Die ersten zwei Überschwemmungen - Kampf um den Bestand

Laut Plan sollten die Dammbauarbeiten, zu denen sich die Ansiedler verpflichtet hatte, in drei Jahren durchgeführt werden.

Trotz unvorhergesehener Schwierigkeiten verliefen die Arbeiten im ersten Ansiedlungsjahr zufrieden stellend. Jedoch der erste Winter in Rudolfsgnad brachte schon vorzeitig Hochwasser und nun begann ein gigantischer  monatelanger Kampf der Wogen von Theiß und Donau, - aber auch genauso gegen böswillige Angriffe feindlicher Menschen.

Die auf drei Jahre berechneten Arbeiten zur Errichtung der Schutzdämme entlang der Bega im Norden, der Theiß im Westen und entlang der Donau und Karasch im Süden waren kaum bis zur Hälfte fertig, als am 21. Januar 1867 die erste Hochwassermeldung von der oberen Theiß eintraf.

Darauf wurden die Arbeiten an den Hauptdämmen eingestellt und alle Kräfte zur Errichtung eines "Polderdammes" um die Ortslage herum eingesetzt. Der Damm wurde auch in 14 Tagen fertig.

Mitten in den Arbeiten am "Polderdamm" traf am 29. Januar abends die Nachricht ein, dass der Karaschdamm bei Tschenta an einer sonst schon gefährdeten Stelle von böswilliger Hand durchstochen worden sei und das Wasser hereinströme.

Was bleibt weiter übrig, als die Leute aus den Betten zu holen und nach einem zweistündigen Weg in Regen und Dunkelheit die Gefahr  zu bannen versuchen. Tatsächlich gelang es, den vereinten Kräften des ganzen Dorfes, nach einem viertägigen Kampf, die Bresche zu schließen.

Doch Zeit- und Kraftverlust waren nicht die einzigen nachteiligen Folgen des Zwischenfalles. Die nervliche Belastung infolge des böswilligen Vernichtungsversuches wog schwerer, zumal sich solche Versuche in der Folgezeit noch wiederholten.

So war der Karaschdamm am 30. März frühmorgens an drei Stellen aufgegraben worden. Da zur gleichen Zeit die Arbeitergruppe dorthin unterwegs war, um den Damm zu verstärken, konnte die große Katastrophe noch einmal abgewendet werden. Die Männer hörten das Rauschen des einbrechenden Wassers schon von weitem und begannen zu laufen. Nur diesem Umstand ist es zu verdanken, dass ihre übermenschlichen Anstrengungen Erfolg hatten. Seit diesem Tag hat hier Militär mit aufgepflanztem Bajonett den Damm bewacht.

Als man nach vielen bangen Wochen die Überschwemmungsgefahr schon überwunden glaubte, da "öffneten sich Mitte März 1867 die Schleusen des Himmels und vier Wochen lang floss der Regen fast ununterbrochen in Strömen herab." - heißt es in der alten Monographie.

Mit dem Aufgebot aller Kräfte wurde fast Tag und Nacht an der Verstärkung und Erhöhung der Dämme gearbeitet, in der Hoffnung, die sehr üppig stehenden Saaten vor der Vernichtung zu retten.

Nachdem trotz aller Anstrengungen der Damm den anstürmenden Fluten nicht standhielt und an der Nahtstelle bei der Einmündung der Theiß in die Donau durchbrochen wurde, - und ein zweiter und dritter Paralleldamm auf den dahinter liegenden Anhöhen errichtet worden waren, aber nur acht Tage gehalten werden konnte, - gab man den Kampf um die Felder auf und beschränkte sich auf die Verteidigung des Ortes selbst, indem man den das Dorf umgebenden "Polderdamm" zu erhöhen begann.

Die Aufforderung des Kommandanten des Deutsch-Banater Grenzregimentes an die benachbarten serbischen Gemeinden, den schon fast erschöpften Ansiedlern zu Hilfe zu kommen, blieb ohne Widerhall, - obwohl die Dämme auch ihre Weidegründe in Zukunft vor Überschwemmungen schützen würden. Keine einzige Gemeinde  ist der Bitte nachgekommen.  Lediglich drei private Persönlichkeiten aus Botosch, Ivdor und Perleß sandten Arbeiter und Wägen.

Zu Hilfe kamen jedoch die Ansiedlungswilligen aus den Banater deutschen Gemeinden Setschan, Stefansfeld, Modosch, Rogendorf, Molidorf, Tschesterlek, Lazarfeld, Ernsthausen, Neuzin, Fodorhausen und Heideschütz mit insgesamt 325 Wägen und 1225 Arbeitern.

