragte die Leute nach dem ZieI, das verschieden angegeben wurde. Einige wollten nach Hause, andere direkt nach Wien, die Mehrheit nach Oberösterreich. Die Amerikaner gaben aber allen den Befehl, über Österreich und Ungarn nach Belgrad zu fahren. Die wenigsten waren davon begeistert, so fuhr man gegen die Anweisung in Gruppen nach eigenen Zielgebieten. Unterwegs traf man bald den, bald jenen, und es ergab sich, daß etwa ein Drittel in Richtung Wien fuhr und beim Haselgraben landete, während zwei Drittel in die Bezirke Wels und Schärding wollten. In diesen Bezirken lebten schon Rudolfsgnader in Lagern; diese Dorfgenossen waren mit dem Zug geflüchtet. Sie waren in verschiedenen Ortschaften sogar mit Musik am Bahnhof empfangen worden. Der größte Sammelplatz der Rudolfsgnader bildete sich auf dem Gelände eines Militärlagers und einer Ziegelei in Andorf, Oberösterreich.

Allerdings wurde für uns jetzt nach der deutschen Kapitulation kein Instrument mehr geblasen; wir waren nicht mehr erwünscht. Lebensmittel wurden uns nicht mehr verkauft, wir waren auf Mundraub angewiesen, wenn wir nicht verhungern wollten. so besorgten wir uns nachts von den Feldern Kartoffeln und für unsere Pferde das unbedingt notwendige Futter.

Im November 1945 mußten wir - offiziell freiwillig - unsere Pferde verkaufen. Alle Personen wurden in Lagern in Andorf untergebracht. Die Verhältnisse waren so, daß jeder knapp 2 qm Raum zum Schlafen, Kochen und Wohnen zur Verfügung hatte. Der Winter stand vor der Tür, die Pferde waren weg und wir hatten kein Brennmaterial zum Heizen und Kochen. Was blieb uns anderes übrig, als mit 8 bis 10 Personen und einem Wagen in den Wald zu fahren und uns das notwendige Holz zu holen? Da dies aus verständlichen Gründen schnell getan sein mußte, wurden nur größere Bäume gefällt. In den Lagern wurde das Holz ofenfertig gemacht und aufgeräumt. Dieses Leben blieb bis Mai 1946 unverändert Da merkten die Einheimischen, daß wir arbeiten wollten und auch konnten. Nach und nach fanden unsere Leute Arbeit bei den Bauern, bei der Ziegelei, im Steinbruch, als Bauarbeiter usw. Den schulpflichtigen Kindern wurde in der Andorfer Schule eine Flüchtlingsklasse eingerichtet. Österreich war von Flüchtlingen überfüllt und wir sahen keine Möglichkeit, uns und vor allem unseren Kindern ein geordnetes Leben zu schaffen. Was konnten wir also tun, um die Zukunft sicherer zu überstehen? Frankreich brauchte Arbeiter, so haben sich 1949 auch Rudolfsgnader der Umsiedlungsaktion angeschlossen allerdings ist der Großteil später von Frankreich nach Deutschland abgewandert. Zu dieser Zeit sind auch schon einige illegal direkt nach Deutschland gezogen; sie haben es nicht schlecht getroffen. Es ist verstänlich, dass viele zurückgebliebene Rudolfsgnader ebenfalls nach Deutschland wollten. Diese sind ab 195o, besonders aus dem Bezirk Schärding, mangels anderer Möglichkeit, nach Überschreiten der grünen Grenze im Grenzauflanglager Balingen aufgenommen worden.

Auch meine Familie ist mit meinen Schwiegereltern Wenzl und Maria Thurn in Balingen freundlich empfangen worden. Wir blieben vier Monate lang dort und wurden im August 195o schließlich nach Schwenningen am Neckar einquartiert. So waren wir bei den ersten Rudolfsgnader Familien, die in Schwenningen eine neue Heimat gefunden haben. Wir sollten nicht die einzigen bleiben. Heute leben mehr als hundert Familien hier, die meisten im eigenen Heim.

Viele in Österreich gebliebene Familien haben sich zwischen Linz und Wels in eigenen Wohnungen und Häusern niedergelassen. Abschließend soll noch grob festgehalten werden,wo unsere Rudolfsgnader heute leben: etwa 7oo Familien in Deutschland, 140 Familien in Oberösterreich, 20 Familien in Niederösterreich, 60 Familien in den USA und Kanada, 20 Familien in Frankreich, sowie mehrere Familien in Mexiko, Brasilien, Argentinien und England.

Anmerkung; Dieses Kapitel wurde von unserem Landsmann Andreas Hirt in Schwenningen im April 1966 verfasst. Andreas Hirt ist 1897 in Rudolfsgnad geboren. Dieser Bericht wurde nicht nach Tagebuchaufzeichnungen, sondern nach Erinnerungen der Erlebnisse und Erfahrungen, die er, Hirt, als Treckführer während der Flucht gesammelt aufgeschrieben.