Als ich noch ein Ratscherbub war

Eine gute Strecke hinter dem kleinen oberösterreidrischen Dorf steht ein kahles Barackenviereck, weithin sichtbar und auffallend durch seine nüchterne Trostlosigkeit. Obwohl die Straße dahin von großen breitwüchsigen Birnbäumen umsäumt ist, steht bei diesen Elendsbehausungen kein einziger Baum oder Strauch, um seinen Schatten, trauliche Geborgenheit und Vogelsang jenen zu spenden, die seit Jahren heimat- und rechtlos auf den Seitenstraßen des Lebens wandeln.

Von weitem sahen die Baracken aus, als würden sich ob ihrer armseligen Blöße verschämt in die Erde ducken. Es ist, als wollten sie das große Viereck des Hofes vor fremden Blicken schützen, denn Elend und Armut reichen sich hier in den verschiedensten Variationen die Hände. Der schlüpferige und ausgetretene Weg führt die Böschung hinauf und einen Augenblick hält der Beschauer inne, um das sich hier Darbietende in seiner ganzen Armseligkeit zu erfassen.

An der einen Bretterwand sitzt im wärmenden Sonnenschein ein alter Mann. Sein Haar ist schütter und schlohweiß, das Gesicht, von einer krankhaften Blässe ist jetzt der Sonne zugewendet und scheint wie ein Verdurstender die wärmenden Strahlen in sich aufzunehmen. Die abgearbeiteten knochigen Hände ruhen auf den Knien und mit einem keuchenden Laut hebt und senkt sich die Brust des Alten. Sein Anzug ist arg abgetragen und hängt lose auf der schmächtigen Gestalt.

Vier Buben kommen soeben die Böschung herauf. Im Arm tragen sie einen schäbigen Beutel aus Sackleinen, darin ihre Bücher und Hefte Platz gefunden haben. Sie kommen aus der Schule.

Als sie den Großvater erblicken, rufen sie ihm ein einfaches "Grüß' Gott!" zu und während seine zwei Enkelkinder entschlossen auf ihn zutreten, folgen die beiden anderen nur zögernd. Die Ersteren gehören seiner Tochter und haben weder Vater noch Mutter. Den Schwiegersohn hat der Krieg verschlungen, während die Tochter als Zwangsverschleppte in Rußland tödlich verunglückte. Längst gehören die beiden Alten in das Ausgedinge und sie hätten diesen Erdenweg gerne mit dem Jenseits vertauscht. Aber noch mußten sie für die Kinder am Leben bleiben. Ihr tägliches. Gebet gipfelte jeweils in der Bitte "Herr, schenk uns noch ein paar Jahre, bis die Buben sich allein weiterhelfen können."

"Großvater",  sagte der eine Junge, "dies war heute unser letzter Schultag vor Ostern. Morgen ist Gründonnerstag, da sind wir schon frei."

"Morgen ist Gründonnerstag..." wiederholte der Greis und seine Augen haben plötzlich einen sonderbaren Glanz. Buben, wenn wir noch daheim in Rudolfsgnad wären..., ihr könnt euch nicht vorstellen, wie viel Freude euch der morgige Tag gebracht hätte. Ihr wart noch. viel zu klein als wir fort mussten, um euch alles Schöne aus unserem Dorfleben einzuprägen, Ihr wißt nicht, wie schön wir Feste feiern konnten!"

"Ha, bei uns gibt es die Ostereier erst am Ostermorgen. Habt ihr sie daheim vielleicht schon am Gründonnerstag bekommen?" Der Junge, der diese Frage stellte, schaut belustigt zuerst auf die beiden Enkelkinder des Alten, dann auf diesen selbst. Er stammt aus Slawonien, wo es andere Sitten gab, wie ja auch im Banat nicht in allen Dörfern die gleichen Sitten und Gebräuche herrschten.

"Nein, das nicht, aber für jeden echten Buben in eurem Alter war die Zeit vom Gründonnerstag bis zum Ostersonntag fast die schönste Zeit des ganzen Jahres."