Trotzdem brach die Katastrophe herein. Bei Sonnenuntergang am 29. April 1867 verursachte ein starker Ostwind einen breiten Einbruch am "Polderdamm", durch den das Wasser aus den überschwemmten Feldern in die Gemeinde Rudolfsgnad einströmte.

Die Monographie zum 25jährigen Jubiläum der Gemeinde berichtet in diesem Zusammenhang von Ereignissen, die stark an Bürgers Lied vom braven Mann erinnern.

So wurde am Gründonnerstag 1867 - als alle Kräfte an der Einbruchstelle der Donau-Theiß-Ecke schon am dritten Paralleldamm eingesetzt waren - ein junger Mann als Kundschafter zum durchbrochenen Hauptdamm gesandt. Als dieser nach Ausführung seines Auftrages den Rückweg antreten wollte, war der Damm auch in seinem Rücken schon durchbrochen und er einer Insel von zweifelhafter Festigkeit eingeschlossen. Seine Notlage wurde bemerkt, da aber kein Kahn zu Stelle war, schwang sich ein guter Reiter auf sein Roß, nahm ein zweites Pferd am Zügel und erreichte schwimmend den gefährdeten Kameraden. Dieser sprang auf den Rücken des zweiten Pferdes und so gelang es beiden, "sich unter mehrfachem gefahrvollem Untertauchen" zu retten.

Ein weiterer Vorfall verlief nicht weniger dramatisch. Wörtlich berichtet:
"In der Nach vom Ostersonntag auf Dienstag brach die Theiß an einer Stelle, wo der Damm über eine Vertiefung führte. Im Augenblick standen einige Häuser unter Wasser. Die Bresche konnte in der Eile nur durch Menschenleiber im buchstäblichen Sinne des Wortes verrammt werden. Es stellten sich nämlich in zwei Reihen Männer bis an die Brust in das kalte Element, und hielten Körper an Körper fest gedrückt und so eine lebende Wand bildend, die Strömung solange auf, bis nicht zur Ihren Füßen eiligst aufgeschüttetes Erdreich den nötigen Widerstand leisten konnte."

Der an den notdürftig errichteten Wohnstätten entstandene Schaden war leichter zu verschmerzen, als der Verlust einer reichen Ernte auf etwa 5000 Joch mit herrlichen Winter- und Sommersaaten, die einen Wert von 250 000 Gulden hatten.

Am bittersten war für die schwergeprüften Kolonisten, dass sie nun, - anstatt ihre eigene Rekordernte einzubringen, - gezwungen waren, wiederum als Schnitter auf fremden Feldern ihren Brotbedarf für das Jahr zu verdienen.

Einigen Trost fanden sie darin, dass ihnen nun von vielen Seiten Anteilnahme und Hilfe zuteil wurde.

"Vielseitige Sammlungen - auch in den serbischen Grenzgemeinden - erzielten günstige Erfolge. Das menschenfreundliche Verhalten der benachbarten Grenzbevölkerung den Verunglückten gegenüber lieferte ebenfalls einen Trost, dass die feindseligen Strömungen gegen die Grenzkolonien nicht im eigentlichen Volke, sondern nur bei einzelnen nationalitätenfeindlichen Hetzern anzutreffen seien.

Nach dem Wiederaufbau der Wohnhütten widmete man sich erneut der Ausbesserung, Erhöhung und Verstärkung der Dämme. Wie notwendig diese Arbeiten waren, zeigte schon das folgende Jahr 1868, dessen außerordentliches Hochwasser nicht nur das Niveau vom Vorjahr übertraf, sondern auch den bis damals höchsten bekannten Wasserstand von 1830.

Das zurückgebliebene Überschwemmungswasser des Jahres 1867 und das eingedrungene Sickerwasser von 1868 und der folgenden außerordentlichen Hochwasserjahre bis 1870 brachten es mit sich, dass die Kolonisten nicht nur verschiedentlich  Nahrungssorgen hatten, sondern auch noch durch die dauernde körperliche Überanstrengung beim Dammbau bei jedem Wetter vielfach an ihrer Gesundheit Schaden litten.

Wir Älteren wissen noch aus eigener Erfahrung, dass die Rudolfsgnader Pferde kaum 18 Jahre alt wurden, - im Gegensatz zu den Pferden auf der "Hed", wo sie über zwanzig Jahre alt wurden und noch den ganzen Tag eingespannt waren.

Ähnlich war es auch mit den Menschen. Der jahrelange Raubbau zehrte an ihren Kräften und ließ zahlreich Männer und Frauen frühzeitig ins Grab sinken.