Verwundert sehen die beiden fremden Buben dem Greis ins Gesicht. Und der eine Enkel sagt rasch und beinahe ungeduldig:

"Großvater erzähl uns davon wie im vergangenen Jahr." Und schon setzte er sich neben ihn auf die Bank und die anderen Buben folgen seinem Beispiel. "Großvater, erzähl uns davon wie im vergangenen Jahr." beginnt: "Für uns Buben, die wir regelmäßig und gerne ministrierten, begann die Freude auf das Osterfest schon Wochen vorher. Unsere Gespräche drehten sich in jener Zeit fast ausschließlich um das ehrenvolle Amt eines Ratscherbuben." "Ihr wißt doch, daß die Glocken am Gründonnelstag während der Messe fortfliegen und erst am Karsamstag wieder zurückkommen. Und damit die Leute wissen, wann sie morgens beten müssen, wann die Messen und sonstige Feierlichkeiten in der Kirche stattfinden, daß Mittag ist, was am Abend gebeten werden soll, gehen die Buben mit den Ratschen durch das Dorf und verkünden, was jeweils zu tun ist." Nun schöpfte der Alte tief Atem und setzt dann ruhiger fort:

"Rudolfsgnad ist doch von drei Seiten von Wasser umgeben und wird gegen das Hochwasser der Donau, der Theiss der Bega durch hohe Dämme geschützt. Als Kinder spielten wir besonders gern auf dem Theissdamm, der sich entlang des ganzen Dorfes hinzieht, denn das angrenzende Vorland bis hinunter zum Flußbett war mit Weiden bewachsen und die trieben um diese Zeit die schönsten Palmkätzchen und hatten meist schon ein zartes lichtgrünes Gewand an. Und das war gerade die richtige Zeit, da man aus den Weidenruten die besten Pfeifle herstellen konnte. Während wir schnitzten und uns unermüdlich im Pfeifen versuchten, berieten wir eifrig, wer welche Gasse zugeteilt erhalten würde, sagten unsere Sprüche her und malten uns aus, wie viel Eier und Geld wir beim Ratschen verdienen würden."

"Am Gründonnerstag in der Früh war es dann soweit, da teilte der Messner uns Ministranten die Häuserzeilen zu und jeder Bub hatte die Reihe genau einzuhalten. Keine Gasse und kein Haus durfte vergessen werden. Unter den Ministranten gab es eine festgelegte Rangordnung. Diejenigen vier, die immer zur Hand waren und pünktlich ihren Dienst versahen, waren die "ersten Ministranten" und wurden jetzt belohnt. Sie bekamen je eine halbe Hauptgasse mit beiden HäuserzeiIen zugeteilt und nahmen, sich einen Gehilfen." Am Gründonnerstag flogen also die Glocken während des Vormittagsgottesdienst fort. Nach altem Glauben fliegen sie zum Papst nach Rom, wo sie zum Andenken an die große Leidens- und Sterbezeit des Heilandes in Schweigen und tiefer Trauer verweilen." "Um 12 Uhr mittags rannten die Ratscherbuben von der Kirche aus zum erstenmal los. In der linken Hand hatte jeder einen festen Stock mit einer Eisenspitze, um sich gegen böse Hunde zu wehren und in der Rechten die Ratsch, mit der jeder einen möglichst großen Lärm schlug. Jetzt ging es gassauf und gassalb, in jedes Haus, drehten ihre Ratsch, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und riefen dann ihren vorgeschriebenen Spruch:

"Liebe Leute, laßt euch sagen,
Die Glocke hat zwöIf Uhr geschlagen!"