Erst in den Jahren 1874 und 1875 konnten die Rudolfsgnader Felder annähernd alle bestellt werden, so war es dann möglich, Getreidevorräte für die nächste Zukunft anzulegen.

Wie nötig solche Vorsorge war, zeigte schon das Jahr 1876 das Rudolfsgnad nach zehnjährigem Bestehen eine zweite Total-Überschwemmung brachte. Rudolfsgnad war das letzte Opfer der zahlreichen Katastrophen dieses Frühlings. Als die Hochwasserfluten Ende März 1876 sowohl an den Theiß-Damm oberhalb des Dorfes, als auch den Damm an der Karasch im Süden durchbrachen, waren die anderen sieben Grenzkolonien bereits alle überschwemmt. Die meisten von ihnen sind nicht mehr aufgebaut worden.

Der angerichtete Schaden war enorm. In fast ganz Europa wurden für die Überschwemmten Sammlungen veranstaltet, die bedeutende Geldbeträge einbrachten. Rudolfsgnad blieb aber auch bei der Verteilung der milden Gaben unberücksichtigt. Das Stuhlamt (Landratsamt) berichtete nämlich der übergeordneten Komitatsbehörde, die Rudolfsgnader hätten bei der Evakuierung ihrer Gemeinde vor den Augen der Behörde mehr Getreidevorräte weggefahren, als in allen übrigen Gemeinden des Perleßer Stuhlbezirkes damals insgesamt Getreide vorzufinden war!

Die Rudolfsgnader Gemeinde wurde auch sonst von den ungarischen Behörden oft stiefmütterlich behandelt. Seit der Auflösung der Militärgrenze 1872 fiel sie ganz in die Zuständigkeit der ungarischen Provinzialverwaltung. Mit dieser hatten die bedrängten Väter und Großväter noch seinerzeit in Etschka keine guten Erfahrungen gemacht. Die Nachkommen waren aber diesen chauvinistischen kleinen Machthabern gänzlich ausgeliefert.

Als der ungarische Landtag nach den Überschwemmungskatastrophen des Jahres 1876 den Wasserregulierungsgesellschaften zur Wiederherstellung der Schutzdämme hohe Darlehen gewährte, bekamen die Rudolfsgnader nichts, weil sie keiner solchen Gesellschaft angehörten. Als am engsten an dem Wasserschutz Interessierte führten sie ihren Dammbau unter eigener Leitung mit eigener Kraft in eigener Regie durch.

Von den in den Jahren 1866 bis 1868 auf ärarischen Riedfeldern gegründeten acht Grenzdörfern war Rudolfsgnad die einzige Gemeinde, die ihre Lebensfähigkeit bewiesen hat.

Rudolfsgnad wurde deshalb öfters von behördlicher Seite als Mustergemeinde hingestellt.

Die Großväter haben immer wieder betont, dass ihr endlicher Erfolg u.a. auch dem Umstand zu verdanken sei, dass die Dammbauarbeiten keinem Unternehmer oder Konsortium anvertraut worden waren, sondern immer mit sparsamsten Kosten in eigener Regie durchgeführt wurden. Die übrigen sieben Rieddörfer beschritten den gegenteiligen Weg – und wurden zum größten Teil aufgelöst.

Dabei haben die Rudolfsgnader das Doppelte an Erdreich für den Dammbau verwendet, als in der Ansiedlungsbewilligung berechnet und vorgeschrieben war.

Die Rudolfsgnader konnten auch keine Hypothekendarlehen auf ihre Liegenschaften aufnehmen, "weil die Behörden in unerklärlicher Weise die Anlage des Rudolfsgnader Grundbuches so lange vernachlässigten". Ein diesbezüglicher Befehl des Kaisers wurde erst nach 17 Jahren durchgeführt!

So waren die Ahnen gezwungen, teure Personalkredite zu sehr hohen Zinsen in Anspruch zu nehmen: 20 Prozent und mehr mussten im vor hinein an die privaten Darlehensgeber bezahlt werden. Wenn die Höhe des Darlehens z.B. 6 000 Guden betrug, bekam die Gemeinde bzw. der private Darlehensnehmer bei Einbehaltung der zinsen nur 5 000 Gulden ausbezahlt. Es sind aber auch Fälle mit 30 Prozent Zinsen verbürgt.

Unter solchen Bedingungen zu siedeln und trotzdem aller Widerwärtigkeiten eine blühende Gemeinde aufzubauen, grenzt ans Wunderbare!

Die Ahnen beklagen sich, dass man bei der Kolonisation ein "den Zeiterfordernissen entsprechendes Werk geschaffen", dasselbe aber in die alte Form des Militärrockes gesteckt habe. Die alte bürokratische Verwaltung der Militärgrenze, wo alles "reglementmäßig"  behandelt wurde und die nachfolgende ungarische  Provinzialverwaltung nahmen keine besonderen Rücksichten auf die speziellen Bedürfnisse der neuen Kolonie.

Besonders angefeindet wurde Rudolfsgnad von gewissen serbischen panslawistischen Kreisen des Banats.

Die gleichen Kreise, die von Anfang an gegen den Zuzug der Deutschen in die Militärgrenze waren und die auch das erste Gesuch um die Ansiedlung beim Kaiser in Wien zu Fall brachten,  verfolgten die Kolonie auch noch nachher ununterbrochen mit ihrer nationalistischen Hetze.

Die Pantschowaer serbische Wochenzeitung "Pancevac" war das besondere Sprachrohr dieser Chauvinisten, die schon vor der Gründung von Rudolfsgnad dessen Vernichtung planten.

In welche Zusammenhänge die Panslawisten die deutsche Besiedlung des Banats brachten, geht aus einem Artikel des genannten Blattes vom 31.01.1871 hervor. Es heißt darin u.a. wörtlich:

"Die Großdeutschen sind sehr politisch. Ihre Politik fordert nach den Worten ihrer berühmtesten Männer die Anektion des Orients an Großdeutschland. Um aber dahin zu gelangen, brauchen die Großdeutschen eine Brücke. Diese Brücke ist jedoch nur so möglich, wenn die kompakte Masse des Volkes an der unteren Donau gespalten und durchbrochen wird. Diese Durchbrechung übernimmt das Kriegsministerium - bei welchem auch die Großdeutschen sich einzunisten verstanden, - durch Anlegung von deutschen Kolonien im Deutsch-Banater Grenzregimente. Um aber für die Kolonien Platz zu gewinnen, musste man die Riede trocken legen, und um dies bewerkstelligen zu können und die Fremdlinge (dosljaci) ansiedeln zu können, musste man die Donau durch Dämme in ein regelmäßiges Bett leiten.  Das ist zwar eine schwierige und kostspielige  Arbeit, die aber nahe daran ist zu misslingen."

Ein k. u. k. Major, Johann Ritter von Stefanovics, tat sich als besonderer Feind und Verfolger der deutschen Grenzkolonien hervor. Wie groß dessen Einfluss war und wie weit seine Beziehungen reichten, ist daraus ersichtlich, dass er am 04.01.1883 in der Wiener "Presse" einen Artikel veröffentlichte mit der unverschämten Forderung, "dass auch das Dorf Rudolfsgnad im Riede bei Titel geräumt werden müsse."

Eine sonderbare Verfolgungsart und Plage waren für die Rudolfsgnader in den ersten Ansiedlungsjahren serbische Viehdiebe von jenseits der Donau. Einen besonders schlechten Ruf hatten diesbezüglich die syrmischen Dörfer Surduk und Slankamen. In einem Bericht darüber heißt es u.a.:

"Unzählige Rudolfsgnader Pferde wurden bei den schwierigen Dammbauarbeiten, wo die erschöpften Arbeiter mit ihren ermüdeten Zugpferden häufig in Freien übernachten mussten, durch die erwähnten Diebe gestohlen. In ganz kurzen Distanzen konnten dieselben im dichten Gestrüpp den geeigneten Moment erhaschen, die weidenden Pferde weg und auf die nahe gelegenen Inseln hinüberschaffen."

Trotz aller Schwierigkeiten und Schicksalsschläge war der Bestand der neuen Gemeinde nach der überstandenen zweiten Überschwemmung 1876 und dem Hochwasser der folgenden vier bis fünf Jahre nunmehr gesichert.

Die zähe Arbeitskraft und der unermüdliche Fleiß der Kolonisten erzielten sichtbare Erfolge auf dem jungfräulichen Boden. Eine mäßige, aber doch merkliche Aufwärtsentwicklung war auf allen Lebensgebieten festzustellen.

Nach dem Urteil des Regierungspräsidenten des Komitats Torontal, Josef v. Hertelendy, gehörte Rudolfsgnad in dieser Zeit schon zu den bestgeordneten und reichsten Gemeinden  seines Gebietes. Er nannte Rudolfsgnad eine Mustergemeinde und stellte sie den anderen Dörfern als Beispiel hin.

In diesen Jahren waren auch schon ansehnlichere Wohnhäuser errichtet worden, größere Stallungen und Wirtschaftsgebäude, die Rudolfsgnader konnten sich bessere Kleider leisten und waren ein zufriedenes glückliches Volk geworden.