Darauf wieder einen kräftigen Wirbel mit der Ratsch. Dass dabei alle Hunde rebellisch wurden, war natürlich und jeder Ratscherbub hatte wochenlang nach Ostern von heldenhaften Kämpfen mit Hunden zu erzählen." Am Abend um halb sieben Uhr lief wieder jeder Ratscherbub seine Häuserzeile entlang bis ans Dorfende, ratschte und rief in jedes Haus den Spruch:

"Liebe Leut', es ist Betzeit,
Daß ihr euch zum Beten bereit',
Kniet euch nieder und betet
Den Engel des Herrn - ,Ave Maria'!"

"Am Karfreitag in der Früh mußten wir schon um fünf Uhr aufstehen, damit wir rechtzeitig vor der Kirche eintrafen, denn um 6 Uhr gings wieder los, ratschten und in jedes Haus die Mahnung:

"Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruß,
daß jeder katholische Christ weiß, daß er beten muss!"

Auf dem Rückweg mußten wir nochmals in jedes Haus hinein und verkünden:

"Um 9 Uhr Gottesdienst und Grablegung!"

Am Mittag galt auf dem Hinweg der gleiche Spruch wie am Vortag, dagegen auf dem Rückweg:

"Um 3 Uhr Predigt, um 6 Uhr Einsetzung!"

"Zur Kreuzwegandacht nach der 3 Uhr Predigt versammelte sich fast das ganze Dorf und es galt als selbstverständliche Pflicht für jeden, am Grab Christi sein Gebet zu verrichten und die fünf hl. Wundmale zu küssen."

"An diesem Abend mußten wir dasselbe ratschen wie am Gründonnerstag abends und am Karsamstag in der Früh auf dem Hinweg das gleiche wie am Karfreitag, auf dem Rückweg jedoch

"Um sieben Uhr Kohleweihe, Wasserweihe,
Um neun Uhr die Mess´!"

"Die Wasserweihe war schnell abgetan und hatte für uns Buben keinen besonderen Reiz. Dagegen war die anschließende Kohleweihe einer der besonderen Hauptpunkte des Osterfestes für uns Ministranten. Beim Judverbrennen und Judlaufen konnte man seine Kräfte messen und besonders beim Feuerspringen konnte jeder seinen Mut unter Beweis stellen und Ansehen gewinnen. Das waren sicher heidnische Frühlingsbräuche, die mit der Vertreibung und symbolischen Verbrennung des Winters zusammenhängen und da mit einer kirchlichen Handlung verbunden wurden. Das Feuerspringen sollte Gesundheit und Kraft geben und die nach Hause gebrachte Kohle alles Vieh vor Krankheit bewahren."

"Während der 9-Uhr Messe kamen die Glocken von Rom zurückgeflogen und damit war der Ratscherdienst zu Ende. Nach dieser Messe gingen wir dann Eier sammeln. Jeder Ratscherbub war jetzt ein Herr und hatte zwei Buben aus dem Dorf als Gehilfen, die einen großen Korb trugen, dessen Boden mit Stroh ausgelegt war, um die Eier nicht zu zerbrechen. In der freien Hand trug jeder einen festen Stock, um sich gegen die Hunde zu verteidigen und mancher Gehilfe auch noch zusätzlich eine Ratsch, um den Schlußakt möglichst kräftig und feierlich zu gestalten. Dabei wurde in jedem Haus folgendes Lied gesungen:

"Liebe Leut', wir kommen zur Osterzeit,
Gibt uns Eier, gibt uns Geld,
Gibt uns alles, was euch gefällt,
Nur ke Schläg, die tun weh,
Eccu, eccu russafee, Tamburee,
Die Eier sind gebacken, wir haben sie
hören knacken,
Wir haben sie hören klingen, die Jungfrau
soll sie bringen,
Glück ins Haus, Unglück naus!
Bringt paar Dutzend Eier raus,
Oder wir schlagen a Loch ins Haus!
Paar Kreuzez für die grüni Jud."

Den Abschluß bildete ein langer Wirbel mit der Ratsch. Danach legte uns jede Hausfrau einige frische rohe Eier oder gar hartgekochte gefärbte Eier in den Korb und gab uns obendrein noch Geld und ein Stück vom Kranzkuchen."

"Ihr könnt euch denken, daß dabei jeder Ratscherbub viele Eier erhielt und darauf auchr außerordentlich stolz war. In seiner Familie war er der anerkannte Held des Osterfestes. In manchen Jahren habe ich auch über 15o Eier zusammengebracht. Meine Mutter hat sie meist verkauft und mir von dem gesammelten Geld einen neuen Anzug gekauft für den Kirchgang." "Kam es einmal ausnahmsweise vor, daß eine Hausfrau zu dieser Tageszeit nicht daheim sein konnte, so trug sie den Ratschlohn dem betreffenden Buben ins Haus. Freilich gab es auch solche Bengel unter uns, die, wenn sie ein Haustor versperrt fanden oder niemand zu Hause war, mit ihrem Stock den für Ostern frischgemachten, blaugestrichenen Sockel des Hause beschädigten. Sie versuchten die Drohung "Oder wir schlag'n a Lodr ins Haus" zu verwirklichen."

Was das Essen anbetrifft, waren die Kartage nicht besonders reich und erfreulich. Nach altem Volksbrauch durfte man sich 3 Tage lang nicht ordentlich sattessen. Am Gründonnerstag wurde schon streng gefastet und kein Fleisch und kein Speck gegessen. Am Mittag hatte fast jedes Haus Spinat mit Spiegeleiern oder Eiernockerln mit grünem Salat; bei reicheren Leuten gab es Fisch.


Der Karfreitag aber war der strengste Fasttag des ganzen Jahres. In vielen Häusern wurde an diesem Tage überhaupt nicht gekocht, in anderen nur eine Suppe. Man aß zwischendurch gepatschten Kukuruz oder Kranzkuchen, hungerte aber absichtlich, um seine Teilnahme am Leiden Christi zu bekunden. Auch der Karsamstag wurde noch als Fasttag gehalten, bis am Abend nach der Auferstehungsprozession, - der freudigen Stimmung entsprechend, die in allen Kirchen durch das gemeinsame Lied: "Der Heiland ist erstanden, befreit von
Todesbanden..." hervorgerufen wurde, - dann zu Hause der erste Osterfestbraten aufgetragen wurde."

"Der Ostersonntag wurde als größter Festtag gefeiert. überall herrschte reine Freude und eine weihevolle Feststimmung lag über allem. In der Kirche das viele Alleluja, der Jubelgesang auf dem Altar und auf dem Chor über die Auferstehung Christi, den Sieg des Lebens über den Tod. Aber auch außerhalb der Kirche machte die bedrückende Traurigkeit der Kartage einem freudigen und befreienden Gefühl Platz. Am größten war jedoch die Freude bei den Kindern, denn der Ostersonntag war der Tag, an den allen Kinder bis etwa zum 14. Lebensjahr von ihrem Taufpaten und der God beschenkt wurden, wie zu Weihnachten. Jetzt gab es vor allem verschieden gefärbte Ostereier, auch verzuckerte und aus Chokoladi, dann Orangen, Apfel, Feigen, Zwetschken und ein Taschengeld, über das jedes Kind selbständig verfügen konnte. Da gab es immer ein Hallo, ein Zusammensparen und Vergleichen, ein Schmausen und Vergeuden."

"Nicht ganz so interessant und freudig waren die Ostertage für die größeren Buben und Mädle. Sie langweilten sich etwas und wußten mit ihrer Freizeit nichts anzufangen. Ins Wirtshaus zu gehen, das schickte sich nicht; so machten sie Besuche untereinander, gingen auf dem Damm und am Theissufer spazieren, - bis endlich am Nachmittag des Ostermontag das große Ereignis für sie eintrat und der allgemeine Tanz im großen Wirtshaus freigegeben wurde." "Das war dann immer bei ihnen der Höhepunkt des Osterfestes und zugleich auch für alle der Abschluß." "Seht ihr Buben, so reich und so schön war unser Leben zu Hause, als ich noch ein Ratscherbub war!"